Es war ein Zusammentreffen zweier Streithammel. Der eine hatte den Forschern Dilettantismus unterstellt und wollte jedem Naturschützer kündigen, der zu viel im Büro sitzt. Der andere war ein prominenter Biologieprofessor, der Ersterem mangelnde Wissenschaftlichkeit vorhielt.
Der Professor war Dr. Niklaus Zimmermann von der Forschungsanstalt Wald, Schnee und Landschaft (WSL), einer der weltweit meistzitierten Biodiversitätsforscher. Ersterer war ich selber. Obige Vorwürfe waren im Abstimmungskampf über die Biodiversitätsinitiative im Sommer 2024 gefallen.
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Zwei Jahre später hatte die NZZ zum Doppelinterview geladen. Die Anspannung war gross. Dieser Züger, Biologe, Baumfäller, Bergwiesenmäher, mit der hemdsärmeligen Rhetorik, würde er ausfällig, gar handgreiflich werden? Es wurde ein Austausch auf Augenhöhe, ein fachliches Armdrücken. Respektvoll und gesittet. Im Anschluss gab’s ein gemeinsames Bier.
Der Satz des Abends fiel fast beiläufig. «Seit den neunziger Jahren geht’s aufwärts, ganz klar», bemerkte Professor Zimmermann. Gemeint war die Biodiversität. Für exakt diese Aussage wurde ich vor zwei Jahren schier gesteinigt.
Gute Nachrichten von den Libellen
Zimmermanns Aussage ist umso spektakulärer, als die Akademie der Naturwissenschaften kurz zuvor das pure Gegenteil kundtat. Der rasende Niedergang sei zwar verlangsamt, aber der Abwärtstrend ungebrochen. Die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Ständerats klopfte Bundesrat Rösti auf die Finger. Die Situation sei «nach wie vor kritisch», der Bundesrat vernachlässige den Schutz der Biodiversität. Die GPK beklagte, dass ein Drittel der Arten als gefährdet gilt. Auch darüber hatte ich mit Professor Zimmermann diskutiert. Wir waren uns einig, dass die Methodik der Roten Liste eine fortwährende Bestandesabnahme zu wenig gewichtet. Aber auch, dass Arten, die natürlicherweise selten sind, pauschal als gefährdet eingestuft sind. Rote Listen sind ein Werkzeug für Fachleute, aber missverständlich für Laien.
«Man muss sich bewusst sein, dass die Mehrzahl aller Tier- und Pflanzenarten grundsätzlich nur selten vorkommen», hatte vor zwei Jahren Professor Bernhard Schmid von der Uni Zürich festgehalten. Mit dieser Zahl hausieren aber ständig die Umweltorganisationen, sogar das Bundesamt für Umwelt und viele Forscher machen damit Stimmung. Professor Schmid ist ein Urgestein im Schweizer Naturschutz. Die Aussage brachte ihm harsche Kollegenschelte ein. Nicht nur ihm, auch dem Biologen Martin Weggler. Der Ornithologe und Vogelschützer hatte die Entwicklung der Vogelwelt untersucht. «Zwei Drittel aller 174 regelmässigen Brutvogelarten in der Schweiz wiesen zwischen 1993–1996 und 2013–2016 einen positiven Bestandstrend auf.» Wandel ja, Krise nein. Das war Anfang 2023. Im Januar 2025 lautete ein Referat an der Vogelwarte Sempach «Standortvorteil Schweiz? Ursachen für positive Bestandsentwicklungen bei Schweizer Brutvögeln.» Die meisten Zuhörer waren bass erstaunt, die positiven Nachrichten zu hören.
Ähnliche Analysen mehren sich. «Immer mehr fliegende Edelsteine. Gute Nachrichten kommen von den Libellen: Das Risiko, dass Libellenarten aussterben, ist in den letzten 20 Jahren kleiner geworden.» «Für Totholzkäfer zeigen die Resultate, dass die Artenzahl im Schnitt bis 1960 zurückging, sich dann stabilisierte und danach wieder auf das Niveau von 1930 anstieg, insbesondere seit den 2000er-Jahren.» «Zahlreiche Heuschreckenarten gehören zu den klaren Gewinnern der klimatischen Veränderungen der letzten zwei Jahrzehnte. Arten, die früher auf die wärmsten Lagen der Alpensüdseite oder des Wallis beschränkt waren, breiten sich rasant im Schweizer Mittelland aus und besiedeln erfolgreich neue Räume.» Die Schmetterlinge haben sich auf das Niveau von 1980 erholt.
Nicht für die Öffentlichkeit
Immer mehr Wissenschaftler erkennen, dass die Trendwende vor gut zwanzig Jahren eingesetzt hat. Öffentlichkeit und Politik sollen das offenbar nicht erfahren. Das NZZ-Interview ist in der Versenkung verschwunden. Die Diskussion sei «für ein breiteres Publikum nur schwer vermittelbar», diktiert der Redaktor.
Die Einsicht Zimmermanns und seiner Kollegen ist elementar. Vor vierzig Jahren war die Schweizer Natur massiv unter Druck. Intensive Landnutzungen verdrängten Arten und Lebensräume. Es brauchte strenge Gesetze, um die Bedrohungen abzuwehren. Das hat gewirkt. Häufige Arten nehmen zu. Seltene Arten stagnieren zwar, aber die Naturschutzflächen sind da. Jedoch fehlt ihnen die richtige Qualität. Es bräuchte grössere Handlungsfreiheit, um sie zu verbessern. Erfolg wird bestraft. Kaum ist eine seltene Art aufgetaucht, saust der Hammer aus Schutzverfügungen und Vorschriften nieder.
Ein hartes Korsett schützt vor Schaden. Es schränkt ein, wenn’s aufwärtsgeht. Die Mär der Biodiversitätskrise verhindert den Erfolg.

