Eine unabhängige Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats wirft Israel vor, im Gaza-Krieg gezielt palästinensische Kinder angegriffen zu haben und damit Handlungen mit völkermörderischem Charakter zu begehen. In ihrem vergangene Woche veröffentlichten Bericht kommt die Kommission zum Schluss, es gebe hinreichende Gründe für die Annahme, dass israelische Behörden und Sicherheitskräfte eine Strategie verfolgten, die Zukunft der Palästinenser im Gazastreifen durch Angriffe auf deren Kinder zu zerstören. Die Ermittler stützen sich auf Tausende überprüfte Dokumente, medizinische Unterlagen, Bild- und Videomaterial, Zeugenaussagen sowie forensische Analysen.
Mohammed Saber/EPA/Keystone
Nach Angaben der Kommission wurden seit Beginn des Krieges mindestens 20.179 Kinder getötet und 44.143 weitere verletzt. Kinder machten rund 30 Prozent aller Todesopfer aus. Mehr als 5000 getötete Kinder waren jünger als fünf Jahre, darunter über 1000 Säuglinge und rund 420 Neugeborene. Weitere 5160 Kinder gelten nach Schätzungen als unter Trümmern verschüttet.
Besonders schwer wiegt der Vorwurf gezielter Tötungen. Die Kommission dokumentiert zahlreiche Fälle, in denen Kinder nach ihrer Einschätzung durch Scharfschützen oder bewaffnete Drohnen aus kurzer Distanz erschossen wurden. In mehreren untersuchten Fällen seien Kinder an Kopf, Hals oder Oberkörper getroffen worden. Die Ermittler verweisen auf Aussagen von siebzehn Ärzten aus verschiedenen Spitälern, die übereinstimmend von Kindern mit einzelnen, präzise gesetzten Schussverletzungen berichteten. Forensische Untersuchungen bestätigten in den meisten analysierten Fällen den Befund gezielter Schüsse.
Der Bericht beschreibt zudem die Folgen der israelischen Kriegsführung für Kinder. Angriffe auf Wohngebiete, Schulen, Spitäler und Flüchtlingslager hätten zu einer beispiellosen Zahl von Todesopfern geführt. Unicef bezeichnete Gaza laut Bericht als «den gefährlichsten Ort der Welt für ein Kind». Tausende Minderjährige verloren Gliedmassen oder erlitten dauerhafte Behinderungen. Die Kommission wirft Israel ausserdem vor, durch Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen, Hilfsblockaden, Vertreibungen und Schulschliessungen die Lebensgrundlagen einer ganzen Generation zu zerstören.
Israel weist die Vorwürfe entschieden zurück. Das Aussenministerium bezeichnete den Bericht als «verleumderische Farce» und warf der Kommission vor, die israelischen Opfer des Hamas-Angriffs vom 7. Oktober 2023 auszublenden. Bei dem Angriff wurden nach israelischen Angaben rund 1200 Menschen getötet und 251 Geiseln verschleppt. Die israelische Regierung betont, ihre Streitkräfte handelten im Einklang mit dem Völkerrecht und träfen Vorkehrungen zum Schutz der Zivilbevölkerung.
Die Vorwürfe verschärfen den internationalen Druck auf Israel. Bereits im vergangenen September war dieselbe Kommission zum Schluss gekommen, es gebe Anhaltspunkte für einen Genozid im Gazastreifen. Die israelische Regierung weist diesen Vorwurf weiterhin kategorisch zurück.