Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko warnt vor einem schweren Winter, beklagt fehlende Luftabwehr und stellt sich zugleich der Frage, weshalb einfache Ukrainer kämpfen, während die Kinder politischer Entscheidungsträger nicht an der Front stehen. Im Interview mit 20 Minuten sagt Klitschko über die Lage in der Hauptstadt: «Wir verbringen mehr Zeit im Luftalarm als ohne.»
Screenshot 20 Minuten.
Die vergangenen Wochen seien von schweren Angriffen mit Marschflugkörpern, Drohnen und ballistischen Raketen geprägt gewesen. Bei einem Angriff seien zwölf Menschen verletzt und zwei Zivilisten getötet worden. Kiew verfüge über mehr als 4000 Schutzräume und Bunker. Entscheidend sei jedoch die Luftabwehr: «Wir brauchen antiballistische Raketen und Patriot-Systeme. Luftabwehr schützt Menschenleben.»
Besonders angespannt ist die Lage vor dem Winter. Das zentrale Heizungssystem Kiews sei in den vergangenen Monaten gezielt angegriffen worden. Deshalb müsse die Stadt innert sechs Monaten zusätzlich ein dezentrales Notsystem aufbauen. Mobile Heizungen, Generatoren und lokale Heizstationen sollten im Ernstfall fast die ganze Stadt versorgen. Klitschko sagt über die russischen Angriffe auf die Energieversorgung: «Ich nenne das Genozid, Volksmord. Ein anderes Wort habe ich dafür nicht.»
Trotz des Krieges funktionierten rund 500 Schulen, 500 Kindergärten, fast 100 Spitäler sowie der öffentliche Verkehr weiter. Gerade die Spitäler belasteten ihn persönlich. Dort sehe er junge Soldaten ohne Arme, Beine oder Augen. «Manchmal brauche ich nach einem Besuch in unseren Spitälern selbst psychologische Betreuung.»
Besonders heikel wird das Gespräch bei der Frage, weshalb gewöhnliche Männer kämpfen müssten, während Kinder von Politikern im Ausland lebten. Klitschko erklärt, seine eigenen Kinder hätten nie in der Ukraine gelebt; sie seien in Amerika geboren worden und hätten in Europa oder Amerika studiert. Zugleich zitiert er den Satz: «Wollen Sie den Krieg stoppen? Dann schicken Sie die Kinder der Entscheidungsträger an die Front.»
Eine sehr direkte Frage an Kiews Bürgermeister Vitali
— Patrick Prömer 🇦🇹 (@Patrick_Proemer) September 24, 2026
Klitschko im Interview mit dem Schweizer Nachrichtenportal „20 Minuten": Warum kämpfen die einfachen Menschen, während die Kinder reicher Politiker nicht an der Front stehen?
Eine Frage, die sitzt. pic.twitter.com/oEEIzJV0HW
Auf den Einwand, dass genau diese Kinder nicht dort seien, verweist Klitschko darauf, dass er selbst regelmässig an die Front fahre. Auf erneutes Nachhaken sagt er, es gebe Geschäftsleute, deren Kinder kämpften, und ebenso Gegenbeispiele: «Man kann das nicht verallgemeinern.» Die Frage betreffe die gesamte Gesellschaft. Den Krieg könne letztlich nur derjenige stoppen, der ihn begonnen habe, sagt Klitschko: «Diesen Scheisskrieg kann nur ein Mensch stoppen: Derselbe, der ihn begonnen hat.»