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Die Weltwoche

Inhalt
Diese Woche
Roger Köppel
Frohe Ostern!
Weltwoche
Die ersten Tempel der Weltgeschichte, Botschaft des Karfreitags, Alain Bersets Chance, Bernard-Henri Lévys Kampf gegen das Böse, Muss man Tiktok verbieten?
Peter Rothenbühler
Lieber Charles Martig
Michael Bahnerth
Die endliche Schönheit des Daseins
Alexander Grau
Als Gott ratlos war
Michael Baumann
Schuhmacher der Nation
Diese Woche
Christoph Mörgeli
Köcherfliegen und Weisswasserlärm
Stefan Millius
Urteil über die Zukunft des Journalismus
Peter Bodenmann
SVP unter Strom: Der Sieger heisst Rösti
Rafael Lutz
Alain Berset auf dem Weg zur ganz grossen Bühne
Philipp Gut
Staat gegen Privat
Julie Burchill
Wilde Schönheit
Pierre Heumann
Die blutige Renaissance des Islamischen Staates
Weltwoche
Schluss mit Windkraft in Frankreich
David Infanger
Wirkungsvoll abnehmen
Oskar Lafontaine
Wenn Lüge zur Wahrheit wird . . .
Christoph Mörgeli
Achtung, Gaunerwörter
Amy Holmes
Donald Trumps Börsenschocker
Francis Pike
Grosser Sprung nach vorn
Oliver Schmuki
Spitzkehre im «Baur au Lac»
Anabel Schunke
Symbole und Schöngerede
Christophe Büchi
Jeder Ton ein Gottesbeweis
Milosz Matuschek
Willkür statt Wissenschaft
Maurus Federspiel
Handy als Hostie
Marcel Odermatt
Wer stoppt die Nato-Fans?
Jürg Altwegg
Krieg und Frieden
Philipp Gut
Küsse des Regenbogens
Philipp Gut
Gesinnungstest: Uni Basel lenkt ein
Rafael Lutz
Russland vermisst die Schweizer Neutralität
Alexander Grau
Die Kunst der Abschreckung
Pierre Heumann
Shalom, du pralles Leben!
Tamara Wernli
Männlichkeits-Mosaik
Andreas Von Gunten
Tiktok macht die Welt vielfältiger
Weltwoche
Leserbriefe
Thomas Wördehoff
Maurizio Pollini (1942 – 2024)
Mark van Huisseling
Martin Greenfield (1928 – 2024)
Beat Gygi
Eigenständigkeit statt Economiesuisse
Urs Gehriger
Wo alles begann
Türkisches Kulturministerium
Nullpunkt der Zivilisationsgeschichte
Urs Gehriger
«Vorstellungen übertroffen»: Interview mit Ausgrabungsleiter Necmi Karul
Literatur und Kunst
Michael Bahnerth
Ikone der Woche
Daniela Niederberger
Fantasy für Frauen
Marc Neumann
Einstampfen!
Daniela Roth
Komplizierte Beziehung
Karl Lüönd
Ziemlichverrückte Familie
Regula Stämpfli
Europas Mütter und die Migrations-Patriarchen
Peter Ruch
Praxis und Theorie in anderer Reihenfolge
Oliver vom Hove
Blutrausch auf der Krim
Sarah Pines
Jeff Koons’ perfekt verrückte Welt
Beatrice Schlag
Abräumerin aus Italien
Alex Baur
Fluris Parallelwelten
Rolf Hürzeler
Albert Ankers Kinderwelt
Wolfram Knorr
Postalischer Schweinkram
Jürg Altwegg
Kulturkampf um Olympia
Peter Rüedi
Die Stille danach
Alberto Venzago
Zwei Millionen Steinblöcke
Leben heute
Linus Reichlin
Drei Prozent unten ohne
Mark van Huisseling
Meine schwachen Schweizer
Dania Schiftan
Der Körper sorgt gut für sich
David Schärer
Rettung Anthropomorphismus
Benjamin Bögli
Monets farbiges Zauberreich
Andreas Thiel
Organspendermarkt
André Häfliger
Zürich im Kinofieber
Peter Rüedi
Flaschenpost von Sting
David Schnapp
Rundes Glück
Benjamin Bögli
Riesiger Sprung für Franky Zapata
David Schnapp
Neues Zeitalter
Weltwoche
Patricia Reinhart Faessler, Künstlerin
Wolfgang Koydl
Strack-Zimmermann, Weingarten, Bas, Davis, Kim, Meghan, Harry, Costa, Merz, von der Leyen, Johnson
Alexander Wendt
Aus Drama wird Klamotte
Oliver Stock
Banken gegen rechts
Kurt W. Zimmermann
Sehnsuchtsort Wüste
Frohe Ostern!

Ostern steht vor der Tür, das Fest der Auferstehung und Vergebung aller Sünden, im Grunde die Essenz des christlichen Glaubens: Mach dir keine Sorgen, hör auf, dich abzustrampeln, um nach Rechtfertigung zu streben. Jeder Mensch ist gerechtfertigt, ist ein Geschöpf nach dem Bild Gottes, mit Geist beseelt und geschaffen aus dem Nichts durch die schöpferische Liebe des Allmächtigen. Was wäre das für ein Gott, wenn er sich durch die Handlungen der Menschen in seiner Allmacht beschränken liesse, wenn man ihn gleichsam bestechen könnte durch Wohltaten, Gaben und Opfer, um so sein Wohlgefallen zu erhaschen, eine Abkürzung auf dem Weg in den Himmel?

© KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER
Kinder im Blumenkostuem sammeln Blumen vor dem Umzug am Eierlesefest, am Montag, 18
© KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER

Die christliche Erzählung von Gott und dessen Menschwerdung in Gestalt Jesu Christi ist die grösste und unglaublichste Geschichte, die jemals erzählt wurde. Nicht wenige sehen in ihrer Unglaublichkeit den ersten Gottesbeweis. Selber hätte der Mensch niemals auf so eine Geschichte kommen können, unmöglich, die Geschichte einer Gottheit, DER Gottheit, die sich ihrer Allmacht begibt, als schreiendes Baby in einem Kuhstall zur Welt kommt, später Wundertaten vollbringt, Gottes Liebe zu den Menschen predigt, um sich am Schluss von ebendiesen Menschen, weil sie Gottes Liebe in ihrem Hochmut nicht ertragen, auf schändlichste Weise erniedrigen, foltern und abschlachten, ans Kreuz nageln zu lassen – die damals verächtlichste Art der Hinrichtung.

Als die frühen Christen, allesamt Juden, begannen, sich diese Geschichte zu erzählen, als diese Geschichte sich nach den Zeugnissen der Apostel genau so zutrug um Christi Geburt, neigten die Menschen, wie heute, zur Verherrlichung, zur Anbetung von Macht und Erfolg. Schwäche wurde verachtet. Die Menschen der Antike, davon erzählen ihre Mythen, glaubten, durch Höchstleistung, durch Selbstperfektion zu den Göttern aufzusteigen. Als Jesus zur Welt kam, regierte in Rom der Kaiser, Augustus, der Erhabene, der Menschengott. Die Geschichte von Jesus ist die mächtigste Gegengeschichte, die krasseste Widerlegung dieser Machtanbetung, dieses Machtkults der Menschen. Sie ist die Geschichte einer Liebe, die so gross und bedingungslos und ungetrübt ist durch jeden Egoismus, dass sie am Ende über die Macht, ja sogar über den Tod triumphiert und den uns angeborenen Selbsterhaltungstrieb.

Die Geschichte, die sich die Christen erzählen, bleibt eine Provokation, eine ewige Kränkung des Hochmuts.

In jedem erfolgreichen Hollywoodfilm, in zahllosen Sagen und Märchen von Wilhelm Tell bis James Bond oder Hänsel und Gretel kommt die Szene, der «Django»-Moment, in dem sich der geprügelte, am Boden liegende Held erhebt, sich das Blut aus dem Gesicht wischt, seine letzten Kräfte zusammenrafft, sein Maschinengewehr auspackt oder sein Laserschwert, um seine Peiniger, die Bösen in einem grandiosen Vergeltungsfinale aus der Kulisse zu fegen. Das Publikum liebt diese Geschichten, weil wir solche Geschichten hören wollen: der Held, der den Bösewichtern endlich das Maul stopft, sie aufs fürchterlichste bestraft, vor Gericht bringt, ihnen zurückzahlt, was sie ihm und anderen angetan haben.

Jesus Christus ist ein Held ganz anderer Art. Im Moment seiner grössten Erniedrigung, verhöhnt und ausgelacht von den Folterknechten Roms, befallen ihn brennende, höllische Zweifel der Verlorenheit. Er glaubt, Gottvater habe ihn verlassen. Und wir fragen uns: Wie ist das möglich, und, vor allem, wie ist das zu verstehen, dass der sich in seinem ans Kreuz genagelten Sohn verkörpernde allmächtige Gott, Schöpfer aller Milchstrassen, Planeten und Lebewesen, der zornige Gott des Alten Testaments, Vertilger der Städte, Urheber der Sintflut, sich so etwas bieten lässt? Warum packt er nicht endlich sein Laserschwert, den Zauberstab seiner Allmacht aus, um diesen himmeltraurigen, undankbaren arroganten, sich selber für Gott haltenden Menschenschurken den Meister zu zeigen?

Doch den Hass und Hochmut, die erbarmungswürdige Schwäche seiner Folterer übertrumpft, besiegt, beschämt Jesus-Gott mit der bedingungslosen, absoluten, mit seiner anti-egoistischen Überliebe – eigentlich verrückt und gegen alle Instinkte, die nach Vergeltung schreien, die den Hass mit Hass zerstampfen wollen. Doch Jesus, obschon sie ihm das Niederträchtigste antun, verwirft die Menschen nicht. Selbst seine Freunde und Apostel haben ihn verraten, verleugnen ihn. Trotzdem nimmt er sie an – «denn sie wissen nicht, was sie tun» – in all ihrer Verwerflichkeit, in all ihrer Bösartigkeit und Verkommenheit. Die Menschen, das ist wohl hier die Botschaft, sind nicht verdammt, sie sind geliebt. Das heisst: Sie sind gerechtfertigt vor Gott, vor dem Allmächtigen, vor seiner Gnade, und damit sind sie frei.

Das ist, das war die Weltrevolution des Christentums, der Urknall der Freiheit im Universum des Geistigen, die grosse Wende in der Geschichte der bis dahin die Macht anbetenden und die Ohnmacht verachtenden Menschheit: Mit der Auferstehung von Jesus Christus aus dem Felsengrab beginnt der Mensch erstmals aufrecht zu gehen, furchtlos, eine Auferstehung auch im Politischen. So beginnt mit Ostern die Geschichte der Demokratie, der Menschenrechte, der modernen Welt und auch der Schweiz mit ihrem Schweizerkreuz.

Die Geschichte, die sich die Christen erzählen, bleibt eine Provokation, eine ewige Kränkung des Hochmuts, und natürlich haben die Menschen, gerade die Christen, den Glauben, der eben mehr ist als Wissen, weil er das Herz packt, immer wieder missbraucht, um sich selber zu erhöhen, zu vergotten. Es ist kein Zufall, dass das Christentum heute gerade in Europa einen schweren Stand hat. Wenn die Menschen wieder sich selber und das von ihnen Fabrizierte, Gemeinte und angeblich Durchschaute anbeten, haben sie Mühe, sich in einem Gefühl demütigen Getragenseins einem Höheren anzuvertrauen.

Doch solche Glaubenskrisen hat es immer gegeben. Sie kommen und gehen. Gott, das Ewige, das Unfassbare aber bleibt und das Wunder einer Schöpfung, die wir niemals begreifen, in deren gewaltigen Zusammenhang wir uns aber in unserer ganzen durchschlagenden Winzigkeit stellen können. Im Vertrauen darauf, wie Joseph Ratzinger, dieser geniale Theologe, es einmal ausgedrückt hat, dass dem Mächtigsten, dem Grössten nichts klein genug ist, um es mit seiner Liebe zu erreichen. Frohe Ostern!

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