Das waren noch Zeiten, damals in den 1920er Jahren in Paris, als der Mythos von der elegantesten Strasse der Welt entstand. Jazz lag in der Luft, und Joséphine Baker sorgte für Skandale und Begeisterungsstürme zugleich: Nachts tanzte sie im Bananenrock auf der Bühne des Théâtre des Champs-Élysées, tagsüber flanierte sie, in Chanel gekleidet, mit Gepard Chiquita – samt Diamantenhalsband! – über die Prachtallee, die von der Place de la Concorde zum Triumphbogen führt.
Distanze : 65 foot 10 inchesHeight: 8 foot 3 inches
Seit dem 14. Juli 1980 defiliert hier jedes Jahr die Militärparade zum französischen Nationalfeiertag. Seit den Gelbwesten-Protesten von 2018 jedoch wird die Avenue regelmässig von Krawallen heimgesucht wie zuletzt im Anschluss an den Champions-League-Sieg von Paris Saint-Germain. Heute manifestieren sich auf den zwei Kilometern Asphalt Glanz und Elend der «Grande Nation».
Lebensstil einer globalen Elite
Das Publikum heute? Statt frivoler Bananenröckchen sieht man vor allem sac banane-Träger; so werden jene Bauchtaschen bezeichnet, die mit Jogginghosen und Turnschuhen zur modischen Grundausstattung sowohl der Pariser Vororte als auch der Touristen geworden sind. So wie es zum guten Ton des Innenstadtbewohners gehört, noch nie auf dem Eiffelturm gewesen zu sein, waren die «Champs» lange ein Ort, wohin man pflichtschuldig nur seine Gäste von ausserhalb begleitete. Das ändert sich nun. Neue Adressen abseits des üblichen Retail-Angebots machen den Besuch wieder lohnenswert.
In den früheren Abercrombie-&-Fitch-Store ist die RH Gallery eingezogen. RH steht für «Restoration Hardware» und ist ein kalifornisches Unternehmen für Möbel und Interior-Design. Hinter einem mit Blattgold verzierten Portal führt eine verwinkelte Allee aus Buchsbäumen wie zu einem Grand-Hotel oder einer Milliardärsresidenz. Auf vier Etagen kann man sich in eine Interior-Story wie aus einem Architekturmagazin träumen – aber in real und 3-D. RH verkauft nicht nur Möbel und Kunst, sondern kuratiert den Lebensstil einer globalen Elite. Für 225 Euro pro Jahr kann man dem Klub beitreten und die Produkte günstiger beziehen – den Innenarchitekten gibt es frei Haus dazu. Das Konzept expandiert gerade überall in Europa. Das antiminimalistische Design von RH, angesiedelt irgendwo zwischen Art déco und 1970er-Jahre-Retro-Chic, zelebriert Grandezza in milden Farben von Creme über Taupe bis Bronze. Eine Architekturbibliothek und Couchlandschaften im Erdgeschoss laden zum Verweilen ein. Die «Bar RH» in der dritten Etage bietet ein Cocktailmenü, das Colin Field, Ex-Barkeeper des «Ritz», signiert hat. Im «Jardin RH» kann man unter der Glaskuppel von Sir Norman Foster zwischen weissen Onyx-Wänden und -Böden rund um die Uhr Meeresfrüchte, Wagyu-Steaks oder Kaviar speisen oder ganz oben auf dem intimen Dachterrassengarten des «Petit RH» einen erhabenen Blick auf den Eiffelturm geniessen. Nur auf Reservierung, bien sûr.

Gegenüber bringt Bacha Coffee marokkanische Kaffeekultur nach Frankreich. Ein betörender Duft empfängt in der Boutique im Erdgeschoss, wo in bunten Messingdosen an die 200 Kaffeesorten ausschliesslich aus Arabica-Bohnen verkauft werden. Für das Café- und Patisserie-Erlebnis im Obergeschoss pilgern selbst Pariser Foodies wieder auf die «Champs». Zwischen Messinglüstern, Samtsesseln und Zellige-Fliesen wird statt schnellem Koffeinkonsum die Kunst der Entschleunigung kultiviert: Serviert wird der traditionell gefilterte Kaffee in goldenen Kannen, begleitet von frischer Vanille, Rahm, Salzkaramell und Patisserien – die mit Crème brûlée oder Himbeeren und kandierten Zitronen gefüllten Croissants, in der salzigen Variante mit Ziegenfrischkäse und Thymian oder Champignons und Trüffeln, sind sensationell!
Eine Hausnummer weiter verbindet das ultraschicke «Aqua Kyoto», Rooftop-Restaurant und Cocktail-Bar in einem, japanische Küche mit einem ebenfalls spektakulären Ausblick auf Eiffelturm, Triumphbogen und die Avenue. Weiter geht es mit Turnschuhen. Die japanische Kultmarke Onitsuka Tiger zeigt mit einer neuen, knallgelben Boutique auf der Avenue Flagge. Und die Sportmarke On eröffnete bereits zu den Olympischen Spielen 2024 ihren Store auf den Champs-Élysées. Seitdem sieht man immer mehr Jogger in den Tuilerien oder im Bois de Vincennes auf den Schweizer Hightech-Sohlen laufen.
Neue Massstäbe in der Luxushotellerie
Kurz vor der Pandemie waren es die Galeries Lafayette, die mit der Revitalisierung der Avenue begonnen haben, an der man nun auch Kultur und Sterne-Gastronomie findet. Der von Stararchitekt Bjarke Ingels umgestaltete Art-déco-Bau verabschiedet sich von der klassischen Warenhauslogik des Stammhauses zugunsten offener, wandelbarer Räume. Mode, Beauty, Gastronomie und wechselnde Pop-ups verschmelzen nun zu einem Konzept, das eher an ein urbanes Zukunftslabor denn ein traditionelles Kaufhaus denken lässt.
Le Défilé Renault hat dort, wo die Marke 1910 den ersten Automobilsalon der Welt eröffnete, eine futuristische Rampe durch die Etagen installiert. Auf dem «Carwalk» werden die neuesten Modelle, aber auch wechselnde Kunstprojekte und Ausstellungen zur Mobilitätsgeschichte gezeigt. Das Stammhaus von Dior an der benachbarten Avenue Montaigne wiederum wurde 2022 als immersive Markenwelt neu eröffnet. Das hauseigene Modemuseum, die Galerie Dior, ist allein schon wegen seiner innovativen Szenografie und Animationstechnik sehenswert. Und im September 2025 übernahm Yannick Alléno die Küche im Restaurant «Monsieur Dior», das im März bereits den ersten Michelin-Stern empfangen durfte.
Am oberen Ende der Champs-Élysées thront eine überdimensionierte, silberne Reisetruhe mit dem berühmten Monogramm. Hinter der Verkleidung laufen die Bauarbeiten am weltersten «Hôtel Louis Vuitton» auf Hochtouren, die Eröffnung ist zur Fashion Week im Oktober angesetzt. Die Marke will neue Massstäbe in der Luxushotellerie setzen, entsprechend gross ist daher die Geheimniskrämerei. Es bleibt somit spannend an den «Champs».
Dieser Text erschien im WW Magazin vom 24. Juni 2026.