Die frühere Selenskyj-Sprecherin Julija Mendel würdigte die frühere deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Nato-Frage als mässigende Kraft. Merkel habe in ihren Memoiren beschrieben, «wie sie in den 2000er Jahren das einzige Hindernis für einen Nato-Beitritt der Ukraine war», sagte Mendel im Interview mit der Weltwoche. In der Ukraine werde dies «als Verrat verkauft» – für sie jedoch nicht: «Sie war ein Schutzschild gegen den Krieg. Und sie sagte direkt, dass Putin den Krieg beginnen würde, wenn die Ukraine in der Nato ist.»
Die Nato-Erweiterung hält Mendel für einen wesentlichen Konfliktfaktor, wenn auch nicht den einzigen. «Ich halte das definitiv für das Problem aus Sicht Russlands», sagte sie.
Mendel warf Selenskyj im Umgang mit dem Bündnis widersprüchliches Verhalten vor. Unter Verweis auf das US-Buch «The Last Politician» schilderte sie ein Treffen mit US-Präsident Joe Biden im September 2021: Selenskyj sei «besessen von der Nato-Idee» gewesen, habe sich für die Unterstützung nicht bedankt und sofort Forderungen gestellt; Biden sei «schockiert über dieses unethische Verhalten» gewesen. Auf Bidens Hinweis, es gebe «keinen Konsens» für einen Beitritt, habe Selenskyj erklärt, die Nato sei «eine sehr veraltete Struktur, und Deutschland und Frankreich würden sie bald verlassen». Zugleich zerstöre Selenskyj mit dem Abbau von Reformen selbst «den Weg in die Nato».