Hotels brauchen ein klares Profil. Insbesondere in der gehobenen Hotellerie sind, obschon nach wie vor Rekordlogiernächte verzeichnet werden, wenn auch keine allzu scharfen Ecken und Kanten, dann aber doch wenigstens deutlich wiedererkennbare Wesensmerkmale gefragt, die im besten Fall für eine Alleinstellung sorgen. Das gilt auch für sehr kleine Ortschaften wie Saas-Fee. Denn obschon man meinen müsste, dass die Bedingungen an dieser Tourismusdestination auf 1.800 Metern über Meer besser nicht sein könnten, gilt es sich zu vergegenwärtigen, dass Betriebe, die in den obersten Ligen mitspielen, gegen eine globale Konkurrenz antreten.
Sakis Papadopoulos
Deshalb kann und darf sich selbst ein Fünf-Sterne-Hotel wie «The Capra» in Saas-Fee mit den achtzehn Viertausendern, die zur Ferienregion Saas-Fee/Saastal gehören, nicht zufriedengeben. Ganz im Gegenteil: Für das kleine Hotel im autofreien Walliser 1.600-Seelen-Dorf gilt es den richtigen Kurs zwischen hohen Kundenansprüchen und schweizerischer Unaufgeregtheit zu finden. Zwischen internationalen Tourismustrends und lokalen Klischees, denen etwas Beliebiges und Austauschbares anhaftet.
Vorteile dank Rückzug
Auf diese Herausforderung antwortet das Hotel mit einem Retreat-Programm für die laufende Sommer- und Herbstsaison, das auf einzigartige, persönliche Momente mit Gleichgesinnten setzt. Anfang Juni wurde ein «Nutrition Retreat» unter der Leitung von Ernährungsberaterin Amanda Hamilton veranstaltet. «Ein Retreat mit transformativem Charakter, bei dem Ernährung, Natur, Achtsamkeit und Bewegung an einem der schönsten Orte der Welt zusammenkommen», schreibt die schottische Autorin und BBC-Moderatorin, die sich der «klaren, evidenzbasierten Gesundheitskommunikation» verpflichtet hat, auf ihrer Website.
Unmittelbar darauf folgte ein dreitägiges «Culinary History Retreat». Und bei den weiteren für dieses Jahr geplanten Veranstaltungen stehen Themen wie naturnahes Yoga, Mindfulness oder Frauengesundheit im Fokus, aber auch Wandern und kreatives Schreiben. Letzterer Kurs wird von Elitsa Velikova angeleitet, einer bulgarischen Psychologin und selbsternannten «Expressive-Arts-Therapeutin».

Phaedra Letrou, Tochter des Besitzerpaars, amtet als neue Creative Director des Hotels.
Das Chalet-Hotel wolle künftig vermehrt gemeinschaftliche Werte pflegen und den Menschen ins Zentrum rücken, wie Phaedra Letrou betont. Die Tochter des in London ansässigen Besitzerpaars hat griechisch-norwegische Wurzeln und ist sozusagen im «Capra» aufgewachsen. Heute ist die 25-jährige Yale-Absolventin Owner und Creative Director des Hauses. Um die strategische und operative Weiterentwicklung kümmert sie sich gemeinsam mit Group-Hospitality-Direktorin Cornelia Destouches und Hotelmanagerin Viktoria Schlegel.
Lesung mit Peter Stamm
Die Interdisziplinarität, die sie an der Hochschule kennengelernt hat, kann Letrou in ihrer neuen, postuniversitären Rolle voll ausspielen. Das fällt der Kognitionswissenschaftlerin, die vier Sprachen spricht, sich als Foodie bezeichnet und stark an Literatur, noch mehr aber an Menschen interessiert ist, ganz offensichtlich sehr leicht.
Das «Capra» ist nicht das erste Hotel, das auf gemeinschaftliche Erlebnisse setzt und Retreats veranstaltet. Doch passt dieser Ansatz sehr gut zu einem Boutiquehotel, das über lediglich 38 Zimmer und Suiten verfügt und sich eher anfühlt wie eine Ferienwohnung – ein Ort, der sich Tiefe statt Breite, Inhalt statt Wachstum wünscht.
Besonders deutlich wurde das anlässlich eines Pressebesuchs im März, an dem der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm («Agnes», «Sieben Jahre», «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt») teilnahm. Mit ihm kommt man beim Abendessen im Weinkeller ins Gespräch, der für solche Runden ein ideales Ambiente bietet. Und im Bar- und Loungebereich vor dem offenen Kamin bei Gesprächen über Gott, die Welt und die Literatur werden Freundschaften geknüpft.
Das liegt daran, dass das «Capra» eine Seele hat. Es ist keines jener Hotels, die über endlose Korridore verfügen, in denen es von Angestellten wimmelt und in denen die Lobby so gross ist wie ein Flugzeughangar. Es ist ein heimeliger Ort, an dem der Gast rasch ankommt – und an dem sich die Gäste einfach näherkommen. Das liegt vor allem daran, dass Phaedra Letrous Eltern hier ursprünglich ein privates Zuhause schaffen wollten. Es erstaunt darum nicht, wenn man erfährt, dass ihre Mutter im Bereich der Hoteleinrichtung federführend ist und gemeinsam mit Payot auch dafür sorgt, dass man überall im Haus stets genügend interessante und schöne Bücher vorfindet, was seinerseits viel zum intimen, persönlichen Charakter des «Capra» beiträgt.
Gleichzeitig gibt es genügend Optionen, um sich aus dem Weg zu gehen oder zurückzuziehen. So sind die Penthouse-Suiten bis zu 105 Quadratmeter gross, und der Wellnessbereich beläuft sich gar auf 700 Quadratmeter; zum «Peak Health Spa» gehören eine Sauna, ein Dampfbad, ein Salztherapieraum, ein Innen- und ein Aussenpool, ein Fitnessstudio, ein Yogastudio sowie Behandlungsräume und mehrere Entspannungsbereiche. Nach der Eröffnung 2015 ist das Haus kontinuierlich gewachsen und fast schon zufällig zu der luxuriösen Adresse geworden, die es heute ist. Seit 2025 ist das «Capra» sogar Teil der renommierten Vereinigung Swiss Deluxe Hotels.
«Ohne Emotionen geht gar nichts»
Bei der Q-&-A-Session nach seiner Lesung wird Peter Stamm gefragt, ob er selber an einem «guten Ort» sein müsse, um schreiben zu können. «Ich glaube, dass man, um gut schreiben zu können, ein Interesse haben muss an Menschen, denn ohne Emotionen geht gar nichts», sagt Stamm. Auch die «Capra»-Philosophie könnte mit dieser Antwort wunderbar beschrieben werden.
Dieser Text erschien im WW Magazin vom 24. Juni 2026.