Der Schweizer KI-Forscher Marcel Salathé hält Warnungen vor einer möglichen Auslöschung der Menschheit durch künstliche Intelligenz für wissenschaftlich unbegründet und wirft Teilen der Branche vor, die Gefahren ihrer eigenen Technologie aufzubauschen. «Wir werden alle sterben, aber nicht wegen KI. Im Gegenteil, dank KI werden wir sogar länger leben», sagt der EPFL-Professor und Co-Direktor des dortigen AI Center im Interview mit dem Tages-Anzeiger.
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Für Behauptungen, wonach KI mit einer Wahrscheinlichkeit von 10 Prozent innerhalb eines Jahrzehnts die Menschheit vernichten könnte, gebe es «überhaupt keine Evidenz». Salathé hält solche Zahlen für «extrem unverantwortlich». Besonders kritisch sieht er, dass ausgerechnet Chefs grosser KI-Unternehmen vor einer kaum kontrollierbaren Technologie warnen und gleichzeitig deren Entwicklung mit Milliardeninvestitionen vorantreiben.
Dahinter vermutet Salathé auch wirtschaftliche Interessen. Strenge regulatorische Hürden könnten etablierte US-Konzerne vor neuen Konkurrenten schützen, insbesondere vor günstigeren chinesischen KI-Systemen. «Wir können ihren Aussagen schlicht nicht vertrauen», sagt er über die Spitzen der Branche. Regeln müsse der Staat festlegen, nicht jene Unternehmen, die von ihnen profitieren könnten.
Auch Berichte über ausser Kontrolle geratene KI-Agenten hält Salathé teilweise für irreführend. Bei einem vielbeachteten Hacker-Experiment von Open AI sei die KI ausdrücklich zum Hacken angewiesen worden, zudem hätten Mitarbeiter fast alle Sicherheitsvorkehrungen ausgeschaltet. Reale Gefahren sieht er dennoch: KI könne für Cyberangriffe eingesetzt werden, autoritäre Staaten stärken und den Arbeitsmarkt verändern.
Seine grösste strategische Sorge gilt Europa und der Schweiz. Beide investierten viel zu wenig in eigene KI-Technologie und drohten den Anschluss zu verlieren. Salathés Forderung: Europa müsse leistungsfähige Systeme selbst entwickeln können, um technologisch nicht von anderen Weltregionen abhängig zu werden.