All die Weine, all die Orte, all die Zeit. All die Reisen, auf die er einen geführt hat, die vernachlässigbaren schlechten und die unzähligen guten, vor allem jene auf den grössten Kontinent, den ein Mensch betreten kann, das eigene Ich. Als eine der grossartigsten Eigenschaften des Weins empfand ich stets all die Befreiung, die in einem Glas Wein liegt, seine Möglichkeit, Zeit und Bewusstsein zu verändern. Er nahm ihnen die Härte und gab ihnen Sanftheit. Und wenn alles passt, der Wein, der Ort und die Zeit, dann ist man angekommen im Elysium, dem einzigen Ort, an dem Menschen kleine Flügel wachsen.
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Es war mir immer ein Rätsel, weshalb die beiden Götter des Weins, Dionysos und Bacchus, in antiken Darstellungen nie mit Flügeln dargestellt wurden. Da und dort flogen zwar Eroten mit, kleine geflügelte Liebeswesen, vor allem bei weinseligen Festen. Aber der Gott selbst, einer der Ekstase, der Verwandlung und Verflüssiger der Grenzen, hatte keine. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Götter keine Flügel brauchen, um fliegen zu können.
Gefühl der Schwerelosigkeit
Wir Menschen brauchen die Flügel, die uns der Wein wachsen lässt. Wie sollten wir sonst aus dem alltäglichen Ich heraustreten? Die Zeit anhalten, um einen Moment der Ewigkeit zu schaffen? Zu ertränken oder wegzuschwemmen all den Ballast, den unsere Seele hin und wieder in die Tiefe zieht? Wobei gilt, dass zu wenig Wein keine Flügel gedeihen lässt, und zu viel Wein die Flugtauglichkeit stört.
Zu wenig Wein lässt keine Flügel gedeihen, zu viel stört die Flugtauglichkeit.
Nebst allen anderen seiner unzähligen fast Kräften, dem Genuss, dem Rausch, der Geselligkeit, der Heiterkeit und Leichtigkeit, die ein Wein freisetzt, die Sonne, die in ihm steckt, empfinde ich sein Vermögen, die Zeit zu verändern und zeitlose Erinnerungen in das Fass der Erinnerung sickern zu lassen. So wie es Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gibt, gibt es beim Wein eine Zeit vor ihm, mit und nach ihm. Vor ihm ist schon grossartig, wenn die Flasche auf dem Tisch steht und sein Leben mit dem Plopp des Korkens befreit wird. Dann greifen einen seine Schwingen. Und nach ihm ist immer auch vor ihm. Von allen Kreisläufen, den universellen und den individuellen, ist jener des Weintrinkens ein ausgesprochen angenehmer, wenn auch nicht immer reibungsloser.
Nicht einmal so sehr an die Befindlichkeiten, die mir ein Wein gab, seinen sanften Rausch nach den ersten Gläsern, den Geist, den er entfachen kann, dieses Gefühl einer Schwerelosigkeit, erinnere ich mich. Ich erinnere mich an die Weine, die ich getrunken habe, unter einem Sommerhimmel, hier oder weit im Süden. An einen Rosé in Roussillon, einen Weisswein an der Amalfiküste, als die Sonne im Golf von Sorrent verschwand und meine gleichzeitig aufzugehen schien und von weit her und trotzdem ganz nah Lucio Dallas «Caruso» durch einen hindurch floss. Den Wein auf der Mole in Juan-les-Pins, einen Clos Mireille, als ich mich verlobt habe. Ich weiss nicht mehr, wie das Restaurant hiess oder was ich gesagt habe. Aber an den Namen des Weins erinnere ich mich, und ich frage mich gerade, ob ich mich bei einem anderen Wein oder nur bei einem Glas Wasser ebenfalls so schwungvoll und voller Glück verlobt hätte.
Die Wahl des Ortes
Was mich immer noch erstaunt, ist, dass derselbe Wein im Sommer nicht anders schmeckt, das nicht, aber doch ein anderes Wirkungsspektrum entfaltet. Offenbar verändert der Umstand, einen Wein unter freiem Himmel zu trinken, seine Wahrnehmung, wenn man so will. Hinzu kommt das vielleicht auf ewig unerklärte Phänomen, dass ein Wein, der im Süden mit Blick auf das Meer oder über einen Olivenhain genossen wurde, zu Hause auf der Terrasse oder im Garten nicht mehr dieselbe schwärmerische Dynamik entfacht.
Was zeigt, dass die Wahl des Ortes, an dem man den Wein trinken will, beinahe so wesentlich ist wie die Wahl des Weins selbst. Natürlich gibt es unschöne Orte, die trotzdem schönen Wein haben, wie es auch wunderbare Orte gibt, die keinen wunderbaren Wein haben. Beides trübt die Freude. Im Fall des schönen Weins am unschönen Ort besteht immerhin die Möglichkeit, sich den Ort etwas schönzutrinken.
All die Weine, all die Orte, all die Zeit. Flasche für Flasche, Glas für Glas, Schluck für Schluck. Es soll ein Leben ohne Wein geben. Aber ich glaube nicht daran.