Der gemietete Bauch und die geliehene Empörung: Was der Fall Spahn über Leihmutterschaft verrät
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Der gemietete Bauch und die geliehene Empörung: Was der Fall Spahn über Leihmutterschaft verrät

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Der gemietete Bauch und die geliehene Empörung: Was der Fall Spahn über Leihmutterschaft verrät
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Dieser Artikel erschien erstmals am 21. Juli 2026 auf dem Online-Portal Infosperber.

Der CDU-Politiker Jens Spahn, Fraktionsvorsitzender der Union im Bundestag und frühere Bundesgesundheitsminister, hat mit seinem Mann Daniel Funke in den USA eine Leihmutter beauftragt, ein Kind namens Georg ist geboren, und binnen weniger Tage war eine Fraktionsvorsitzenden-Karriere beendet. Nachdem Spahn das Elternglück öffentlich gemacht hatte, waren für einmal fast alle einer Meinung. Der Spiegel nannte die Art, wie Spahn Vater wurde, «verwerflich»: Der Körper der Frau werde zum Objekt, das Kind zur Ware. «Glückwunsch zum Babykauf», sagte die frühere Grüne-Jugend-Chefin Jette Nietzard. «Erbärmlich», kommentierte der familienpolitische Sprecher der AfD, Martin Reichardt. Der Senioren-Union-Vorsitzende Hubert Hüppe war «persönlich geschockt».

Christian Beutler/Keystone
Der gemietete Bauch und die geliehene Empörung: Was der Fall Spahn über Leihmutterschaft verrät
Christian Beutler/Keystone

Ebenso im Spiegel kommentierte Alexander Neubacher schliesslich: «Selten, dass sich eine junge Grüne, ein alter CDUler und ein Rechtsextremer politisch so einig waren, in der Sache wie in der Brutalität ihrer Wortwahl.»

Die Empörung ist in Deutschland so gross, als hätte Spahn mit einem Lastwagen eine sommerliche Strandpromenade umgepflügt. Stattdessen hat er einen Vertrag unterschrieben, eine Rechnung bezahlt und einen Sohn bekommen.

Ein Mann, zwei Wahrheiten

Zunächst das, was unbestritten ist: Jens Spahn hatte 2015 im GQ-Magazin geschrieben, als der Designer Domenico Dolce mit Elton John öffentlich über das Thema stritt: «Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden. Zu akzeptieren, dass ich nicht auf natürlichem Weg Vater werde, verlangt ein grosses Mass an Demut. Ob ich das aufbringen kann, weiss ich nicht.»

Offenbar weiss er das jetzt. Aber Jens Spahn hat es versäumt, seine Erkenntnis im Vorfeld öffentlich mitzuteilen, was angesichts seiner politischen Funktion notwendig gewesen wäre. Dieses Versäumnis hat ihn den Kopf gekostet. CDU-Staatssekretär Michael Brand sagte: «Was Jens Spahn hier getan hat, ist eine echte Zumutung und unglaubwürdig, das muss man so klar sagen.» Und weiter: «Nun hat er über ein Jahr hinweg das dennoch für viel Geld organisiert. Und das bewusst unter Umgehung des deutschen Rechts in den USA. Damit hat er zwar nicht formal, aber moralisch klar Rechtsbruch begangen.»

Das ist kein unfairer Einwand. Wer als Politiker eine Haltung öffentlich vertritt und sie privat unterläuft, muss sich an höheren Massstäben messen lassen als der Rest. Glaubwürdigkeit ist die Währung, die ein Fraktionschef besitzt.

Ein Objekt unterschreibt keine Verträge

Damit landen wir bei der Verwechslung, die diese Debatte prägt: der Verwechslung von Heuchelei-Kritik mit Sachkritik an der Leihmutterschaft selbst. Der Spiegel und viele andere vermischen beides: den Vorwurf der Heuchelei – Spahn habe sich privat erlaubt, was er politisch bekämpfte – und den Vorwurf der Sache, die blosse Behauptung, wie sie der Spiegel erhoben hat, kommerzielle Leihmutterschaft mache «den Körper der Frau zum Objekt». Ein Objekt unterschreibt keinen Vertrag. Es verhandelt auch kein Honorar. Und es lässt sich nicht von einer eigenen Anwältin beraten. Die Leihmutter aber tut all das. Objektiviert wird sie nicht durch diesen Vorgang, sondern durch die Debatte, die ihr die Entscheidungsfähigkeit abspricht.

In der Schweiz wurde der Mitte-Politiker Dominik Mazur 2017 auf demselben Weg Vater – auch die Schweiz verbietet Leihmutterschaft, und auch seine eigene Partei, die Mitte, lehnt diese offiziell ab. Es ist dieselbe Konstellation wie bei Spahn und der CDU. Wie Spahn ging Mazur deshalb in die USA.

«Es handelt sich meines Erachtens um eine unschöne, moralisch aufgeladene Politposse», sagt Mazur im NZZ-Interview über den Fall Spahn. «Viele wissen zum Beispiel nicht, dass eine Leihmutter in den USA das Kind zwar austrägt, die Eizelle aber von einer anderen Frau stammt. Der Vorwurf, man reisse der Leihmutter ihr Kind weg, ist also falsch.» Und mit Blick auf sein eigenes Umfeld: «Wenn man den Leuten den Prozess erklärt, wird die Leihmutterschaft auch meistens akzeptiert.» Weiter sagte er: «Für mich war es wichtig, eine Leihmutter in den USA zu finden. Denn dort gibt es strenge Regeln, es werden medizinische und psychologische Tests durchgeführt, und das Ganze ist juristisch abgesichert. Wir haben einen mehrseitigen Vertrag mit der Leihmutter abgeschlossen, in dem neben der Bezahlung auch eine ganze Reihe weiterer wichtiger Fragen wie zum Beispiel die Gesundheit der Mutter geregelt ist.» Sein Fazit trifft einen Punkt der jetzigen deutschen Debatte: Sie wird nicht von Wissen gespeist, sondern von dessen Abwesenheit.

Teuer, weil reguliert

Was Mitte-Politiker Mazur gegenüber der NZZ beschreibt, ist nicht einfach ein Einzelfall. Es ist letztlich das System und wie es funktioniert: Ein Drittel aller Eltern von Leihmutterbabys in den USA kommt aus dem Ausland, wie der Spiegel berichtet. Die Vereinigten Staaten sind zum weltweiten Anlaufziel Nummer eins für Leihmuttersuchende geworden, ob für heterosexuelle oder homosexuelle Paare.

Kalifornien verlangt medizinische und psychologische Begutachtungen der Leihmutter. Es verlangt einen notariell verhandelten Vertrag vor jedem medizinischen Eingriff. Es verlangt unabhängige Anwälte auf beiden Seiten und nach dem kalifornischen Family Code ein separates Treuhandkonto für die Zahlungen an die Leihmutter. Nach Angaben der Koordinationsgruppe ACRC Global kostet eine Leihmutterschaft in den USA im Schnitt zwischen 140.000 und 180.000 Dollar. In Kalifornien ist sie mit 180.000 bis 220.000 Dollar am teuersten, weil dort auch die Vergütung für die Leihmütter am höchsten ist. Diese Preise spiegeln die klar formulierte Gesetzeslage wider, die strenge Regulierung: All die Vorgaben – Anwältinnen, Treuhandkonten, Versicherungen, psychologische Gutachten und Honorare für die Leihmütter – kosten viel Geld.

Wenn sich die politischen Ränder einig sind

Unumstritten ist das US-Modell trotzdem nicht. Als ein schwules Ehepaar in Fort Lauderdale vergangenes Jahr per Leihmutter ein Kind bekam, schaltete sich Floridas Generalstaatsanwalt James Uthmeier ein, früherer Stabschef von Gouverneur Ron DeSantis und erklärter Gegner von Abtreibung, Adoption und LGBTQ-Rechten. Uthmeier nannte Leihmutterschaft «moderne Sklaverei» und «Menschenhandel» und verklagte das Paar. Der Fall liegt beim Berufungsgericht, schreibt der Spiegel. Das Baby lebt einstweilen bei seinen Vätern.

Es ist fast wörtlich das Vokabular der deutschen Debatte – Sklaverei, Handel, Ausbeutung. Ein bekennender christlicher Nationalist sagt mit denselben Worten, was eine frühere Grüne-Jugend-Chefin mit «Babykauf» nur ein bisschen höflicher verpackt hat. Uthmeier und Nietzard, der äusserste Rand der amerikanischen Rechten und die Grüne Jugend, haben, ohne voneinander zu wissen, denselben Satz geschrieben.

UN-Sonderberichterstatterin Reem Alsalem will in ihrem Bericht von 2025 Leihmutterschaft verbieten (wie auch Sexarbeit, wo sie für das «Nordische Modell» plädiert), auch in Kalifornien, wo bis zu 40 Prozent des finanziellen Gesamtanteils bei der Leihmutter landen, weil Leihmutterschaft die Gefahr bergen könne, dass Frauen aus Armut ihren Körper zur Verfügung stellen würden; deshalb müsse sie generell verboten werden.

Im Hintergrund schwingt eine ältere Sorge mit, die der Philosoph Michael Sandel 1998 in seinen «Tanner Lectures» in Oxford so formulierte: Ein Preis bewertet eine Sache nicht nur, er verändert sie. Sandel zitierte dazu die Philosophin Elizabeth Anderson, eine der einflussreichsten Kritikerinnen der Marktausdehnung: Ein Leihmutterschaftsvertrag zwinge die Frau, ihre elterlichen Gefühle zu unterdrücken. Anderson sprach von «entfremdeter Arbeit», einer Schwangerschaft also, die ihrem eigentlichen Zweck entfremdet sei. Auch ein gekaufter Hochzeits-Toast bleibt quasi ein Toast, nur fehlt ihm die Aufrichtigkeit, die ihn zu einem echten Toast macht.

Was Sandel darlegte, sind keine dummen Sorgen. Sie erklären bloss nicht die Schärfe und die seltsame Einigkeit der jetzigen Reaktion, die über den berechtigten Vorwurf hinausgeht, Jens Spahn habe als Politiker das eine gesagt und das andere getan.

Homophobie? «Widernatürlichkeit»?

Vielleicht liegt die Heftigkeit auch daran, dass hier zwei Männer Eltern wurden, keine Frau und ein Mann. Zwei Journalisten haben in den vergangenen Tagen zwei konkurrierende Deutungen dieser Empörung geliefert. Bild-Vize Paul Ronzheimer schrieb auf X: «Die offene Homophobie, die hier und anderswo in den vergangenen Tagen zutage getreten ist, hätte ich in dieser Massivität und unverhohlenen Offenheit nicht für möglich gehalten. Ich meine nicht die nachvollziehbare Kritik an der Leihmutterschaft, sondern das Gemisch aus Andeutungen, Vorurteilen gegenüber Schwulen und einem Duktus wie aus den 1960er-Jahren. Das hätte es bei einem heterosexuellen Paar nicht gegeben und das ist schlicht widerlich.» Der Journalist Jan A. Karon widersprach ihm: Man solle harte Kritik nicht pauschal auf Homophobie reduzieren. Die eigentliche Erklärung für die Wucht der Entrüstung liege, so Karon, in der «Widernatürlichkeit» von Leihmutterschaft.

Unehrlich, aber kein Verbrechen

Man soll Jens Spahn seine politische Unehrlichkeit vorwerfen. Was aber nicht sein kann, ist, dass sich unter dem Deckmantel dieser berechtigten Kritik etwas anderes vollzieht: die Verwandlung einer Praxis in eine Straftat, nur weil ein Politiker sie (völlig legal) heimlich nutzte, während seine Partei sie ächtete.

Die Institution selbst, auf die Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen angewiesen sind – aus Unfruchtbarkeit, aus Krankheit, aus schlichter biologischer Unmöglichkeit –, verdient nicht die Wucht, mit der gerade über sie gerichtet wird, als sei Leihmutterschaft gleichzusetzen mit Ausbeutung und jeder Vertrag ein Verbrechen. Wer das pauschal behauptet, spricht nicht mehr über Leihmutterschaft, sondern stellt nur unter Beweis, wie viel Empörung sich ohne ein einziges Argument produzieren lässt.

Am Ende steht ein Kind, das es ohne diesen Vertrag nicht gäbe, und zwei Eltern, die dafür nach geltendem – wenn auch nicht deutschem – Recht bezahlt haben. Wer das grundsätzlich für falsch hält, sollte erklären, warum ein reguliertes Treuhandkonto in Kalifornien ein grösseres moralisches Problem sein soll als beispielsweise eine Adoptionsvermittlungsstelle und warum ausgerechnet die neun Monate der Schwangerschaft das Argument entkräften sollen, das bei der Adoption seit Jahrzehnten unstrittig ist.

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