Rechtextrem, Rechtspopulist, Ultrarechts, Nazisohn, Pinochet-Verehrer – hält man sich an die die Adjektive und Attribute in den etablierten deutschen Medien, könnte man fast meinen, in Chile wäre mit der Wahl von José Antonio Kast soeben die Demokratie auf die Schlachtbank geführt worden.
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Welch ein Kontrast zur chilenischen Realität. Der sozialistische Präsident Gabriel Boric gratulierte seinem Nachfolger Kast telefonisch und öffentlich zu seinem klaren Sieg (über 58 Prozent der Stimmen) und wünschte ihm allen Erfolg, während sich die unterlegene Kommunistin Jeannette Jara umgehend in Kasts Wahlkampf-Zentrum begab, um ihrem Gegner persönlich die Hand zu reichen.
Man stelle sich vor, in Deutschland hätten Kanzler Scholz oder Merz einem Kandidaten der AfD zu seinem Wahlerfolg gratuliert. Nein, das ist unvorstellbar. Und ja, vielleicht sollten sich die Deutschen eher um ihre eigene Demokratie Sorgen machen. Jene von Chile funktioniert bestens.
Der Wahlkampf war hart, aber fair, ohne Nazi- und Pinochet-Keule. Dabei stand dasselbe emotional beladene Thema im Zentrum der Debatte, das auch die Deutschen bewegt: illegale Immigration, Deportation und Verbrechen. 10 Prozent der Bevölkerung Chiles (20 Millionen) sind Immigranten, 340.000 von ihnen leben illegal im Land, die meisten von ihnen stammen aus Venezuela; und diese Migranten haben eine völlig neue Dimension des organisierten Verbrechens ins Land gebracht.
Es stimmt zwar, dass Kasts Vater ein Wehrmachtsoffizier war, der seine Heimat nach dem Krieg fluchtartig verliess, und dass Kast vor vierzig Jahren als Student (wie damals die Hälfte seiner Landsleute) das Pinochet-Regime unterstützte. Doch wenn man schon in der Vergangenheit wühlt, hätte man auch die kommunistische Familie erwähnen sollen von Jeanette Jara, die selber mit vierzehn Jahren in die KP eintrat, des Öftern in Havanna weilte und die kommunistischen Diktaturen in Kuba und Venezuela bis kurz vor den Wahlen durch alle Böden verteidigte (bis heute konnte sie sich zu keiner klaren Verurteilung dieser Regime durchringen). Friedensnobelpreis-Trägerin María Corina Machado ist aus ihrer Sicht eine «Putschistin», was in Deutschland keinem Journalisten aufzustossen scheint.
Der scharfe Rechtsrutsch in Chile liegt in einem Trend, der seit Mileis Wahl vor zwei Jahren in ganz Südamerika zu beobachten ist. Der militärische Aufmarsch der USA in der Karibik scheint dem nichts anzuhaben, im Gegenteil. Wie Javier Milei in Argentinien, Santiago Peña in Paraguay, Rodrigo Paz in Bolivien und Daniel Noboa in Ecuador spricht sich auch Kast für die von Donald Trump postulierte panamerikanische Allianz im Kampf für Freiheit, Demokratie und law and order aus. Was daran ultrarechts, rechtspopulistisch oder rechtsextrem sein soll, bleibt schleierhaft.