Bayreuth Baroque: Festival barocker Opernkunst. Bayreuth. 4. bis 14. September
Es war eine Erfolgsgeschichte von Anfang an, wobei die Formel «szenische Barockoper im vielleicht prächtigsten erhaltenen Barockopernhaus der Welt» zwar einfach anmutet, aber auch erst einmal mit kreativem Leben erfüllt werden muss. Max Emanuel Cencic, inzwischen 48-jähriger Countertenor, Regisseur, Impresario, Agenturbesitzer, Entrepreneur und Intendant in einer Person, ist das seit 2020 bereits fünfmal mit seinem Festival gelungen.
Bei «Bayreuth Baroque» geht es speziell zu, man tritt mit Twist auf und unterscheidet sich durchaus von anderen Darmsaiten-Festivitäten. Das legt schon die gelinde gesagt exzentrische, dabei durchaus herzliche Persönlichkeit des Prinzipals dieser tontollen elf Festspieltage nahe. Und ohne Widerstände gelangen die bisherigen Triumphe mit Opern von Vinci, Händel, Porpora oder Gluck auch nicht.
Dieses Jahr wurde die Planung behindert, weil die als Friedrichsforum entkernte und ertüchtigte Stadthalle als Spielort wegen Bauverzögerungen doch noch nicht zur Verfügung stand. Beim Auftakt 2020 herrschte die Pandemie und zwang zur Halbierung des Publikums. Dann ruckelt es immer wieder mit der Theatereigentümerin Bayerische Schlösserverwaltung, sprich dem Finanzministerium, welches hier nur Führungen und eigentlich kein lebendiges Theater wünscht.
Man tritt mit Twist auf und unterscheidet sich durchaus von anderen Darmsaiten-Festivitäten.
Dabei erstrahlt dieses Opernhaus doch nur bei einem pomphaft-üppigen Musiktheaterspektakel in schönstem Glanz. So wie schon als Kulisse in dem 1994 gedrehten «Farinelli»-Spielfilm. Bei den berühmten italienischen Theaterarchitekten Bibiena in Auftrag gegeben, wurde der Bau 1748 von der weitsichtigen, künstlerisch selbst hochbegabten Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth – als Schwester des Preussenkönigs Friedrich II. war sie kulturmäzenatisch geübt. Anlass war die Hochzeit ihrer einzigen Tochter (die schon bald wieder geschieden wurde).
Inzwischen ist das akribisch sanierte (und um ein Museum ergänzte) Theaterjuwel nicht nur Unesco-Weltkulturerbe, sondern eben auch Festivalort und ganz besonders ein schneller Brüter für immer neue Variationen von Countertenören – vom hysterischen Sopranisten bis zur uralten Alt-Amme. Max Emanuel Cencic liefert verlässlich erstklassigen Nachschub, wie etwa Maayan Licht, Denis Orellana, Bruno de Sá oder gegenwärtig Nicolò Balducci. Auch wenn ihn diesmal die Salzburger Festspiele ein wenig in Besetzungsnöte brachten, weil dort im Sommer zehn Countertenöre beschäftigt waren. Das gab es noch nie, und es zeigt, wie gross die Wertschätzung für dieses lange als exotisch abgetane Stimmfach inzwischen geworden ist.
Fest für Raritätensammler
Von Beginn weg war klar: Bayreuth Baroque will das Besondere pflegen, hier sollen vornehmlich Opern erklingen, die seit Hunderten von Jahren kein Menschenohr mehr gehört hat. Was bestens funktioniert, die Raritätensammler und Trüffelsucher versammeln sich, kaum haben die Wagnerianer ihren Gralstempel auf dem Grünen Hügel verlassen, verlässlich unten in der Stadt in jenem Theatertraum, der einst Richard Wagner nach Oberfranken gelockt hatte. Er liess aber dann doch lieber sein eigenes Festspielhaus erbauen.
Bereits zum sechsten Mal eröffnete nun also im schönsten Barockopernhaus der Welt das Bayreuth Baroque Opera Festival, diesmal mit einer venezianischen Oper. Max Emanuel Cencic brachte erstmals seit 1666 Francesco Cavallis «Pompeo Magno» auf die Bühne zurück und sang selbst die Titelrolle. Es wurde eine opulente Singangelegenheit in schönsten historischen Kostümen und mit üppigem Masken- wie Perückenwerk.
Dreizehn grossartige Solisten standen auf der Szene, die den Handlungsort des antiken Rom mit der Dogenherrschaft im Renaissance-Venedig der Werkentstehungszeit ersetzte und zu einem prallkomischen, satirischen und tragischen Opernwimmelbild anreicherte. Sogar neun kleinwüchsige Schauspieler tummelten sich erotisch-grotesk zwischen tollen Sängern, mehrere Generationen in Tiepolo-Roben und Commedia-dell’-arte-Kostümen. Der gefeierte Cavalli-Spezialist und in Genf lehrende Experte der Musik des italienischen Seicento, Leonardo García-Alarcón mit seiner Cappella Mediterranea, hat den «Pompeo» mit vielen bunten, sogar jazzigen Instrumentalfarben quasi neu komponiert.

