Immer mehr junge und gutausgebildete Deutsche erwägen die Auswanderung. Darauf weist der Ökonom Kuno Rechkemmer, Gründungspartner und Leiter des Forschungs- und Entwicklungsinstituts CGIFOS, in einem Gastkommentar im Handelsblatt hin. Eine aktuelle Studie zeige, dass «21 Prozent der jungen Menschen konkret planen, Deutschland zu verlassen, um im Ausland bessere Lebensbedingungen zu finden». Weitere 41 Prozent könnten sich diesen Schritt grundsätzlich vorstellen.
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Die Entwicklung spiegelt sich auch in den Wanderungszahlen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts und des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge verliessen 2024 rund 270.000 deutsche Staatsangehörige das Land. 2015 seien es noch gut 138.000 gewesen. Studien des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zeigten zudem, dass deutsche Auswanderer überdurchschnittlich jung und hochqualifiziert seien. Es gehe dabei um jene Gruppe, die Unternehmen gründe, Innovationen vorantreibe und zentrale Funktionen in Wirtschaft und Staat übernehme. «Sie beeinflussen, wo Wachstum entsteht, wo Innovation stattfindet, wie innovativ, leistungsfähig und stabil Deutschland künftig sein wird», schreibt Rechkemmer.
Als Hauptgründe nennt er die wirtschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen. «Die Gründe für ihre Entscheidung liegen auf der Hand. Es beginnt bereits mit den Steuern», schreibt Rechkemmer. Wer in Deutschland Leistung zeige und entsprechend verdiene, erreiche rasch ein Belastungsniveau, das einen erheblichen Teil des zusätzlichen Einkommens absorbieren könne. Gleichzeitig stiegen die Sozialabgaben weiter. Für viele junge Leistungsträger entstehe dadurch «der Eindruck eines Ungleichgewichts zwischen individueller Anstrengung und den damit erreichbaren Perspektiven».
Besonders schwierig sei die Vermögensbildung. Der Traum vom Eigenheim sei für viele selbst mit gutem Einkommen kaum noch realisierbar. Hinzu kämen Unsicherheiten über die Zukunft der Rentenversicherung, eine alternde Bevölkerung sowie Zweifel an der Leistungsfähigkeit staatlicher Institutionen. Verwaltungsverfahren gälten als langsam und komplex, digitale Infrastrukturen blieben hinter den Möglichkeiten zurück, und auch im Bildungssystem wüchsen die Zweifel an der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit.
Im internationalen Vergleich verliere Deutschland dadurch an Attraktivität. Rechkemmer verweist auf die Schweiz, die niedrigere Steuer- und Abgabenbelastungen mit effizienteren Verwaltungsstrukturen und besseren Möglichkeiten zur Vermögensbildung verbinde. Der «internationale Wettbewerb um die Talente» habe bereits begonnen. Für Deutschland gehe es dabei um nicht weniger als seine Attraktivität als Arbeits-, Lebens- und Zukunftsstandort.