Der Krieg gegen den Iran hat nach Einschätzung zweier renommierter Nahost-Experten nicht zum Sturz der Islamischen Republik geführt, sondern einen tiefgreifenden Wandel des iranischen Staates ausgelöst. Die Politikwissenschaftlerin Narges Bajoghli und der Nahost-Experte Vali Nasr von der Johns Hopkins University schreiben in der Fachzeitschrift Foreign Affairs, der Konflikt habe «einen neuen Iran hervorgebracht», der die Machtverhältnisse im Nahen Osten langfristig verändern werde.
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Die Autoren widersprechen damit der Darstellung der USA und Israels, wonach der Krieg das iranische Regime entscheidend geschwächt habe. Stattdessen habe die Islamische Republik die militärische und politische Belastungsprobe überstanden und sich in bemerkenswerter Geschwindigkeit neu organisiert. Teheran sei heute selbstbewusster, pragmatischer und strategisch flexibler als vor dem Krieg.
Im Zentrum des Wandels steht laut Bajoghli und Nasr eine neue Generation von Führungskräften, die sich zunehmend von den revolutionären Idealen der Gründungszeit löst. An die Stelle ideologischer Mobilisierung trete ein nüchterner Nationalismus. Die neuen Eliten würden weniger revolutionären Aktivismus als vielmehr Staatskunst, Effizienz und strategische Geduld verkörpern.
Der Umbruch habe nach dem zwölftägigen Krieg im Juni 2025 eingesetzt. Innerhalb weniger Monate seien Kompetenzen von Teheran an die Provinzen übertragen und Teile des Staatsapparates dezentralisiert worden. Gleichzeitig seien die Streitkräfte zu einem flexiblen Netzwerk operativer Kommandos umgebaut worden, das stärker auf asymmetrische Kriegsführung ausgerichtet sei.
Auch regional sieht die Analyse einen Machtgewinn des Iran. Die Angriffe auf amerikanische Einrichtungen und die zeitweise Kontrolle der Strasse von Hormus hätten das Vertrauen vieler Golfstaaten in die Sicherheitsgarantien Washingtons erschüttert. Die Autoren sprechen von einem nachhaltigen Vertrauensbruch zwischen den arabischen Monarchien und den Vereinigten Staaten.
Innenpolitisch reagiert die Führung nach Darstellung der Experten auf die wirtschaftlichen Probleme des Landes mit Reformen und umfangreichen Wiederaufbauprogrammen. Die Legitimität des Staates soll künftig weniger auf religiöser Ideologie als auf der Fähigkeit beruhen, Sicherheit, Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung zu gewährleisten.
Besonders bemerkenswert erscheint den Autoren die gesellschaftliche Entwicklung. Der Krieg habe die lange Zeit scharfe Trennung zwischen Staat und Gesellschaft teilweise aufgehoben. Die gemeinsame Erfahrung der Bombardierungen habe eine neue nationale Identität gefördert, die religiöse und politische Gegensätze überlagere.
Bajoghli und Nasr kommen zum Schluss, dass die Islamische Republik zunehmend den Charakter eines nationalistischen und technokratischen Staates annehme. Die zentrale Frage politischer Loyalität laute nicht mehr, ob jemand ausreichend islamisch sei, sondern ob er sich zur iranischen Nation bekenne. Der Iran der Nachkriegszeit sei deshalb weniger revolutionär, dafür stärker nationalstaatlich geprägt – eine Entwicklung, die nach Ansicht der Autoren die Geopolitik des Nahen Ostens auf Jahre hinaus beeinflussen dürfte.