Jahrelang haben Kommentatoren auf dem europäischen Festland den Abgesang auf das Vereinigte Königreich angestimmt. Nach dem Brexit, so die Überzeugung, werde Grossbritannien wirtschaftlich keinen Fuss mehr auf den Boden bekommen.
Inzwischen überholt die Realität die Untergangsszenarien allerdings im hohen Tempo. Das neue Freihandelsabkommen mit der Schweiz gilt führenden britischen Politikern als Beleg dafür, dass der Schritt richtig war und das Land auch ausserhalb des Korsetts der EU erfolgreich bleiben kann.
Anthony Anex/Keystone
Für den britischen Handelsminister Peter Kyle ist der Deal nichts Geringeres als «das bedeutendste Dienstleistungsabkommen, das Grossbritannien je ausgehandelt hat». Es verspricht ein britisches Exportplus von 5,2 Milliarden Pfund pro Jahr und erleichtert den visumfreien Personenverkehr für Geschäftsreisende fundamental.
Auch von profilierten Brexit-Befürwortern wie dem ehemaligen Tory-Politiker Jacob Rees-Mogg gibt es dafür Beifall: Das Abkommen zeige exemplarisch, dass wirtschaftliche Dynamik und politische Souveränität keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen.
In Brüssel versucht man seit Jahren, Partner über institutionelle Rahmenbedingungen und automatische Rechtsübernahmen zu gängeln. London und Bern demonstrieren nun, dass es auch anders geht.
Zwei der stärksten Finanz- und Innovationsplätze Europas schliessen einen massgeschneiderten Vertrag ab, und das ganz ohne supranationale Richter oder Souveränitätsverlust.
Es ist wenig verwunderlich, dass Brexit-Gegner in Grossbritannien und EU-Anhänger in der Schweiz derzeit nichts von sich hören lassen. Denn das Abkommen belegt, dass die Distanz zur Europäischen Union nicht Abschottung bedeuten muss. In diesem Fall steht sie für die Freiheit, Verträge im eigenen Tempo und im eigenen Interesse abzuschliessen.
Was im Königreich gefeiert wird, könnte auch für die Schweiz ein wichtiges Symbol sein: Ein Wink mit dem Zaunpfahl für die oft zu zaghafte Schweizer Europapolitik.