Das sogenannte «Looksmaxxing» ist gerade in aller Munde. Gemeint ist damit die Optimierung des eigenen Aussehens: von Hautpflege, besserer Körperhaltung, Schlaf und Ernährung bis hin zu extremen Eingriffen wie Beinverlängerungen oder Kieferchirurgie. Entstanden ist der Begriff in männlichen Internetforen, in denen sich alles um Fitness, Selbstoptimierung und die Frage dreht, wie man im Männlichkeitsuniversum ein paar Punkte mehr sammelt.
Illustration: Fernando Vicente
In der Türkei boomen Eingriffe wie ästhetische Beinverlängerungen. Laut einem Beitrag der NZZ reisen immer mehr Männer nach Istanbul, um dort ein paar Zentimeter – meistens etwa acht – operativ dazuzugewinnen. Dabei wird der Knochen durchtrennt und anschliessend über Wochen langsam auseinandergezogen, sodass sich im Spalt neues Knochengewebe bildet. Das Ganze kommt als All-inclusive-Paket daher: Chauffeur vom Flughafen ins Hotel, Klinikaufenthalt, Therapie. Für viele dieser Männer, besonders bei unterdurchschnittlicher Körpergrösse, verändern acht Zentimeter laut Eigenaussage das Leben. Nebst Männlichkeit geht es auch um die Hoffnung, mit etwas mehr Körperlänge bessere Chancen bei Frauen oder im Leben allgemein zu haben. Ein Arzt berichtet, er habe die zweieinhalbstündige Operation in den letzten drei Jahren 270 Mal durchgeführt. Die Erfolgsquote sei hoch, das Risiko für Komplikationen liege gemäss Studien bei 3 bis 5 Prozent.
Die «Tagesschau» des deutschen Fernsehens nahm sich neulich des Themas «Looksmaxxing» an. In einem Beitrag über die «re:publica», eine Berliner Konferenz, auf der sich hauptsächlich Gleichgesinnte aus dem politisch linken Spektrum treffen und in wohliger Harmonie gegenseitig bestätigen, heisst es unter anderem: «Auch auf der ‹re:publica› ist ‹Looksmaxxing› ein Thema, denn es wird propagiert von Influencern auf Tiktok. Es geht darum, ein angebliches Ideal des starken Mannes zu verbreiten. Ein Weltbild, das an die Rassenlehre der Nationalsozialisten erinnert, das Männer in höhere und minderwertigere Menschen einteilt.»
Innerhalb von Sekunden hat der Beitrag so eine bemerkenswerte Abzweigung genommen, baut aus einem Trend um Fitness und Aussehen eine Brücke zur NS-Rassenideologie. Er suggeriert: Männer, die an ihrer Erscheinung arbeiten, sind irgendwie auf einer Linie mit dem Nationalsozialismus. Das ist alles andere als harmloses Framing. Man nimmt ein reales Problem – einen teils gefährlichen und immer extremer werdenden Schönheitswahn – und hängt ihm im selben Atemzug den denkbar extremsten historischen Vergleich an.
«Looksmaxxing» ist kein rechter oder rechtsextremer Trend. Es gibt Überschneidungen einzelner Influencer – etwa im misogynen Umfeld von Andrew Tate — aus der sogenannten «Manosphere» und «Looksmaxxer»-Akteuren wie Clavicular, der den Begriff mitgeprägt hat. Aber ausser der «Tagesschau» (mit freundlicher Unterstützung der «re:publica») käme wohl niemand auf die Idee, deshalb gleich das gesamte Phänomen am Rand des politischen Spektrums zu verorten. Das wäre etwa so, als würde man Menschen, die Proteinpulver nehmen, in die Nähe von Junkies rücken. Gerne würde man die «Tagesschau» fragen, ob die ästhetischen Eingriffe in der Türkei ebenfalls an den Nationalsozialismus erinnern.
Übrigens: Frauen betreiben längst extreme Schönheitsoptimierung. Viele lassen sich bereits in ihren Zwanzigern Botox spritzen und Filler setzen und nehmen Bauch-, Po- und Brustoperationen vor – Praktiken, die durch Beauty-Trendsetterinnen wie Kylie Jenner oder Kim Kardashian vorgelebt werden. Sie werden gesellschaftlich – logischerweise – nicht mit Extremismus aufgeladen oder politisch geframed, sondern – leider – sogar weitgehend normalisiert.
In der «Tagesschau»-Redaktion glaubt man, einen wichtigen Beitrag zur Warnung vor ultrarechten Umtrieben zu leisten. Aber vielleicht, möchte ich vorsichtig anregen, ist die hysterische Einordnung nicht nur unseriös, sondern unklug. Mit dem leichtfertigen Um-sich-Werfen mit NS-Begriffen für alles Mögliche verlieren diese an Schärfe und Bedeutung. Denn was ständig für alles steht, steht am Ende für nichts mehr. Bei Rundfunkeinnahmen von rund 8 Milliarden Euro könnte man fast meinen, dass zwischen Alarmismus und Analyse noch ein Restplatz für Differenzierung übrig wäre.
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