Deutschland zahlt heute für Erdgas aus Norwegen rund fünfmal so viel wie noch zu Zeiten der russischen Lieferungen – obwohl Norwegen kaum mehr Gas fördert als vor der Energiekrise. Das zeigen die jüngsten Quartalszahlen des norwegischen Staatskonzerns Equinor sowie Marktdaten zum europäischen Gashandel, über die die Berliner Zeitung berichtet. Der Krieg zwischen Israel, den USA und dem Iran treibt die Preise zusätzlich in die Höhe.
Fredrik Varfjell/EPA/Keystone
Equinor steigerte seine Öl- und Gasförderung im zweiten Quartal lediglich um drei Prozent. Der Gewinn legte dagegen um 77 Prozent auf 11,48 Milliarden Dollar zu, der operative Cashflow vervierfachte sich beinahe. Konzernchef Anders Opedal führt das auf die höheren Energiepreise zurück. Die stabile Produktion habe es ermöglicht, von den gestiegenen Marktpreisen zu profitieren.
Für Deutschland hat diese Entwicklung besonderes Gewicht. Seit dem Wegfall der russischen Lieferungen ist Norwegen mit Abstand der wichtigste Gaslieferant der Bundesrepublik. Nach Angaben der Bundesnetzagentur stammten 2025 rund 44 Prozent der Gasimporte aus Norwegen. Weitere Lieferanten sind die Niederlande und Belgien, während Flüssigerdgas über die LNG-Terminals gut zehn Prozent des Bedarfs deckt. Equinor liefert unter anderem an den staatlichen Energiehändler SEFE sowie an RWE und Lichtblick.
Der starke Preisanstieg ist laut dem Bericht nicht auf höhere Forderungen Norwegens zurückzuführen. Entscheidend sei vielmehr, dass die günstigen russischen Langfristverträge weggefallen sind und Europa sein Gas heute weitgehend zum Weltmarktpreis einkauft. Während importiertes Gas an der deutschen Grenze 2020 noch rund zwölf Euro pro Megawattstunde kostete, lag der europäische Handelspreis zuletzt bei gut 60 Euro. Vor Beginn des Iran-Kriegs waren es noch rund 31 Euro. Die Spannungen im Nahen Osten und die Unsicherheit über die Schifffahrt durch die Strasse von Hormus treiben die Preise erneut nach oben. Für Verbraucher macht sich das bereits bemerkbar: Haushalte zahlten zuletzt im Durchschnitt mehr als doppelt so viel pro Kilowattstunde wie vor der Energiekrise.