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Fotzipation

Tamara Wernli

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Zwischen feministischer Provokation, Selbstinszenierung und dem bösen Patriarchat.
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Let’s talk about Ikkimel. Die Rapperin, bürgerlich Melina Gaby Strauss, ist in Deutschland ein Superstar und für viele ihrer jungen Fans eine Ikone des modernen Feminismus. 27 Jahre alt, schlank, hübsch, goldbraune Locken. Vulgäre Sprache, hypersexuelle Inszenierungen (sie nennt ihren Stil selbst «Fotzenstyle») und Provokation gehören zu ihrem Markenzeichen – ebenso wie die Botschaft, dass Frauen keine Männer bräuchten. Ikkimel ist eine Kunstfigur mit hohem Wiedererkennungswert; ihre Tracks basieren auf simplen, aber eingängigen Beats. Ihr Debütalbum («Fotze») und ihr zweites («Poppstar») sind erfolgreich. In ihren Musikvideos sieht man Männer in Hundezwingern oder Menschen beim Ketaminkonsum. Ikkimel ist gerne wütend – auf Männer. Überhaupt dreht sich vieles um diese Spezies, der sie es irgendwie heimzahlen will. Männer werden in ihrem Werk regelmässig lächerlich gemacht und vorgeführt; das Patriarchat soll abgeschafft werden.

Illustration: Fernando Vicente
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Illustration: Fernando Vicente

Rache an Männern – das macht sie in der heutigen Zeit zur guten Feministin. Ikkimels Mission ist es, so scheint’s, den Spiess umzudrehen und eine Umkehr von Machtverhältnissen zu inszenieren, mit sexistischer Sprache aus einer, wie es heisst, radikal weiblichen Perspektive. Gerade zum männlichen Rap, der Frauen oft sexualisiert und abwertet, setzt sie ein Gegenbild. Und so habe man sich das Wort «Fotze» zurückgeholt und umgedeutet, «um sich gegenseitig zu empowern». Viele junge Frauen fühlen sich dadurch tatsächlich ermächtigt. Einmal twerkte sie vor einer Marienstatue – ein Akt, den sie wohl für ausserordentlich rebellisch hielt, der jedoch, wie zu erwarten war, einen Shitstorm in der christlichen Community auslöste. Das Ganze erinnert an die junge Madonna, nur hat diese damals eine Mehrheitsgesellschaft schockiert. Heute wirkt Sexualität und Provokation im Musikgeschäft vor allem eins: vertraut. Und für wen genau twerkt sie denn?

Auf jeden Fall: Ikkimels Kritik am Rap ist richtig. Doch mit ihrer Kunstfigur begibt sie sich auf dasselbe Niveau, das sie als erniedrigend und falsch empfindet. Männern den Spiegel vorzuhalten, verliert an Überzeugungskraft, wenn es sich in ähnlichen Mustern reproduziert. Was bei Männern falsch ist, macht es bei Frauen nicht richtig.

Auch die sexualisierte Selbstinszenierung, als female Empowerment gefeiert, bleibt widersprüchlich. Selbstverständlich steht es Frauen frei, sich zu kleiden, zu zeigen und ihren Körper einzusetzen, wie sie wollen – und es ist wunderbar, dass wir Frauen diese Wahl haben. Nur hat Sexualisierung nichts mit Feminismus zu tun; es ist ganz einfach Selbstmarketing. Manche würden einwenden, doch, es sei Empowerment, weil es Frauen ermutige, selbstbestimmt zu handeln und sich nicht von gesellschaftlichen Rollenbildern einschränken zu lassen. Im Jahr 2026? Die Rebellion ist längst vorbei. Wir werden seit vielen Jahren zugedröhnt von freizügigen Anblicken – egal, ob im Alltag, in der Werbung, auf Instagram, roten Teppichen, Showbühnen oder in Musikvideos.

Und dann schreibt ausgerechnet der feministische Spiegel vergangene Woche, sie habe sich «selbst entzaubert». Auf einer Release-Party sagte Ikkimel: «Mein neues Album ist fotzig, feminin und geil.» Hätte sie nach dieser Aussage besser einfach getwerkt. Stattdessen bedankte sie sich bei ihren musikalischen Mitarbeitern – «durch sie wirke ich so, wie ich wirke». Sie nannte sechs Männer und eine Frau: Management, Grafik und Video sind in männlicher Hand, selbst ihre Botox-Termine organisiert nach eigener Aussage ein Mann. Ihre Verteidigung: «Ja, ich weiss, schon wieder ein Mann, aber er ist wirklich einer von den guten.» Selbst der Spiegel zeigte sich ungnädig: Sie habe massenhaft junge Frauen davon überzeugt, keine Männer zu brauchen, und mache Männer in ihrer Kunst immer wieder zum Ziel von Unterdrückung und Blossstellung. Ihre Botschaft sei wichtig, aber: «Ikkimel hat das Patriarchat offenbar keineswegs überwunden. Sie ist sein Produkt.»

Für diese Erkenntnis braucht es freilich keinen Spiegel. Feministische Kritik an männlich geprägten Strukturen ist stets ohrenbetäubend laut – während man gleichzeitig überhaupt nichts dagegen hat, durch und durch von ihnen zu profitieren. Die Zerstörung des Patriarchats ist jedenfalls vorerst gescheitert.

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