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Die Biodiversitäts-Krise ist längst nicht überwunden

Erfolge im Naturschutz sind kein Argument gegen den Naturschutz.
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Nein. Ich bin nicht der Meinung, dass die Biodiversitätskrise vorbei ist. Und nein, die Wissenschaft schwenkt auch nicht geschlossen auf Entwarnung um.

Das Streitgespräch zwischen Marcel Züger, Biologe und Autor, und mir war hart in der Sache und fair im Ton. Es ging um den Zustand der Biodiversität in der Schweiz und was sie gefährdet. Diese Unterhaltung hat Herr Züger zum Anlass genommen, in einem Artikel in dieser Zeitung eine Zeitenwende auszurufen: Die Wissenschaft schwenke auf seine Linie ein, die Biodiversitätskrise sei im Grunde vorbei. Und mir dabei eine Position zugeschrieben, die ich nicht vertrete («Biodiversität nimmt zu», Weltwoche Nr. 37/26).

© KEYSTONE / PETER SCHNEIDER
Schmetterling an Wiesensalbei auf einer Magerwiese bei Uetendorf (Symbolbild)
© KEYSTONE / PETER SCHNEIDER

Ja, es geht seit den 1990er Jahren wieder aufwärts – in einzelnen Regionen, bei einzelnen Artengruppen. Das bestätigt auch die Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT). Für überwunden halte ich die Biodiversitätskrise damit aber keineswegs. Und auch «die Wissenschaft» tut weder das, noch schwenkt sie auf eine Linie ein.

Daher eine Klarstellung – und die Erklärung, weshalb die entscheidende Frage der nächsten Jahrzehnte eine ganz andere ist als die, ob es nun aufwärts- oder abwärtsgeht.

Ein Drittel ist gefährdet

Wenn jemand sagt, es gehe aufwärts, sollte die erste Frage sein: von welchem Niveau aus? Doch diese Frage wird in der Debatte fast nie gestellt. Dabei ist sie die wichtigste.

Mit den Flurbereinigungen des 19. und 20. Jahrhunderts, gedacht zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktivität und in ihrer Zeit begründet, haben wir in der Schweiz rund 95 Prozent aller Trocken- und Magerwiesen und rund 90 Prozent aller Feuchtgebiete zum Verschwinden gebracht. Bäche und Flüsse wurden begradigt und eingedolt, Hecken ausgeräumt, magere Wiesen aufgedüngt.

Das war kein Betriebsunfall, das war ein nationales Programm, und es hat funktioniert: Die Erträge stiegen. Bezahlt haben wir dafür mit einem massiven Rückgang an Lebensraum für Tausende von Arten, vor allem im Schweizer Mittelland. Ein Hauptgrund, warum viele heute auf den Roten Listen stehen.

Ende der 1980er Jahre war der Tiefpunkt erreicht. Genau das meine ich mit der Biodiversitätskrise. Nicht ein diffuses Krisengefühl, sondern einen messbaren, historisch beispiellosen Verlust an Lebensräumen und Populationen. Wer die regionale Erholung einzelner Arten oder Artengruppen seit den 1990er Jahren als Entwarnung und «Anstieg» liest, hat diesen Nullpunkt aus dem Bild geschnitten.

Seit den 1980er Jahren wurde viel unternommen: Der Biodiversitätsschutz erhielt rechtlich und politisch mehr Gewicht, es entstanden Schutzgebiete, Vernetzungsprojekte, Revitalisierungen, biodiversitätsfördernde Flächen in der Landwirtschaft.

Und heute sehen wir: Diese Anstrengungen tragen erste Früchte.

Das darf gefeiert werden. Es ist der Beleg dafür, dass das eingesetzte Geld und die neuen Regelungen wirken. Aber: Was bisher an Erholung da ist, reicht bei weitem nicht. Es ist viel zu früh, sich zurückzulehnen. Denn die Roten Listen der Arten und Lebensräume sind nicht kürzer geworden.

Ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten und rund die Hälfte aller Lebensraumtypen in der Schweiz sind in den Roten Listen nach wie vor als gefährdet aufgeführt.

Um ein hartnäckiges Missverständnis aufzuklären: Die weitaus meisten Arten stehen nicht auf der Roten Liste, weil sie selten sind, sondern weil ihre Bestände zurückgegangen sind – und zwar wissenschaftlich nachgewiesen. Von den rund 750 Pflanzenarten der Roten Liste sind 87 Prozent aus diesem Grund gelistet.

Und die Einstufung sagt etwas aus über das Tempo: Je höher die Kategorie, desto schneller schrumpft der Bestand. «Verletzlich» bedeutet nach den Kriterien der Weltnaturschutzunion einen Rückgang um mindestens 30 Prozent innert zehn Jahren oder drei Generationen, «vom Aussterben bedroht» um mindestens 80 Prozent. Das sind keine Momentaufnahmen seltener Arten, das sind Abwärtsspiralen.

Und diese Einstufungen halten der Überprüfung stand. Eine schweizweite Wiederbegehung historischer Fundorte von 713 laut der Roten Liste gefährdeten Pflanzenarten hat Tausende lokaler Aussterbeereignisse dokumentiert und gezeigt: Je höher der Gefährdungsstatus einer Art, desto stärker ist ihr tatsächlicher Rückgang. Die Roten Listen sind nicht aufgebläht, sondern beschreiben, was in der Natur passiert. Was es braucht, um diesen Rückgang zu stoppen, wissen wir schon lange: mehr geschützte Flächen und diese besser vernetzen. Wir müssen es nur konsequenter umsetzen.

Extremereignisse durch Erwärmung

Die Schweiz hat sich seit vorindustrieller Zeit um rund 3 Grad Celsius erwärmt. Für die Natur bedeutet das eine Verschiebung der Höhenstufen um grob 600 Meter. Was heute auf 1100 Metern wächst, erlebt dort das Klima, das in vorindustrieller Zeit auf 500 Metern herrschte.

Die Natur reagiert bereits. Wärmeliebende Heuschreckenarten, die früher auf die Alpensüdseite oder das Wallis beschränkt waren, besiedeln heute das Mittelland – interessanterweise eines der Beispiele, die als gute Nachrichten zitiert werden. Doch das ist keine Erholung. Das ist eine Wanderung. Arten ziehen nach Norden und nach oben, weil ihnen ihr ursprünglicher Lebensraum zu warm geworden ist. Sie verdrängen dabei andere Arten. Wer diese Ausbreitung als Beleg für Entwarnung nimmt, verwechselt zwei grundlegend unterschiedliche Prozesse.

Der Sommer 2026 hat einen entscheidenden Punkt vorgeführt: Eine Mitteltemperatur, die langsam um 3 Grad steigt, kann die Natur abfedern – durch Anpassung, vor allem aber durch Wanderung in kühlere, feuchtere Regionen. Die Extremereignisse, die mit dieser Erwärmung kommen, aber zunehmend nicht mehr.

Eine Dürre wie 2026 löscht Populationen lokal aus, und zwar innerhalb weniger Wochen. Ob sich der Bestand danach wieder aufbaut, hängt an zwei Fragen: Gibt es in erreichbarer Nähe eine Restpopulation, aus der die Wiederbesiedlung erfolgen kann? Und sind die Populationen gut genug vernetzt, um genetisch divers und damit widerstandsfähig zu bleiben? Für weitverbreitete Arten ist das kein grosses Problem. Für wenig mobile oder seltene entscheidet es über Verbleib oder Verschwinden.

Belastungsprobe beginnt

Ich bin deshalb nicht Pessimist. Die Natur findet einen Weg – wenn wir ihr die Infrastruktur dafür zur Verfügung stellen. Und Infrastruktur ist hier wörtlich gemeint: ein Netz aus Flächen, die gross genug sind, um Extremjahre zu überstehen, und nahe genug beieinander, damit Arten von einer zur nächsten gelangen.

Ein zersplitterter Flickenteppich leistet das nicht, auch wenn die Flächensumme stimmt. Deshalb braucht es mehr und vor allem besser vernetzte Flächen: Angestrebt sind rund 17 Prozent gesetzlich geschützte Gebiete, ergänzt durch rund 13 Prozent mit biodiversitätsfördernden Massnahmen – zusammen die 30 Prozent, die der Strategie Biodiversität Schweiz und den internationalen Verpflichtungen der Schweiz zugrunde liegen.

Das heutige Netz an Schutzflächen ist zu klein und zu wenig gut vernetzt für den genetischen Austausch, der Populationen widerstandsfähig macht, und für die Wanderbewegungen, die der Klimawandel nötig macht.

Erfolge im Naturschutz sind kein Argument gegen den Naturschutz. Sie sind der Beleg, dass er funktioniert – und der beste Grund, jetzt dranzubleiben, wo die eigentliche Belastungsprobe erst beginnt.

Niklaus Zimmermann forscht an der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL und ist Titularprofessor für Makroökologie an der ETH Zürich.

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