Einen solchen Lebenslauf gibt es wohl nur in den USA. Vor knapp fünfzehn Jahren hiess es über den Mann und seine Gattin, sie seien «alles, was in Amerika falsch läuft», heute macht er als Kandidat für das Bürgermeisteramt der zweitgrössten Stadt gar keine so schlechte Figur. In Umfragen liegt Spencer Pratt hinter der Favoritin und derzeitigen Amtsträgerin Karen Bass auf Platz zwei. Die Wahlen finden im Juni statt. Schafft niemand von den vierzehn Bürgermeister-Aspiranten die 50-Prozent-Hürde, kommt es im November zum zweiten Wahlgang.
Facebook/Spencer Pratt
Im ganzen Land bekannt wurde Spencer Pratt vor zwanzig Jahren an der Seite seiner heutigen Frau Heidi Montag in «The Hills». Die hocherfolgreiche Reality-TV-Serie prägte die Promi-Influencer-Kultur massgeblich: Sie zeigte den Alltag von befreundeten jungen Reichen und Schönen in Los Angeles, die zu Feinden werden. Pratt war der Spaltpilz, der die Clique auseinandertrieb – er heiratete Heidi Montag. Das Paar erhielt den Spitznamen «Speidi». Im Jahr 2015 wählten Fans von solchen Sendungen Pratt zum «grössten Reality-TV-Bösewicht».
Die beiden Prominenten nahmen an verschiedenen weiteren Fernsehproduktionen wie «Ich bin ein Star … holt mich hier raus» oder «Celebrity Big Brother UK» teil und kamen zwischendurch in finanzielle Schwierigkeiten. Heidi Montag, die 2009 das Cover der September-Ausgabe des Playboy zierte, reichte einmal gar die Scheidung ein – aber nicht, weil sie nicht mehr mit Spencer zusammen sein wollte, sondern um ihre ins Stocken geratene Karriere – sie ist auch Sängerin – wieder ins Gespräch zu bringen.
Das Paar besass ein Haus in den Pacific Palisades, einer begehrten Wohnlage in Los Angeles, direkt über dem Pazifik. Die Leidenschaft zu Kolibris machte Pratt auch zum Star im Internet. Bis zu 400 der Minivögel, in Kalifornien Hummingbirds genannt, lebten in seinem Palisades-Garten. Dank seinen Kurzfilmchen in den sozialen Medien erhielt «Kolibri-Flüsterer» Pratt 2018 den Titel «Snapchatter des Jahres». Daneben baute der Edelstein-Fan ein kleines Geschäft mit Kristallen auf, deren Kraft bei der Heilung von Körper und Geist helfen soll.
Dann brach das Jahr 2025 an. Am 7. Januar verloren er und Heidi durch die Brände in den Pacific Palisades – wie Tausende andere – ihr Haus. Genau ein Jahr später, am 7. Januar 2026, verkündete Spencer Pratt, dass er Bürgermeister von Los Angeles werden wolle. Seine Kandidatur steht in direktem Zusammenhang mit seinem Hausverlust: Er macht die Politik der amtierenden Demokratin Karen Bass für die Brandkatastrophe verantwortlich.
Pratt, der «niemals in die Politik wollte», verspricht eine radikale Kurskorrektur: mehr Geld für die Feuerwehr und die Polizei sowie die knallharte Anwendung von «Law and Order». Diese soll auch die Verwahrlosung durch die Obdachlosigkeit und die Fentanyl-Krise von Los Angeles tilgen. «Das ist keine Kampagne, das ist eine Mission», sagte der Republikaner Pratt, «wir werden das System blossstellen, wir werden jeden dunklen Winkel der Stadt betreten und ihn mit unserem Licht desinfizieren, und wenn wir fertig sind, wird L. A. wieder kameratauglich sein.» Und mit Blick auf den neugewählten sozialistischen Bürgermeister von New York, Zoran Mamdani, der unter anderem den öffentlichen Verkehr kostenlos (Englisch: free) machen möchte: «Ich werde den öffentlichen Verkehr auch free machen, free from knives» (messerfrei).
Als Republikaner hat man in Los Angeles kaum eine Chance, politisch Karriere zu machen. Der letzte Bürgermeister der Grand Old Party, Richard Riordan, gab sein Amt 2001 ab. Die südkalifornische Metropole ist, wie der ganze Staat, tief demokratisch. Spencer Pratt ist in den Palisades aufgewachsen, hat einen Bachelor in Politikwissenschaften und ist im trashigen Showbusiness berühmt geworden. Er spricht druckreif, wirkt zuversichtlich, ist nie um eine Antwort verlegen und scheint Humor zu haben: Die von ihm verkauften Kraftkristalle wirkten nicht: Sein Haus sei trotz ihnen abgebrannt.
Pratt sagt, das tragische Ausmass der Brände sei das Resultat der fehlgeleiteten, «mafiösen» Politik. Das sehen viele in L. A. ähnlich. Genauso die anhaltende Obdachlosigkeit. Er glaubt, diese Missstände würden parteiübergreifend wahrgenommen und die jahrzehntelange Macht der Demokraten kippen. Er sieht die 40 Prozent der Bevölkerung, die bei der jüngsten Umfrage noch unentschlossen waren, auf seiner Seite. Und er kann auf die Unterstützung eines Schwergewichts zählen: Joe Rogan, der reichweitenstärkste Podcaster, empfahl den Einwohnern von Los Angeles, Spencer Pratt zu wählen.