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Die Stille im Glas

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Die Stille im Glas
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Ich trinke, also bin ich.

Roger Scruton, britischer Philosoph.

 

Rotwein ist für alte Knaben
eine von den besten Gaben.

Wilhelm Busch, deutscher Dichter 

 

Meine Damen und Herren, geschätzte Freunde des gepflegten Untergangs, Hand aufs Herz: Haben Sie heute schon die Nachrichten gelesen? Bitte tun Sie es nicht. Es ist ein einziges, gellendes Crescendo der Hysterie. Ich weiss, manchmal neige vielleicht auch ich dazu, mich am Lautsprecherregler zu verdrehen. Wir leben in einer Zeit, die so laut ist, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht – und schon gar nicht mehr sein eigenes Denken. Die Welt da draussen ist schrill, sie ist gefährlich, und sie wird regiert von Leuten, die das Wort «Masshalten» für eine mittelalterliche Foltermethode halten.

Illustration: Fernando Vicente
Die Stille im Glas
Illustration: Fernando Vicente

In einer solchen Zeitstimmung der totalen Mobilmachung des Unsinns gibt es nur eine Rettung: Die Rettung liegt im Glas. Aber Vorsicht! Ich spreche nicht von jenen alkoholischen Narkosebomben, von diesen genialen önologischen Kraftmeiereien, die einem das Hirn zermalmen oder mit der Faust ins Gesicht schlagen. Einer lauten Welt mit lautem Wein zu begegnen, ist so sinnvoll, wie ein Feuer mit Benzin zu löschen.

Nein. Laute, schrille Zeiten rufen nach einem Wein der Stille, der Tiefe, der in sich ruhenden Substanz, der keiner Rechtfertigung, keiner Provokation bedürfenden Kraft, die aus ihrem Innern wirkt. Unsere Gegenwart ist absurd, aber dieser Absurdität ist nur mit einem Wein beizukommen, der uns aus der Raserei, aus dem sterilen Aktivismus, aus den Fieberkurven der Zeit in die Ewigkeit des Seins entführt.

Der grosse Philosoph Sir Roger Scruton -lehrte uns: Wein ist die flüssige, destillierte Form von Heimat, Brennstoff auch des Denkens und des gediegenen Gesprächs. Er wusste, dass ein wahrer Wein uns nicht betäubt, sondern uns zu uns selbst zurückführt, uns öffnet für die «Agape», die brüderliche Liebe und den sozialen Austausch. Und wenn wir über Rückkehr sprechen, über Tiefe und über jene vornehme Stille, die so gar nicht in unsere Zeit passt, dann landen wir unweigerlich im Burgund, in der Domaine Tortochot, beim Gevrey-Chambertin 1er Cru «Lavaux Saint-Jacques».

Man muss es sich eingestehen, auch ich in meiner unverbesserlichen Neigung zur Selbstüberschätzung: Gegen diesen Wein wirken wir alle so furchtbar klein und geschwätzig. Der Lavaux Saint-Jacques liegt in einer kühlen Senke, direkt am Ausgang des Combe de Lavaux. Während die Welt draussen überdreht und überhitzt – klimatisch wie politisch –, bewahrt dieser Boden eine aristokratische, eine vornehm unaufdringliche Kühle.

Was die Familie Tortochot hier in die Flasche bringt, ist die Antithese zur modernen Effekthascherei. Familie heisst hier Tochter, Chantal Tortochot, eine Frau, ungewöhnlich in diesen uralten Weinbergen, eine Quereinsteigerin obendrein. Sie tauschte eine Karriere im Finanzwesen, unter anderem in den USA, gegen die -Poesie des «Terroirs». Der Lavaux Saint-Jacques verkörpert gleichsam ihre kühnste Vision, biologischer Landbau übrigens, ein Wein wie ein Trompetensolo von Miles Davis in seiner besten Zeit der fünfziger Jahre, asketisch, melancholisch, kraftvoll, unwiderstehlich.

Wer diesen Wein trinkt, betritt eine Welt der archaischen Täler, der mittelalterlichen Landschaften Burgunds, an denen Königsdramen und -intrigen vorübergingen. Romane wurden über diese Gegenden geschrieben, Gebiete, in denen von alters her das Wirkliche in die Fantastik der Einbildung übergeht. Reiche, Dynastien sind gekommen und gegangen. Diese Reb-berge sind geblieben. Hier wurde schon Wein gemacht, als die Römer herrschten und England mit seinen Rosenkriegen und Adelsfronden noch eine Art Afghanistan Europas war.

Wenn ich den Gevrey-Chambertin aus diesen Lagen trinke, erlebe ich einen Wein, der mich nicht schläfrig macht, sondern hellwach, einen Wein der Präsenz. Man spürt den ständigen Luftzug, der hier seit Jahrhunderten über die Trauben streicht. Wir sprechen von einem Wein von steiniger, strenger Eleganz, von Disziplin und Selbstkontrolle gegen die Haltlosigkeit, die Ausschweifungen unserer Zeit. Da ist nichts Süssliches, Einschmeichelndes, aber viel Rückgrat und Charakter.

Warum also Tortochot? Weil dieser Wein uns lehrt, einander wieder zuzuhören. Wer einen Lavaux Saint-Jacques trinkt, kann nicht gleichzeitig empört sein. Es ist unmöglich. Dieser Wein hat eine stille Tiefe, wie man sie vielleicht noch in alten Bibliotheken findet. Er ist fein, ja, aber er ist nicht schwach. Er hat die Autorität eines Mannes, der nicht schreien muss, um gehört zu werden.

Das ist meine Form von Widerstand. In einer Zeit der Oberflächlichkeit wählen wir die kühle Präzision des Lavaux Saint-Jacques. Es ist ein Akt der Selbstironie: Wir wissen, dass wir die Welt nicht retten können, aber wir können uns weigern, an ihrem Wahnsinn teilzunehmen – zumindest für die Dauer einer Flasche. 

Siehe, die Welt ist nicht verdammt.

Trinken Sie ihn langsam. Trinken Sie ihn mit Demut. Und vor allem: Trinken Sie ihn, bevor es Ihnen ein EU-Bürokrat verbietet. In diesem Sinne: Auf das Abendland! Auf das Burgund! Und auf die sanfte Melancholie der Domaine Tortochot!

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