Steht Russlands Kriegswirtschaft kurz vor dem Zusammenbruch? Das britische Wirtschaftsmagazin The Economist beantwortet diese Frage mit Nein. In einer Analyse setzt sich das Magazin mit einer Reihe neuer Studien und Experteneinschätzungen auseinander, die vor einer tiefen Wirtschaftskrise in Russland warnen. So kommt ein neuer Bericht des Kieler Instituts für Weltwirtschaft zum Schluss, Russland leide unter einer «strukturellen Erschöpfung». Andere Analysten sprechen bereits von einer Rezession oder einer bevorstehenden Krise der russischen Volkswirtschaft. Der Economist hält diese Einschätzungen jedoch für zu pessimistisch.
Sergei Ilnitsky/Keystone
Als Beleg für die angebliche Schwäche wird häufig auf offizielle Wirtschaftsdaten verwiesen. Diese zeigen, dass Russlands Bruttoinlandprodukt im ersten Quartal 2026 gegenüber dem Vorjahr um 0,2 Prozent geschrumpft ist. Nach Einschätzung des Magazins zeichnet diese Zahl jedoch ein verzerrtes Bild. So hätten viele Russen wegen einer Erhöhung der Mehrwertsteuer grössere Anschaffungen noch Ende 2025 vorgezogen. Zudem habe es Anfang 2026 weniger Arbeitstage gegeben als im Vorjahr. Der Economist kommt deshalb zu einem anderen Schluss: «Russland befindet sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in einer Rezession.»
Zwar räumt das Magazin ein, dass die russische Wirtschaft unter Druck steht. Der Krieg verschlingt enorme Summen, sinkende Ölpreise belasten die Staatseinnahmen, und ukrainische Angriffe auf die Energieinfrastruktur erschweren den Export von Öl und Gas. Gleichzeitig verweist der Economist jedoch auf mehrere stabile Indikatoren. Die Arbeitslosigkeit liegt weiterhin bei rund 2 Prozent und damit nahe einem Rekordtief. Die Inflation hat sich gegenüber ihrem Höchststand von über 10 Prozent etwa halbiert, die Reallöhne steigen weiter. Zudem habe Russland die westlichen Sanktionen teilweise dadurch abgefedert, dass es den Handel mit Ländern wie China und Indien deutlich ausgebaut habe.
Auch die Staatsfinanzen sieht das Magazin weniger kritisch als viele Beobachter. Moskau könne den Krieg weiterhin über höhere Steuern, Rücklagen oder neue Schulden im Inland finanzieren. Für das laufende Jahr erwartet der Economist ein Wirtschaftswachstum von rund 1 Prozent – etwa so viel wie in Frankreich oder Kanada. Schärfere Sanktionen, dauerhaft niedrigere Ölpreise oder weitere ukrainische Angriffe auf russische Energieanlagen könnten das Wachstum zwar bremsen. Um Putins Kriegswirtschaft ernsthaft aus der Bahn zu werfen, wäre nach Einschätzung des Magazins jedoch «deutlich Radikaleres» erforderlich.