Meine Damen und Herren, liebe Freunde, wir leben in einer Zeit der brennenden Scheiterhaufen – nur dass der Rauch heute digital ist und die Inquisitoren in klimatisierten Redaktionen oder auf Social Media sitzen. Es ist die Epoche des Moralismus, dieser bleiernen Ersatzreligion der Selbstgerechtigkeit, die sich wie Krebs ins freie Denken frisst. Sagen wir es in aller Deutlichkeit: Der Moralist ist keineswegs moralisch. Im Gegenteil. Er ist der Totengräber der Moral.
Illustration: Fernando Vicente
1. Das Gift der Selbstgerechtigkeit
Echte Moral ist eine stille Angelegenheit. Sie ist das Ringen des Einzelnen mit seinem Gewissen, die Demut vor der eigenen Fehlbarkeit. Der Moralismus hingegen ist laut, schrill und vor allem: Er richtet immer die anderen.
Moral sagt: «Ich versuche, ein anständiger Mensch zu sein.»
Moralismus dröhnt: «Ich bin ein besserer Mensch als du, und deshalb habe ich das Recht, dich zu ächten.»
Das ist klassisches Gutmenschentum, eine Form von psychologischer Kriegsführung. Es geht nicht um die Lösung von Problemen – sei es die Zuwanderung, das Klima oder die Geopolitik –, sondern um die eigene Heiligsprechung. Wer die «falsche» Meinung vertritt, ist nicht einfach nur ein politischer Gegner oder einer, der eine bestimmte Sache anders sieht. Er ist ein schlechter Mensch. Und mit schlechten Menschen, so der Gutmensch, muss man nicht diskutieren. Man darf, ja man muss sie ausgrenzen, mundtot machen.
2. Die Zerstörung des klaren Denkens
Moralismus macht dumm. Er ersetzt das Gespräch durch das Selbstgespräch, die Analyse durch das Gefühl, die Fakten durch das Dogma. Wenn wir über Energiepolitik sprechen, interessiert den Moralisten nicht die Versorgungssicherheit oder der Preis, sondern die «Haltung». Wenn wir über Migration sprechen, zählt nicht das Fassungsvermögen eines Staates, sondern das wohlige Schaudern der eigenen Barmherzigkeit – stets auf Kosten der anderen. Moralismus ist für den Moralisten gratis. Die Konsequenzen zu tragen haben stets andere.
Moralismus ist der Feind der Demokratie. Für den Moralisten gibt es nur eine Wahrheit, seine eigene. Demokratie aber heisst, dass keiner die Wahrheit besitzt. Man muss die Wahrheit suchen, zusammen, im offenen Gespräch, auch im Streit von Rede und Gegenrede. Der Moralist duldet keinen Widerspruch. Das macht ihn zu einer Tyrannei, die alle, die es anders sehen, in die moralische Verbannung schicken will. Moralismus ist Anmassung, weil der Moralist womöglich glaubt, sicher aber glauben machen will, moralisch über anderen zu stehen.
Moralismus wäre kraftlos, wenn es tief im Menschen drin nicht dieses brennende Bedürfnis, diesen Hunger nach Rechtfertigung gäbe, nach Sinn und moralischer Beglaubigung. Niemand denkt von sich, er sei ein schlechter Mensch. Das Gefühl, sich mit dem Guten zu verbünden, ist erhebend. Es wärmt und stärkt die Seele. Es gibt dem Leben eine Richtung. Aus diesem urwüchsigen Drang heraus entstand die Religion. Aber Achtung: Überall dort, wo Menschen mit dem Höchsten flirten, mit Gott, dem Heiligen und ihren hehrsten «Werten», lauert der Betrug, der Selbstbetrug, die Hybris.
Moralisten reden von Moral, aber sie meinen sich selbst. Es sind Frömmler in eigener Sache. Ihr Kreuzzug ist ein Egotrip, Gottesdienst an der eigenen Person. Das macht den Umgang mit Moralisten anstrengend und oft fruchtlos. Ein Denken, das nur um sich selber kreist, ist für Argumente kaum mehr zugänglich. Die gute Nachricht ist: Hinter dem Moralismus steht nichts. Es ist nur Rhetorik, eine Pose.
3. Der Weg in die Freiheit: Rückkehr zum Realismus
Wie also befreit man sich davon? Es ist ganz einfach.
Erstens: Ignorieren! Gar nicht darauf einsteigen. Sich ja nicht rechtfertigen.
Zweitens: Rückkehr zur Sachlichkeit. Man frage nicht: «Ist das gut?» Man frage: «Funktioniert das? Was sind die Folgen?»
Drittens: Skepsis bei Predigern aller Art. Man merkt schnell, ob der andere diskutieren oder nur sich selber «moralisch» inszenieren will. Den Aufgeblasenen nimmt man den Wind aus den Segeln, indem man das Schauspiel, das sie vorführen, entlarvt, zur Kenntlichkeit entstellt.
Unter Moral verstehen wir die Summe aller Regeln und Verhaltensweisen, die ein gutes und erfolgreiches Zusammenleben möglich machen. Ihr Wert liegt nicht in hochtrabenden Monologen, sondern im Resultat, in der Wirklichkeit. Moral ist keine Kopfgeburt. Sie bewährt sich in der Realität, im Praktischen.
Der Moralismus dagegen ist eine Despotie der Abstraktionen, eine Prinzipienreiterei, eine Spiegelfechterei, ein ewiger, zermürbender Schauprozess, ein Tribunal, in dem der Moralist über andere zu Gericht sitzt, um sich selber zu erhöhen. Sein Versprechen lautet: «Sei wie ich, denke wie ich, rede wie ich: Dann gehörst du zu den Guten.»
Der moralische Mensch kämpft für das Gute, auch wenn er dabei schlecht aussieht. Der Moralist will nicht Gutes tun, er will nur gut scheinen.

