Russlands Präsident Wladimir Putin gerät nach Einschätzung des estnischen Aussenministers Margus Tsahkna zunehmend unter Druck. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland erklärte Tsahkna, im Umfeld des Kremlchefs nähmen die Spannungen zu, und selbst unter den Oligarchen wachse der Zweifel am Krieg gegen die Ukraine.
JOHAN NILSSON / KEYSTONE
Tsahkna führt dies auf die westliche Sanktionspolitik und die militärischen Erfolge der Ukraine zurück. «Zum ersten Mal sehen wir deutlich, dass unsere Strategie wirkt», sagte der estnische Chefdiplomat. Die russische Wirtschaft stehe unter Druck, während ukrainische Angriffe auf Ölraffinerien und Infrastruktur tief im russischen Hinterland den Krieg für die Bevölkerung unmittelbar spürbar machten. «Mittlerweile spürt jeder Russe, dass dieser Krieg nicht irgendwo weit entfernt stattfindet, sondern das eigene Land erreicht hat.»
Der Aussenminister sieht deshalb die Möglichkeit, dass Putin seinen Kurs ändern könnte. «Putin könnte seine Ziele ändern und ernsthafte Verhandlungen aufnehmen – wenn er rational handelt», sagte Tsahkna. Zugleich fügte er hinzu: «Es kann aber genauso gut sein, dass er eines Tages gemeinsam mit seiner Familie aus dem Fenster springt. So etwas kommt in Russland schliesslich vor.»
Scharfe Kritik übte Tsahkna an den bisherigen Vermittlungsbemühungen von US-Präsident Donald Trump. Die Gespräche mit Moskau seien «faktisch gescheitert». Putin habe die Verhandlungen vor allem dazu genutzt, Zeit zu gewinnen. Während über Diplomatie gesprochen worden sei, habe Russland den militärischen Druck auf die Ukraine weiter erhöht.
Warnungen vor einem unmittelbar bevorstehenden russischen Angriff auf Polen oder die baltischen Staaten wies der estnische Aussenminister hingegen zurück. Für eine grossangelegte Invasion in den kommenden Wochen fehlten Russland die militärischen Kräfte. Gleichzeitig betonte Tsahkna, Russland bleibe trotz seiner Bindung im Ukraine-Krieg ein gefährlicher Nachbar. Provokationen seien jederzeit möglich, weshalb Estland und seine Verbündeten wachsam bleiben müssten.