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Jenseits von Mallorca

Die Insel Elba entzieht sich dem Massentourismus. Das hat auch mit Napoleon zu tun.
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Wer hier landen will, braucht starke Nerven. Aus der Luft wirkt die Piste von Marina di Campo wie ein mit dem Lineal gezogener Strich zwischen Hügeln und Meer. Auf der einen Seite wölbt sich die grüne Macchia, die typische wilde Mittelmeer-Buschlandschaft, die im Sommer nach Rosmarin, Thymian und Piniennadeln duftet. Knapp 1.200 Meter Asphalt – effektiv nutzbar sind gut 950 Meter; mehr bleibt dem Piloten nicht. Der Anflug auf Elba ist nichts für Grossraumjets.

Die magnetische Insel: Tretboote am Strand von Marina di Campo.
Tretboote vor dem Strand von Marina di Campo auf Elba (Symbolbild)
Die magnetische Insel: Tretboote am Strand von Marina di Campo.

Für Bernerinnen und Berner ist die Destination das Sprungbrett ins Meer: Eine gute Stunde in der Luft – und schon steigt man mit Flip-Flops aus dem Flieger. Seit Mitte der 1990er Jahre steht Elba regelmässig im Sommerflugplan von Bern-Belp: zuerst mit Air Engiadina, später mit Skywork und anderen Charteranbietern. Am Strand hört man im Juli mehr Bärndütsch als Italienisch.

Schon auf der Fahrt vom Flugplatz fällt auf, wie unberührt hier alles geblieben ist. Die Strassen sind schmal und kurvig, oft nur eine asphaltierte Spur – Gegenverkehr als Charaktertest. Die Hotels ducken sich in die Hügel, drei, vier Stockwerke höchstens. Keine Betonklötze, Vergnügungsparks oder Shoppingmalls, die den Meerblick versperren. Man fragt sich unweigerlich, warum Elba – so nah an der Toskana, so schön und geschichtsträchtig – kein zweites Mallorca geworden ist.

Elba hatte nie die Kapazität für den grossen Ansturm. Die Insel ist Teil des Nationalparks Toskanischer Archipel, seit 1996 stehen grosse Flächen und Küsten unter strengem Schutz. Die Topografie hilft mit: steile Hänge, verwinkelte Täler. Und dann dieser wetterfühlige Mini-Flugplatz sowie Fähren, die zwar zuverlässig verkehren, die aber jeden Gast zu einem gewissen Mindestaufwand zwingen. Das alles schreckt Investoren ab, die am liebsten mit 400-Zimmer-Hotels anrücken.

Unfreiwilliger Influencer

Dabei hätte die Insel jeden Grund, überheblich zu sein. Schliesslich war sie einmal das Zentrum Europas – für ziemlich genau 300 Tage. 1814 wird Napoleon verbannt und darf erstaunlich viel selbst bestimmen: Er wählt Elba (statt Korfu), bringt seine Gardesoldaten mit, richtet eine kleine Hofhaltung ein und regiert fortan als «Kaiser von Elba».

Im Eiltempo lässt Napoleon Strassen bauen, Schulen und Spitäler modernisieren, er kümmert sich um Bergbau und Landwirtschaft. Die Insel wird in drei Bezirke geteilt – Portoferraio, Marciana und Rio – und erhält eine neue Flagge: weisser Grund, roter Balken, drei goldene Bienen, ein altes Königssymbol aus der Zeit der Merowinger, das sich Emporkömmling Napoleon kurzerhand aneignete.

Vom Fort auf dem Volterraio blickt man über Portoferraio und kann sich gut vorstellen, wie der exilierte Kaiser von dort oben auf die Bucht starrte und seinen Rückweg nach Frankreich plante. Der Rest ist Schulstoff: Flucht, Waterloo, Endstation St. Helena. Für Elba blieben die Infrastruktur, die Napoleon-Mythologie mit Villen, Museen – und ein Mineralwasser namens «Fonte Napoleone».

So nah und doch so fern

Wer in Richtung Osten fährt, merkt schnell, dass früher auf Elba nicht nur gechillt, sondern hart gearbeitet wurde. Die Insel verdankt ihren Reichtum vor allem dem Eisen. Schon die Etrusker schürften hier Erze, später die Römer, dann die Medici und die italienische Stahlindustrie.

Bei Capoliveri, am Monte Calamita («Magnetberg»), wird diese Geschichte sichtbar. Der Name verweist auf ein Eisenerz mit aussergewöhnlicher Anziehungskraft; hier liegt eine der bedeutendsten Lagerstätten Europas.

Heute holt einen ein quietschgelber Minizug ab und rattert durch eine Landschaft, als hätte jemand ein Stück Mars in die Toskana verpflanzt: rostrote Terrassen, verlassene Förderbänder, ein See in sämtlichen Brauntönen. Kinder klopfen mit kleinen Hämmern Erzbrocken aus dem Gestein, Erwachsene fotografieren rostige Bagger, bis der Akku schlappmacht. Und in allen Erzählungen der Guides taucht die Legende auf, dass früher die Schwerter der Piraten am Fels klebenblieben, weil der Berg so unglaublich magnetisch war.

Von den Minenterrassen blickt man hinunter auf eine türkisfarbene Bucht; an klaren Tagen zeichnen sich am Horizont Korsika und, weiter im Süden, Sardinien ab. Da merkt man, wie nah Elba an der toskanischen Küste liegt – und wie weit draussen es sich trotzdem anfühlt.

Wer durch die Gassen von Marciana Marina flaniert, stolpert unweigerlich über einen dieser türkisfarbenen Läden: Acqua dell'Elba. Die Marke wurde um die Jahrtausendwende von drei Einheimischen gegründet – von Fabio und Chiara Murzi sowie ihrem Schwager Marco Turoni. Ihr Plan: die Essenz der Insel einzufangen, in Flakons statt auf Postkarten.

In den Broschüren versprechen die Gründer, die Insel «besser zu hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben». Das klingt pathetisch, ist aber ernst gemeint: Vor kurzem wurde der Küstenwanderweg «Via dell'Essenza» eingeweiht.

Produziert wird in Handarbeit auf Elba, die Mehrheit der Mitarbeitenden stammt von hier, fast alle sind Frauen. Jede Komposition erzählt eine Variante von Meer und Vegetation: Salz, Zitrus, Mastixstrauch, Wildkräuter. Ein Souvenir, das länger hält als ein Sonnenbrand.

Ein paar Kilometer weiter, in Marina di Campo, tickt eine weitere Elbaner Erfolgsgeschichte: Locman. Firmengründer Marco Mantovani wurde 1961 auf der Insel geboren. Mitte der 1980er Jahre tüftelte er mit seinem Freund Fulvio Locci (Locci + Mantovani = Locman) zunächst an Lederwaren: Armbänder, Taschen, Uhrenbänder. Die beiden fuhren mit ihren Entwürfen an die Baselworld und wurden prompt von der Messe verwiesen, weil sie ohne offiziellen Stand auf Kundenfang gingen. In den neunziger Jahren beschlossen sie trotzig, ihre eigene Uhrenmarke zu kreieren.

Heute ist Locman eine der wenigen echten italienischen Uhrenmanufakturen. Ihre Basis liegt in einer umgebauten Fischfabrik am alten Hafen. Die bunten Modelle sind aus Titan, Carbon und Aluminium – wie kleine Sportwagen fürs Handgelenk. Es gibt Sondereditionen für die italienische Marine, für die legendäre Kunstflugstaffel Frecce Tricolori, und an Partys in New York und St. Tropez blitzten Locman-Uhren an den Handgelenken von Hollywoodstars wie Jennifer Lopez oder Sharon Stone auf.

Natürlich gibt es noch viel mehr zu entdecken als Parfüms und Uhren. So etwa den Aleatico Passito dell'Elba, ein tiefroter, süsser Dessertwein aus der Aleatico-Traube, der als erster Wein der Insel den DOCG-Status bekam. Und in den Bars von Portoferraio taucht immer öfter «Salina» auf, eine einheimische Craft-Beer-Marke, verfeinert mit einer Prise Meerwasser und Champagnerhefe – ein Schluck, der tatsächlich nach Brandung schmeckt. Ein Teil des Erlöses fliesst in Projekte zur Erhaltung der Inselbiodiversität.

Cacciucco und Gurguglione

Wen es nach so viel Meer in die Höhe zieht, der kurvt hinauf nach Capoliveri. Das Städtchen klebt wie ein Schwalbennest über dem Golfo Stella – mit engen Gassen, Treppen und Bögen wie aus dem Mittelalter. Abends sitzen Gäste und Einheimische vor der «Taverna dei Poeti», bekannt für kreative Fischküche. Zwischen den Gängen schwärmt Patron Paolo Paolini von klassischen Elba-Gerichten: Cacciucco, eine tiefdunkle Fischsuppe mit Brot und Schärfe; Gurguglione, ein Paprikagemüse aus Rio. Und vom Schiaccia Briaca – einem süssen Trockengebäck mit Sultaninen, Nüssen und am besten mit einem Schuss Aleatico.

Elba ist ein Geheimtipp wider Willen: zu schön, um wahr zu sein – und zu eigen, um sich dem Massentourismus zu beugen. Wer schnelle Reize sucht, ist hier falsch. Für alle anderen wirkt die Insel wie eine touristische Zeitkapsel: Pensionen mit karierten Tischdecken, Strandbäder mit Holzkabinen, Camping direkt am Strand. Nichts ist inszeniert, nichts perfektioniert. Alles ist so entspannt, dass man sicher ist, zurückkommen zu wollen – auf die Insel, die nichts verspricht. Und alles hält.

Dieser Text erschien im WW Magazin vom 24. Juni 2026.

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