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Die Weltwoche

Inhalt
Diese Woche
Roger Köppel
Drachentanz und 99 Luftballons
Roger Köppel
Fiebertanz auf dem Vulkan
Julie Burchill
Sie steht zu ihrem Piraten
Pierre Heumann
Charlie Kirks Fragen an Benjamin Netanjahu
Anabel Schunke
Wie viel kostet der deutsche Pass?
Alain de Botton
Die Ex im siebten Himmel
Jürg Altwegg
Im Zweifel gegen den Angeklagten
Helmut Scheben
Unbekannte Flugobjekte
Peter Ruch
Schuld vergeben und Schulden abzahlen
Thilo Sarrazin
Der Abstieg
Urs Gehriger
Urquell des Abendlandes
Herodot
HERODOT
Michael Bahnerth
Die Sprache des Gehirns
Tamara Wernli
Lieber Hund als Mann im Bett
Literatur und Kunst
Michael Bahnerth
Ikone der Woche
Hans Ulrich Gumbrecht
Amerikas Wendepunkt
Erich Weede
Es geht fast allen immer besser
Rolf Hürzeler
Alle Ängste unserer Zeit
Max Wey
Schimpfwortoder Kosewort?
Benjamin Bögli
Es war einmal in Hollywood
Manuel Brug
Neuanfang der Zürcher Oper
Peter Henning
Mann fürs Herzerwärmende
Alex Baur
Geniestreichaus Mexiko
Manuel Brug
Barocker Prunk
Wolfram Knorr
Film der Stunde
Peter Rüedi
Jarretts Flügelschlag
Leben heute
Linus Reichlin
Was der Mann heute von der Liebe erwarten kann
Mark van Huisseling
Endlich Bonuszeit
Dania Schiftan
Wie kann ich ihn vergessen?
Weltwoche
Wir freuen uns über Ihre Zuschriften
Diese Woche
Sylvie-Sophie Schindler
Lob des Narzissten
Urs Gehriger
Christenjagd in Afrika: Wo sind Greta & Co.?
Wolfgang Koydl
Von der Leyen, Merz, Schröder, Charles, ­Guillaume von Luxemburg, Merkel, Connolly, Klingbeil, da Silva, Trump
Weltwoche
Bürgermeister Boris Palmer stellt sein Tübingen vor, Alain de Botton über die Vorteile einer gescheiterten Partnerschaft, 35 Jahre Einheit: Deutschland ist normal geworden, Cambridge-Professor David Abulafia über den Mythos Mittelmeer
Alexander Grau
Deutschland ist normal geworden
Philipp Gut
Deutschlands Demokratie im Fadenkreuz
Oliver Stock
Bürger, aufgepasst: Der Staat will Geld
Alexander Grau
Die Wiederverzauberung der Welt
Kurt W. Zimmermann
Rangliste der Resonanz
Matthias Matussek
Liebe deutsche Einheit
Fjodor Lukjanow
Welt ohne Ordnung
Oskar Lafontaine
Empathie als Schulfach
Boris Palmer
Mein Tübingen
Lieber Hund als Mann im Bett

Tamara Wernli

Lieber Hund als Mann im Bett

Wenn Hokuspokus-Behauptungen die Riesenrunde machen.

Das Video, in dem ein Mann mit ernster Miene behauptet, viele Frauen fühlten sich sicherer neben einem Tier als neben einem Mann, haben sich 360.000 Menschen angesehen. Und: «Frauen schlafen besser neben einem Hund als neben einem Mann. Das ist kein Witz, das ist Realität.» Ein Mann könne sich bei einer Frau entspannen, Wärme und Geborgenheit fühlen. «Eine Frau findet genau das Gegenteil bei ihm: Unruhe, Unsicherheit und das Gefühl, auch nachts nicht bei ihm sicher zu sein.» Ein Hund hingegen, so der Creator, «verrät dich nicht, während du schläfst».

Illustration: Fernando Vicente
Lieber Hund als Mann im Bett
Illustration: Fernando Vicente

Keine Frage, Pablo würde dieser Glorifizierung begeistert zustimmen, und es stimmt, Hunde sind treue Seelen. Für diesen Hokuspokus jedoch, der als allgemeingültige gesellschaftliche Wahrheit aufgetischt wird, gab’s vor allem von «Mensch*innen» viel Applaus. Gerade in sozialen Medien verbreiten sich Pauschalbehauptungen wie ein Strohfeuer, weil sie einfach und provokant sind. Neu ist, dass nun Hunde gegen Männer in Stellung gebracht werden, wenn Frauen unruhig schlafen – von Männern selbst.

Der Mann bellt bei seltsamen Geräuschen nicht, das kann ich bestätigen.

Woher der Tiktoker seine «Realität» bezieht, bleibt im Dunkeln. Vermutlich stammt sie aus jenen zugespitzten Schlagzeilen, von denen etliche kursieren: «Studie unter Frauen: lieber Hund als Mann im Bett». Als Expertin auf dem Gebiet – mit Mann (wälzt sich nachts) und Hund (Schnarch-, Schüttel- und Kratz-Konzert) – wollte ich es dann doch genauer wissen.

Alle Artikel stützen sich auf dieselbe Studie von Christy Hoffman aus dem Jahr 2018. In einer Online-Umfrage wurden 962 Frauen in den USA gefragt, ob sie ihr Bett mit einem Haustier oder einem Menschen teilten und wie sie ihre Schlafqualität und ihr Sicherheitsgefühl subjektiv einschätzten. Ergebnis: Hunde im Bett wurden als weniger störend empfunden und mit stärkerem Komfort und Sicherheitsgefühl assoziiert – im Vergleich zu menschlichen Partnern. Nur basiert die Umfrage auf rein subjektiven Wahrnehmungen: keine Schlaflabore, keine EEG-Messungen, kein objektiver Nachweis, dass diese Frauen tatsächlich besser oder ruhiger geschlafen hätten. Von «Realität» kann also keine Rede sein. Zudem sprach Hoffman neutral von «menschlichen Partnern» – nicht von Männern. Natürlich, spitzfindig betrachtet haben die meisten Frauen männliche Partner. Aber genaugenommen schlafen Frauen laut der Umfrage auch neben weiblichen Partnern schlechter als neben Hunden. Schlagzeilen, wonach Frauen «lieber einen Hund als einen Mann im Bett» haben, sind also stark verkürzt und ja, verzerrt.

 

Eine Untersuchung der Mayo Clinic von 2017 erfasste objektiv den Schlaf von Hundehaltern und ihren Vierbeinern mithilfe von Bewegungs-Trackern. Resultat: Die Schlafqualität bleibt meist in Ordnung, wenn der Hund im Schlafzimmer schläft. Liegt er jedoch im Bett, kommt es häufiger zu Unterbrechungen, und die Schlafqualität sinkt leicht. Laut einer Schlafstudie der deutschen Krankenkasse Pronova BKK von 2024 ist der häufigste Grund für nächtliches Aufwachen der Gang zur Toilette (57 Prozent), gefolgt von Sorgen und Stress (22 Prozent). 7 Prozent der Befragten wachen durch Haustiere auf (durch Bellen, Springen ins Bett).

Vielleicht sorgt der Hund subjektiv tatsächlich für ein stärkeres Gefühl von Sicherheit – der Mann bellt bei seltsamen Geräuschen nicht, das kann ich bestätigen. Befragte man Männer, würden sie das aber wohl ebenso empfinden. Vielleicht schlafen Frauen mit Hunden besser, weil regelmässige Gassi-Routinen den Tagesablauf stabilisieren. Auch frühere Aufwach- und Einschlafzeiten von Hundebesitzern haben laut Hoffman Einfluss auf den Schlaf. Die Tücken des gemeinsamen (menschlichen) Schlafens – Schnarchen, Bewegungen, Platzmangel – spielen natürlich eine Rolle. Studien, welche die «Realität» bestätigen, in der der Mann nachts als Unsicherheitsfaktor für seine Partnerin fungiert, gibt es auf diesem Planeten jedoch nicht.

Die Dynamik illustriert einmal mehr nur zu gut: Medien kreieren stark vereinfachte oder überspitzte Schlagzeilen, Social-Media-Creator multiplizieren diese Halbwahrheiten, präsentieren sie als «Realität», stauben dabei ein paar easy points bei den «Alles böse Kerle!»-Damen ab, und schon haben wir wieder das altbewährte Szenario Männer gegen Frauen. Diesmal mit Hund, der für ein völlig überzogenes Narrativ zwischen den Geschlechtern herhalten muss. Wuff!

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