Derzeit beobachten wir ein interessantes Phänomen. Gleich mehrere grosse Influencer, die sich seit Jahren als «male feminists» und «allies» (Verbündete) der Frauen positionieren, veröffentlichen Videos, in denen sie auf Vorwürfe von Feministinnen reagieren und sich zerknirscht entschuldigen. Klar, dass diese Bekundungen beim Publikum Amüsement auslösen. Diese Männer haben ihre Social-Media-Karriere mit feministischem Content aufgebaut, in dem sie sich ständig entschuldigten für das Fehlverhalten anderer Männer, auch für das eigene, und erklärten, was die Männerwelt gegenüber Frauen alles besser machen müsste. Das Geschäftsmodell funktionierte lange gut.
Illustration: Fernando Vicente
Allerdings haben sie die Rechnung ohne die feministische Empörung gemacht – jenes Milieu, in dem jedes Störgefühl früher oder später wieder beim Mann landet. Jahrelange Unterstützung hin oder her: Ein Fehler genügt. Die Vorwürfe sind teils valide. Sie reichen vom «Übernehmen feministischer talking points eins zu eins, um Reichweite zu generieren» (das sei typisch Patriarchat, denn «Männer bedienen sich an Frauen»; an dieser Stelle steige ich aus) bis zur Frage: «Warum entschuldigst du dich für ein Fehlverhalten, das du angeblich gar nicht zeigst? Warum kommentierst du Videos von Feministinnen?» Hier gehe ich mit. Die einstigen Verbündeten werden nun als «white knights» dargestellt: Männer, die Frauen oder feministische Positionen demonstrativ verteidigen, um deren Anerkennung zu erhalten. Plötzlich gelten Entschuldigungen nicht länger als hilfreich, sondern als selbstbezogene Inszenierung. Die Frage wurde laut: «Was tust du im wahren Leben, wenn es wirklich darauf ankommt?»
Ich stelle sie mir nicht erst seit gestern. Es ist bequem, Content zu posten oder ein Schild auf einer Frauendemo hochzuhalten. Sie meinen es sicher gut. Aber selbst wenn jeder anständige Mann in einem Video betont, dass er zu Hause mithilft oder mit einem «Stoppt Gewalt gegen Frauen»-Schild durch die Innenstadt marschiert: Die Menschen, die man erreichen will, ändern ihr Verhalten dadurch nicht. Ich halte diese Form von Symbolpolitik für eher hilflos und realitätsfern. Nun kann man einwenden: Aber es ist doch gut, wenn Männer Stellung beziehen! Welcher normale Mann wusste bisher nicht, dass man seine Partnerin unterstützt? Welcher wusste nicht, dass Gewalt gegen Frauen falsch ist? Glaubt man wirklich, ein Täter sitzt zu Hause und denkt: «Ach so, das ist schlecht? Danke für die Demo.» Dann kann man auch gleich allen eine SMS schicken: «Übrigens, schlechte Idee!»
Für mich zählt am Ende eines: Greifst du ein, wenn du krassen Sexismus miterlebst oder eine Frau von anderen Männern belästigt wird? Wenn mir irgendwo eine creepy Gestalt folgt oder mich ins Gebüsch zerren will, wünsche ich mir einen Mann in der Nähe, der ohne zu zögern reagiert. Und ich halte es für wahrscheinlicher, dass dies jener Mann tut, der heute als «toxisch» gilt, als derjenige, der immer das Richtige sagt und sich in feministischen Reels Asche aufs Haupt streut. Anders als Feministinnen behalte ich mir den Begriff «toxisch» für tatsächlich schädliche Männer vor.
Um gegen tatsächlich toxische Kaliber etwas auszurichten, braucht es Männer. Solche mit Autorität, Kraft, Mut, Rückgrat, Typen, die zu allem bereit sind. Die im Ernstfall nicht zuerst eine Situationsanalyse erstellen: «Soll ich lieber jemanden anrufen, der zuständig ist?» Sondern Kerle, deren erster Reflex ist: «Was macht der – und wie stoppe ich ihn?» Auf sie kann ich mich verlassen (das soll nicht heissen, dass die «Allies» nicht einschreiten würden, ich spreche von Wahrscheinlichkeiten). Und interessanterweise sind das oft jene Männer, die heute den Stempel «toxisch» tragen. Das sind vielleicht nicht die sensibelsten, sie legen nicht jedes Wort auf die Goldwaage, machen auch mal sexistische Sprüche, sind weder politisch korrekt noch permanent in Kontakt mit ihrem inneren Ich. Aber sie sind da, wenn es darauf ankommt. Dieser Bodyguard ist mir lieber als tausend feministische Reels oder noch ein weiteres Schild an einer Demo.
Beim feministischen Wunsch nach dem einschreitenden Mann sind wir uns also ziemlich einig, nur bei der Frage, welcher Mann das sein soll, gehen die Vorstellungen möglicherweise auseinander.

