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Danke, Viktor Orbán

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Manchmal erlaubt sich die Wirklichkeit den Scherz, den Journalismus links liegenzulassen. Auch wir bei der Weltwoche mussten uns nach dem Wahlsonntag in Ungarn eine Portion Asche aufs Haupt streuen. Wir hatten auf einen Sieg von Viktor Orbán gesetzt – und lagen rechnerisch fulminant daneben. Doch während die Superexperten in den Medien nun triumphieren, entgeht ihnen in ihrer jubelnden Verblendung das Wesentliche: Diese Wahl war kein «Sieg über einen Diktator», sondern ein brillantes Zeugnis für die ungarische Demokratie.

Illustration: Fernando Vicente
Danke, Viktor Orbán
Illustration: Fernando Vicente

Orbán, in Brüssel und Berlin als «Finsterling» und «Autokrat» verunglimpft, trat stilvoll, ohne Murren, ab, wie es sich für einen gestandenen Staatsmann gehört. Schon am frühen Wahlabend gratulierte er seinem Gegner Péter Magyar, um gleich den Weg in die Opposition anzukündigen. Kein Rückzug in den Luftschutzbunker, kein Ausnahmezustand. Orbán hat bewiesen, dass er ein Demokrat mit «Gentleman-Kultur» ist – die wandelnde Widerlegung der Beleidigungen, die seine Gegner über ihn in Umlauf brachten.

Mit seinem Abgang endet eine Ära. Viktor Orbán katapultierte sein Land, einen Kleinstaat an der EU-Peripherie, in die obersten Umlaufbahnen der Politik. Ungarns Premier spielte in der Liga der Grossen, weit über der Gewichtsklasse einer Nation von zehn Millionen. Auch das mag ein Grund gewesen sein, warum ihm seine politischen Neider in Brüssel oft Stolperhürden in den Weg legten. Am Schluss hielten die EU-Funktionäre fast sieben Milliarden Euro an ungarischen Corona-Hilfen zurück. Diese Wahl war auch eine Machtprobe im Schwitzkasten europäischer Bevormundungspolitik.

Orbán ist ein Mann des Gegenwinds. Sein Kompass sind nicht Umfragen, sondern Grundsätze und Überzeugungen. Nur deshalb, weil er auf einem soliden Fundament an Werten steht, hielt er durch, kippte er nicht um. In einer Reihe mit seinen Idolen Margaret Thatcher, Ronald Reagan, Helmut Kohl und wohl auch Franz Josef Strauss stand er als Pionier für eine Abkehr vom linksliberalen Schlendrian. Orbán war das einsame Bollwerk gegen offene Grenzen und eine Massenmigration der Überfremdung, ein Freiheitskämpfer, dem vor allem Ungarns Unabhängigkeit am Herzen liegt.

Orbán war der Pfahl im Fleisch des Brüsseler Leviathans, nach dem Brexit der letzte EU-Premierminister von Gewicht, der nicht einfach nach den eurokratischen Melodien tanzte. Anstatt den Widerspruch des Ungarn als lebendiges Zeugnis demokratischer Restschwingungen in den EU-Institutionen zu feiern und zu pflegen, betonierten die Apparatschiks ihre Monokultur. Am Umgang mit dem rebellischen Regierungschef aus Budapest zeigte sich der schleichende Niedergang der Europäischen Union als Hort der Freiheit, der Vielfalt und der Demokratie.

Seine Paraderolle spielte Orbán, als er nach Beginn der Ukraine-Invasion als einziger Staatsmann Europas nicht den Kopf verlor und die Rückkehr zu einer Friedensdiplomatie mit Russland forderte. Es war Ungarns Premier, der dem wiedergewählten Präsidentenrückkehrer Trump den Konflikt in Europas Osten erklärte und so die Voraussetzungen schuf, dass nach knapp drei Jahren Gesprächsverweigerung mit Putin die Verständigungskanäle zwischen Washington und Moskau wieder auftauten. Bis jetzt mit Fortschritten, aber noch ohne definitiven Erfolg.

In diesen historischen Momenten erwies sich Orbán als Meisterschüler seines Mentors Helmut Kohl. Vom Kanzler der Wiedervereinigung hatte er gelernt, dass es Europa nur dann gut geht, wenn es gleichzeitig mit den USA und mit Russland stabile Beziehungen pflegt. Orbán betrieb die Balance-Politik, die heute eigentlich die Bundesrepublik vertreten müsste. Doch ausgerechnet die Deutschen droschen am heftigsten auf den friedensbestrebten Politiker ein, während ausgerechnet Kanzler Merz, geschichtsblind, Europa in einen Zweifrontenkonflikt gegen die USA und Russland schlittern lässt.

Die tragische Fügung seiner glanzvollen Laufbahn als Regierungschef war es vielleicht, dass Orbáns geopolitisches Powerplay ihm am Ende seine Wiederwahl verkachelte. Je virtuoser sich der Langzeitpremier auf dem internationalen Parkett der Trumps, Putins, Xis und Erdogans betätigte, je mächtiger er als Leitwolf der patriotischen EU-Skeptiker um Kickl, -Meloni, Le Pen, Weidel & Co. hervortrat, desto mehr entfernte er sich von seiner Fidesz-Basis zu Hause.

Seine politischen Gegner werfen Orbán vor, er habe die Wirtschaft vernachlässigt und einen bis in die eigene Familie fädenziehenden Filz entstehen lassen. Aus Brüssel, diesem Hauptquartier von Vetternwirtschaft und inkompetenter Wirtschaftsführung, klingen solche Vorwürfe seltsam. Trotzdem ist an ihnen etwas dran. Als Orbán 2010 nach der Finanzkrise sein Amt antrat, lag Ungarn am Boden. Es drohte der Ausverkauf der Wirtschaft an ausländische Konzerne. Orbán lancierte mit Staatsaufträgen ein nationales Bürgertum. Einige seiner Günstlinge trieben es wohl zu bunt.

Sechzehn Jahre sind eine lange Zeit. Nicht einmal in Russland oder bei der Fifa bleibt einer so lange im Amt, ohne dass die Milch am Ende sauer wird. Churchill, Kohl und Adenauer wurden nach einer solchen Periode abgewählt oder traten zurück. Jetzt straften die Ungarn ihren einstigen Favoriten mit einer brutalen Klatsche ab. Ja, auch die EU hatte mächtig an Orbán gepickelt, mit durchgestochenen Geheimdienst-Protokollen und Finanzerpressungen. Aber das merkten die klugen und demokratisch mündigen Ungarn. Schlussendlich stimmten sie aus freien Stücken für den Wandel.

Orbán geht jetzt, nicht zum ersten Mal, in die Opposition. An seine Stelle tritt ein rasanter Schnellaufstreber mit beweglicher Biografie. Der 45-jährige Péter Magyar stampfte eine Massenbewegung fast aus dem Nichts aus dem Boden und holte eine Rekordzahl an Wählerstimmen. Wofür er steht, weiss niemand so genau. Jahrelang gehörte er zum Umfeld des Premiers. Seine Ex-Frau war Orbáns ehemalige Justizministerin. Als seine Laufbahn bei der Fidesz stockte, seilte sich Magyar ab, um gleich als Spitzenmann eines heterogenen Verbunds von enttäuschten Konservativen und Linken zu fungieren.

Wir haben es hier wohl mit dem Typus eines schlauen und talentierten Karrieristen zu tun, einer geländegängigen Figur mit Killerinstinkt. Magyar schreckte nicht davor zurück, seine Ex-Frau mit privaten Handyaufzeichnungen unter Druck zu setzen. Bei der Fidesz zittert man schon etwas vor möglicher Vergeltung. Magyar startet mit viel Vorschuss und grosser Mehrheit. Sein Glanzresultat allerdings ist in erster Linie eine Ohrfeige an Orbán. Der Neue muss sich erst beweisen. Das weiss er. Die skeptischen, freiheitsliebenden Ungarn werden bald wissen, woran sie sind.

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