New York ist die Stadt des Moments, und ich war mittendrin. Für ein paar Tage im März, um den Beginn des neuen astrologischen Jahres zu feiern – mit mir, Kirschblüten, der Freiheitsstatue und dem Geist von Jackie Kennedy, der mich auf Schritt und Tritt verfolgte. Am deutlichsten spürbar war er in der «Bemelmans Bar» im «The Carlyle» – jenem Ort, dessen Wände der Illustrator Ludwig Bemelmans höchstpersönlich bemalte und in der Jackie ein Stammgast war –, als das Licht kurz an- und wieder ausging. Der Kellner, seit zwanzig Jahren im Haus, sagte, das sei ihm noch nie passiert. Er war sich sicher: ein Zeichen von Jackie persönlich! Ich hatte wilde Fantasien, wie das wäre, wenn sie noch lebte und wie sie sehr sicher nach dem New-York-Duft von Designerin Gabriela Hearst und dem argentinischen Parfümhaus Fueguia 1833 riechen würde: nach Zedernholz, Ahorn, Rose und Tonkabohne.
Illustration: Daniel Egnéus
Zeitlose Eleganz
Beim Hotel gibt es keinerlei Zweifel: Das «The Mark» an der Madison Avenue ist und bleibt erste Wahl. Abgesehen davon, dass man von hier innerhalb weniger Minuten die wichtigsten Stationen inklusive der grossen Museen zu Fuss erreichen kann, ist es das watering hole der Upper East Side, die Zentrale des guten Geschmacks, in der einem zum Kaviar im «Caviar Kaspia» eine Zigarette gereicht wird (Rauchen ist wie in die USA einzureisen: eine ebenso umstrittene wie grossartige Sache). Es ist das Zuhause von Frédéric Fekkais Haarsalon, in den auch Susan Miller, die wohl bekannteste Astrologin Amerikas, geht – was ich bei einem blow dry herausfand und daraufhin fast in Ohnmacht fiel. Und natürlich noch viel wichtiger: Es ist das Epizentrum der Met Gala, dem wichtigsten Modeevent der Welt. Auch dieses Jahr wurden sorgfältig und liebevoll alle Möbel aus den Zimmern geräumt, um den Stars den nötigen Raum und genügend privacy zu geben, damit diese sich auf ihren Auftritt vor der Weltöffentlichkeit vorbereiten können.
Lustigerweise habe ich ein paar Tage später, zu Besuch bei Swarovski in Wattens, alle Details zur Halskette von Tennisikone Venus Williams erfahren, die erst vor Ort in einer der «Mark»-Suiten fertig wurde, Minuten vor dem Event. Niemand, der nie einen ernsten Blick hinter die Kulissen einer solchen Veranstaltung geworfen hat, kann sich auch nur im Entferntesten vorstellen, was es wirklich braucht, bis ein einziger Mensch über die legendären schwarzweissen Fliesen der «Mark»-Lobby schreitet – geschniegelt, gestriegelt und zeitlose Eleganz ausstrahlend.
Natürlich ist es auch kein Zufall, dass gleich zwei wichtige Modehäuser ihre Cruise-Kollektionen in New York präsentierten. Louis Vuitton zeigte in der frisch renovierten Frick Collection (unbedingt anschauen!) ein hochherrschaftliches Stadtpalais, geprägt von der Faszination für die französische Aristokratie und der Opulenz des Gilded Age. Dort begegnet man Meisterwerken der europäischen Malerei, die zum Unglaublichsten und Schönsten zählen, was ich in diesem Leben je gesehen habe. Abgesehen davon, dass die originale Epstein-Villa um die Ecke steht (ich habe dort einen kleinen Exorzismus gemacht), sagte Designer Nicolas Ghesquière zu seiner Show: «Es gibt diese für New York typische Dualität, als bestünde die Stadt aus zwei Städten zugleich. Dieses Spannungsfeld zwischen Downtown und Uptown, bei dem man sich fragt, wo eigentlich die Grenze verläuft und ab welchem Moment beide Welten miteinander verschmelzen – genau dieser Geist erschien mir als ein spannender Ausgangspunkt für diese Kollektion.» Bei der Gucci-Show am Times Square dachte ich dann tatsächlich kurz, es handle sich um einen Fiebertraum in Multicolor. Paris Hilton und Cindy Crawford auf dem Laufsteg und alle Screens gleichgeschaltet – dass es überhaupt möglich ist, eine solche Show möglich zu machen! Abgesehen davon würde ich ungefähr alle Looks der Kollektion direkt anziehen wollen.
Am letzten Morgen in der Stadt schaute ich – dem Jetlag sei Dank – früh aus meinem Zimmer und hoch auf den kleinen Frühstücksplatz, den die Kennedys anbringen liessen, um mit Blick auf den Central Park in den Tag zu starten (sehr nachvollziehbar!), und fragte mich, was ich mit dem Tag anfangen sollte. Concierge Michel brachte mir die Lösung: eine Stadtrundfahrt! Er markierte mir in der Uber-App (smart!) die perfekte Route; ich habe selten 200 Dollar besser investiert als für die anschliessende, zweistündige Fahrt durch eine Stadt, die zwar niemals schläft, aber durchaus auch Nickerchen macht und in diesen Momenten ihre schweren Glieder von sich streckt.
Miss Liberty
Der Himmel war grau und wurde langsam heller, als ich über die Fifth Avenue fuhr, vorbei an den alten Geldtempeln der Stadt, den schweren Türen, den doormen, den Blumenarrangements, die aussehen, als hätte jemand Versailles in Vasen gepresst. Danach wird Uptown zu Downtown, Luxus zu kreativem Chaos. Genau diese Spannung meinte wohl Ghesquière. Weiter ging es Richtung SoHo, Tribeca und schliesslich runter ans Wasser. Alte Backsteinfassaden, fire escapes – während vieler dieser kurzen Momente sieht Manhattan aus wie ein Neunziger-Jahre-Film mit Gwyneth Paltrow. Auf der Manhattan Bridge erzählte mir Muhammad, dass er seit 22 Jahren Taxi fährt und damals seine ganze Familie aus Pakistan nachziehen konnte. «Zwei meiner Kinder arbeiten sogar bei Amazon.» Der Stolz in seiner Stimme war nicht zu überhören.
Und dann, vollkommen unerwartet, erschien die Freiheitsstatue. Die Idee einer neuen Heimat, einer bunten, gerechten Zukunft für alle, von Freiheit, Selbstbestimmung und der unsterblichen Hoffnung, dass man sich immer wieder neu erfinden darf. New York war schon immer die Stadt des Moments. Und Miss Liberty ihr ewiges Versprechen.
Alexandra Kruse ist Ex-Stylistin, Astrologin und Mutter eines Sohns. Sie glaubt an Sonne, Mond und Sterne, ist in Zürich anzutreffen und auf Instagram.