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«Gerühts wieder an, ich begrüsse Sie ganz herzlich zu einer weiteren Ausgabe von Weltwoche Daily, spezial Meilenstein der Schweizer Geschichte. Mein Name ist Roman Zeller und nehme bereits jetzt schon Professor Christoph Börgeli. Wir befinden uns, so viel sei verraten, in der Innerschweiz, unter freiem Himmel, in stürmischem Wetter.» Lieber Christoph, was ist das Thema der heutigen Sendung? Grüezi miteinander. Wir sind in Burgs, im Kanton Nidwalden. Und hier, man würde es kaum glauben, besteht eine gewisse Gefahr eines Tsunamis. Jedenfalls war das in der Geschichte so und wir können es auch in Zukunft nicht ganz ausschliessen, auch wenn die Wahrscheinlichkeit zum Glück gering ist. Aber wir befinden uns in einer Zone. von doch einigermassen erdbebengefährdetem Gebiet. Und hier wird dann auch geforscht, die Universität Bern, die ETH und auch der Nationalfonds, die schauen, wie sieht das hier genau aus, was würde passieren, wenn sich hier gewisse geologische Vorgänge, auch unterhalb des Wassers im Vierwaldstättersee, in Folge eines Erdbebens ereignen könnten. Welches wären die Schäden? Wo könnte eine Gefahr entstehen? Warum wird das hier erforscht? Warum ist man darauf gekommen? Das hat sicher nicht zuletzt auch historische Gründe, weil man die Geschichte kennt. Es hat vor sehr, sehr vielen Jahren sicher schon mal so ein Ereignis gegeben, wobei man davon nichts weiss. Da gibt es auch keine Aufzeichnungen. Was wir aber genau wissen, ist, dass am 18. September des Jahres 1601 morgens um 1 Uhr, also mitten in der Nacht, ein Erdbeben stattgefunden hat, das einen gefährlichen Tsunami ausgelöst hat. Was weiss man über dieses Erdbeben? Wie stark war es damals? Man rechnet, es war 5,9 auf der Richterskala. Es gibt auch Spezialisten, die sagen, es war über 6. jedenfalls eine sehr, sehr heftige Erschütterung. Und das Problem war, dass durch dieses Erdbeben sich Gesteinsmassen unterhalb des Vierwaldstättersees gelöst haben. Das heisst, der Geröll, auch Schlamm, der sich da über sehr, sehr viele Jahre angesammelt hat, ist in die Tiefe gefallen. Das hat wie eine Unterwasserlawine ausgelöst. Das führte dann zu einem Anstieg des Wassers in dramatischem Masse und zu einem Tsunami. der sicher vier Meter hoch war. Manche reden bis zu zehn Meter. Jedenfalls war das ein gefährliches Ereignis. Es hat auch ungefähr acht bis zehn Personen das Leben gekostet. Da hatte man noch Glück. Es gab ja dann schlimmere Naturkatastrophen in der Schweiz. Aber das ist doch den Menschen im Gedächtnis geblieben. Was waren die Auswirkungen von dieser für Schweizer Verhältnisse Monsterwelle? Wie hat das hier in Burgs? Generell vielleicht in der Innerschweiz ausgesehen dann danach. Es hat massive Überschwemmungen gegeben, das wäre auch heute zu befürchten. Damals war ja die Gegend noch etwas weniger besiedelt, heute wäre das noch wesentlich gefährdeter, weil wir ja sehr viele Bauten mehr haben in heutiger Zeit. Damals hat vor allem der Luzerner Stadtschreiber Renward Ziesat die Folgen dieses Tsunamis notiert. Er war in Goldau, ist dann zurückgereist, hat in Küsnacht gesehen, dass Schiffe da weit ins Land hineingeschleudert worden sind. Er spricht von Wellen, die zwei Halbarten hoch waren, also zwei Hellebarten hoch. Da können wir von vier Metern sicher sprechen. Und das war natürlich wirklich ein überraschendes Ereignis. In Luzern hat man beobachtet, dass durch dieses Erdbeben das Wasser... aus der Reuss zurückgeflossen ist in den Vierwaldstättersee. Also das Flussbett war dann gewissermassen frei. Man konnte darin spazieren und es ist dann mit Heftigkeit wieder zurückgekommen. Die Geologen sprechen von einer sogenannten Seiches. Das heisst, es sind dann die Wasseroberflächen ungleich. Am einen Ufer ist das Wasser höher als am anderen Ufer, am gegenüberliegenden Ufer. Das sind gewissermassen stehende Wellen. die entstehen durch ein solches Erdbeben und die dann natürlich entsprechend zurückschlagen, wenn sich das Ganze wieder ausgleicht. War das eine einmalige Katastrophe hier in Wuchs oder gab es das immer mal wieder über die Jahre? Es war schon eine wirkliche... Eine Katastrophe, die über viele Jahrhunderte einmalig blieb. Zum Glück. Es gab dann immer wieder stärkere Erdbeben, auch im Kanton Uvalden 1964, auch mit Schäden. Damals war aber das wirklich singulär. Und man geht auch davon aus, dass damals, 1601, so viel Geröll abgebrochen ist, dass das sehr lange geht, bis das sich wieder ablagert und dann entsprechend wieder... abbrechen könnte bei einem Erdbeben. Aber all das sind jetzt aktuell Gegenstände der Untersuchung, der wissenschaftlichen Erforschung, dass man natürlich auf entsprechende Gefahren gewappnet wäre. Heute rechnen die Versicherungsspezialisten, die Erdbebenversicherer, mit etwa 9 Milliarden Schaden, wenn da so ein Ereignis stattfinden würde in der Zentralschweiz. Gibt es da auch... Bauliche Vorkehrungen, die man aufgrund dieser Gefahr getroffen hat? Es gibt wenige bauliche Vorkehrungen. Natürlich hat man sich gegen die Wellen, auch gegen Hochwasser entsprechend geschützt. Es darf auch nicht gebaut werden, wo da wirklich Hochwassergefahr herrscht. Und es sind hier eben sehr viele Ebenen, wo das Wasser wirklich über Hunderte von Metern dann das Land überschwemmen könnte, zum Beispiel das Delta der... Engelberger A. ist hier zu benennen. Damals gab es auch in Beckenried 1601 Tote. Das war auch eine gefährdete Gegend und Umgebung. Und wie gesagt, in Luzern war das auch ein ganz grosses Ereignis und hat die Leute entsprechend erschreckt und die Behörden dann zu Massnahmen veranlasst. Wie ist das von damals dokumentiert worden? Wurde das aufgeschrieben? Gab es da schon Instrumente der Messung für so eine Katastrophe? Gemessen wurde noch nicht sehr exakt. Wir haben diese Messung von zwei Hellebardenhöhe. Da können wir uns etwa vorstellen, wie hoch das gewesen ist. Vielleicht zum Teil noch wesentlich höher, wie wir heute annehmen müssen. Renward Ziesat, dieser Luzerner Staatsschreiber, ist einer dieser Chronisten. Aber wir haben auch Zeugnisse aus den Ratsprotokollen von Luzern. Wie haben die Behörden ein solches Ereignis interpretiert? Das war natürlich die Strafe Gottes für ein nicht gefälliges Leben. Und die Behörden haben ab diesem 18. September 1601 bis zur Fasnachtszeit des nächsten Jahres ein absolutes Lustbarkeitsverbot erlassen. Das heisst, man durfte nicht mehr tanzen, musizieren, lärmen, singen, fröhlich sein, prassen und schlemmen. All das wurde verboten. Man sollte sich bewusst werden, dass Gott unbarmherzig strafen kann, wenn die Menschen das entsprechend verdient haben. Gehen wir in die heutige Zeit. Was ist der Stand der Forschung? Was hat man bis heute herausgefunden? Ich meine, dass diese Tsunami-Forschung wichtig ist für die Schweiz. Und wir sind uns gar nicht bewusst, dass es immer wieder Kapitalismus gibt. Katastrophen geben kann. Wir kennen auch das gewaltige Erdbeben von Basel aus dem 14. Jahrhundert. Das war natürlich ein schreckliches Ereignis und das ist nicht ausgeschlossen, dass sich das mal wiederholt. Wir denken natürlich meistens, wenn wir das Wort Tsunami hören, vielleicht einerseits an die Katastrophe in Japan mit entsprechenden Auswirkungen, auch für uns dann in der Energiepolitik, weil ja da auch die Kernkraft betroffen war. Oder eben an den ganz grossen Tsunami des Stephanstags des 26. Dezember 2004 im Indischen Ozean. Dieser Tsunami hat etwa 230'000 Todesopfer gefordert. Das ist unglaublich. Auch hier kann so etwas entstehen. Es gab übrigens auch einen Tsunami beim Bergsturz von Goldau 1806, damals mit 256 Toten, Entschuldigung, 456 Toten, muss mich da korrigieren. Das war bislang das schwerste Naturunglück, das die Schweiz betroffen hat. Was glaubt man, wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass es wieder dazu kommen kann? das Geröll. Das dauert wahrscheinlich noch, bis es wieder so viel angesammelt hat, um da in die Tiefe zu stürzen. Was rechnet man da von Jahrhunderten, Jahrtausenden? Ich meine schon, dass man von Jahrhunderten rechnen darf, jedenfalls. Was die Wahrscheinlichkeit betrifft, weil eben tatsächlich diese Untergrundmassen dieses Vierwaldstättersees nicht unmittelbar in Gefahr sind, in grossem Masse ein- und abzubrechen. Das kann man heute untersuchen. Aber natürlich, Erdbebenereignisse sind nicht voraussehbar. Das kann uns immer wieder betreffen und man muss sich einfach bewusst sein. dass selbst in der zentralen Schweiz solche Naturereignisse auftreten können. Wir hoffen es nicht, aber es ist denkbar und man sollte sich entsprechend auch wappnen und das tun, was eben die Menschen tun können. Allzu viel ist es nicht, aber einiges kann man doch vorhersehen. Wo steht die Schweizer Tsunami-Forschung im internationalen Vergleich? Sind wir da ein Aussenseiter, weil es eben vergleichsweise kleine, Vorkommnisse und Katastrophen sind und sind wir da schon ein ernstzunehmender Player? Die Schweizer Forschung ist hier schon sehr weit, namentlich auch die ETH, aber auch Universitäten wie Bern sind wirklich führend und auch international konkurrenzfähig auf diesem Gebiet, weil die Schweiz natürlich überhaupt eine sehr interessante Geologie hat und weil die Geologie auch grosse wirtschaftliche Auswirkungen hat, denken wir. Etwa an den Tunnelbau, wo es sehr wichtig ist, dass man die Gesteinsmassen genau kennt. Was gibt es sonst noch über diesen Tsunami von Burgs zu sagen? Über die Katastrophenforschung in diesem Gebiet, in der Schweiz, für die Schweiz, für die Welt? Vielleicht kann man noch erwähnen, dass damals, 1601, auch ein Teil des Bürgenstockmassivs abgebrochen ist, also in den See gestürzt ist. Das hat natürlich auch dann Unruhen. ausgelöst auf dieser Wasseroberfläche. Also das muss schon sehr eindrücklich gewesen sein. Wenn man das aus der Ferne betrachten konnte, hatte man noch Glück. Wenn man natürlich betroffen war, war das alles andere als lustig. Also die Häuser standen damals schief. Es sind auch Häuser zerstört worden. Und wie gesagt, es gab einige, wenn auch zum Glück nicht allzu viele Todesopfer damals infolge dieses Tsunamis. Hauper? Es handelte sich, so wie die damaligen Menschen das interpretierten, um ein göttliches Strafgericht. Unglaublich faszinierend. Lieber Christoph, danke vielmals für diese Ausführungen zum Schweizer Tsunami von Box. Ich danke mir für die Aufmerksamkeit, wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Bis zum nächsten Mal bei Weltwoche Daily Spezial und vor allem bis zum nächsten Mal bei Meilensteine der Schweizer Geschichte. Vielen herzlichen Dank und einen schönen Tag. 2020

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Meilensteine der Schweizer Geschichte: Prof. Christoph Mörgeli über den Tsunami von Buochs

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Meilensteine der Schweizer Geschichte: Prof. Christoph Mörgeli über den Tsunami von Buochs
Meilensteine der Schweizer Geschichte: Prof. Christoph Mörgeli über den Tsunami von Buochs
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Kapitel

  1. Einleitung und Begrüssung
  2. Einführung in das Thema Tsunami-Gefahr
  3. Historische Hintergründe des Tsunamis
  4. Auswirkungen des Tsunamis 1601
  5. Dokumentation und Interpretation des Ereignisses
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