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«Gruezi, ich begrüsse Sie ganz herzlich zu einer weiteren Ausgabe von Weltwoche Delhi, speziell Meilensteine der Schweizer Geschichte. Mein Name ist Roman Seller und neben mir bereit steht schon Professor Christoph Mörgeli. Wir sind im Kanton Bern in Langnau im Emmental. Lieber Christoph, was machen wir heute hier und was ist das Thema der heutigen Sendung?» Grüezi miteinander. Wir stehen vor dem Gasthaus Bären im Langnau, im Emmental. Und dieses Gasthaus hat im Alter von erst 20 Jahren, vor langer, langer Zeit allerdings, im 18. Jahrhundert, ein gewisser Michael Schüppach übernommen, um hier eine Scherstube neben der Gastwirtschaft einzurichten. Denn Michael Schüppach war ein Handwerks... Mediziner seiner Zeit, der aber bald sehr, sehr grosse Berühmtheit erlangen sollte. Wer war Michael Schüppach überhaupt? Ist er von Langnau? Wo ist er aufgewachsen? Michael Schüppach ist 1701 geboren, auf einem Bauernhof in Biglen, als Ältestes von sieben Kindern und hat dann den Beruf eines Schärers erlernt. Was ist das? Das ist das damalige medizinische Handwerk, das übrigens auch das Barbieren, wie der Name Scherer sagt, beinhaltet. Auch die Haarpflege und dann natürlich blutige Eingriffe, Schröpfen und aber durchaus auch innerliche Medikation, wie es eben Michael Schüppach betrieb, nicht immer zur Freude der gelehrten Ärzte. Aber damals konnten die gelehrten Ärzte oder die sogenannte Schulmedizin in vielen Fällen auch nicht sehr viel mehr ausrichten als diese nicht wahnsinnig ausgebildeten Handwerkschirurgen. Warum konnte er das? Wie hat er das gelernt? Er hat das gelernt bei einem Lehrmeister, wie das so üblich war. Das war dann auch das Problem. Wenn man einen guten Lehrmeister hatte, wurde man möglicherweise auch zu einem guten Scherer. Wenn das nicht der Fall war, war es eben kein guter Scherer. Aber ich meine, Michael Schüppach hat eine solide Ausbildung erhalten in seiner Lehrzeit, hat dann diese als 16-Jähriger bereits angetreten und als 20-Jähriger diesen Bären übernehmen können von einem gewissen Hans Furer. Das war... Ein sicher ziemlich bemerkenswerter finanzieller Hosenlupf, aber dieser Michael Schüppach sollte bald schon weitreichende Kundschaft geniessen. Vielleicht doch kurz zu diesem Gasthof Bern. Wie kam er darauf? Wie kam er hierher? Hier war traditionell eben eine Scherstube eingerichtet, wie das nicht selten ist. Zur Gastwirtschaft kommt eben auch noch die niedere... Chirurgie oder auch die höhere Chirurgie, jedenfalls hat er hier praktiziert. Und er tat das so erfolgreich, dass die Kundschaft nicht ausgeblieben ist. Aber man hat dann doch schon auch in Bern von der Chirurgengesellschaft langsam kritisch hingeschaut, hat sich sagen lassen, dass er Eingriffe wagt und macht, die nicht unbedingt gestattet sind. Und im Alter von bereits 46 Jahren, nämlich im Jahr 1747, hat er dann noch eine, sagen wir mal, Examensprüfung abgelegt. Vielleicht war es auch schon ein Jahr früher bei dieser medizinisch-chirurgischen Sozietät und war dann also diplomierter Chirurg, durfte als solcher auch Lehrknaben offiziell ausbilden. Warum ist er? Bemerkenswert auch für die Geschichtsschreibung der Schweiz. Was macht ihn zu einem Meilenstein der Schweizer Geschichte? Dieser Michael Schüppach wurde bald über die Landesgrenzen hinaus bekannt als sogenannter Wunderdoktor, als Bergdoktor hat man ihn bezeichnet. Hier einfach der Schärer Micheli. Aber er wurde in der Tat berühmt. Er ist viel beschrieben worden in Reisebeschreibungen. Und es haben ihn dann auch aus ganz Europa Persönlichkeiten, die sich nicht wohlfühlten, die krank waren oder die auch einfach neugierig waren, besucht. Und Langnau wurde so zu einem, man könnte fast sagen, ein bisschen... Der Mittelpunkt dieser damaligen Schweiz. Jedenfalls fuhren hier zu den besten Zeiten im Sommer 10 bis 20 Kutschen vor. Und er soll 80 bis 90 Patienten am Tag empfangen und beraten haben. Was hat er besonders gut gemacht? Man rühmte vor allem seine sogenannte Harnschau, die Uroskopie. Er hat sich im Glas den Harn der Patienten. zeigen lassen, hat diesen studiert und hat dann aufgrund der Struktur dieses Harns, ich glaube auch vom Geschmack, von der Farbe her, von der Konsistenz, auf die Art der Krankheit geschlossen. Wir wissen aber, dass er sich durchaus nicht auf diese Harnschau beschränkte, sondern er hat mit viel psychologischem Geschick die Patienten derweil auch befragt. Böse Zungen sagten auch, er hätte sich vorher erkundigt. Um dann eine exakte Diagnose zu stellen, das wissen wir aber nicht so genau. Jedenfalls hat er mit den Patientinnen und Patienten gesprochen und hat dann sicher manche auch seelische Not erkannt und ganz zu schweigen von den körperlichen Leiden, die offenbar in vielen Fällen richtige Diagnose gestellt. Aus medizinhistorischer Sicht war er eher ein Aufreisser, fast schon Schwindler. Ein Psychologe, der die Patienten speziell lesen konnte? Oder war da wirklich medizinisch etwas dahinter, etwas Geniales, Faszinierendes, Bemerkenswertes? Ich meine, er muss schon besondere Fähigkeiten gehabt haben. Natürlich haben die gelehrten Ärzte, allen voran der berühmte Albrecht von Haller in Bern, zeitweise Professor. in Göttingen und damals eine europaweite Kapazität in medizinischen Fragen. Natürlich hat dieser Albrecht von Haller Michael Schüppach als Marktschreier und Scharlatan bezeichnet. Andere waren wiederum doch interessiert an ihm. Etwa ein Johann Georg Zimmermann, ebenfalls ein berühmter Modearzt der damaligen Zeit, der aus Bruck stammte. hat sich wirklich interessiert und hat wissen wollen, was der genau kann und macht, weil er eben so viele Patienten angezogen hat. Was haben die Leute, die Menschen über ihn gedacht, hier in der Region? Was hat er da ausgelöst? Die Region war ihm dankbar, denn er hat Menschen in dieses Emmental gebracht. Langnau wurde belebt und bald schon konnte auch Michael Schüppach neue Örtlichkeiten. Er hat sich ein Haus gebaut an der Bergstrasse und später dann weiter oben am Berg hier in Langnau sogar drei Gebäude, nämlich ein Wohnhaus, ein Gästehaus und ein Laboratorium. Das war dann in den 1750er Jahren und da hat er eben auch die Menschen untergebracht. Sie kamen hierher und machten eigentlich dieses Langnau zu einem. Man darf sagen, das ist heute nicht mehr so bekannt, dass Langnau im Emmental zu Zeiten von Micheli Schüppach die drittgrösste Metropole des damaligen Bern war, nämlich direkt hinter Bern und hinter Lausanne. Auch wohlhabend? Auch wohlhabend, das kann man sicher sagen. In Langnau hat sich ein gewisser Wohlstand. eingefunden und zwar nicht einfach aufgrund von Michael Schüppach, sondern die Rolle spielte natürlich führend in diesem Langnau der Leinenhandel. Also mit dem Leinenhandel ist man hier reich geworden. Natürlich kommt auch der Käse dazu. Das ist dann aber vor allem im 19. Jahrhundert, so etwa ab 1830, wird der Käsehandel frei bis 1880. ist die ganz große Zeit des Käses, natürlich des Emmentaler Käses, in den USA schlicht Swiss Cheese genannt. Also wir sehen auch heute noch Gebäulichkeiten dieser sogenannten Käsebarone, dieser Käsehändler. Und es entstand ja dann auch im 19. Jahrhundert ein eigentliches Käsereifieber. Überall wurden Käsereien gegründet, um eben die Milch in dieser doch Gewinn. ...versprechenden Art zu erzielen und so eben auch wirklich gute Preise zu bekommen. Wie verlief die weitere Geschichte des Emmental, auch von Langnau? Folgte nach dem Glanz der tiefe Fall oder hat das doch ein bisschen die... Frühe Gegenwart oder in die Neuzeit gereicht? Doch, Langnau ist dann längere Zeit, noch für Jahrzehnte, wichtig geworden. Ist auch heute ein Zentrum hier im Emmental, das lebt, wie wir das selber heute erleben. Also Langnau ist wirklich wichtig. Und damals eben hat es sicher auch Impulse gegeben durch diese Reisenden, die Micheli Schüppach besuchen wollten. einsetzenden Tourismus. Es kamen nämlich zu diesem Wunderdoktor, zu diesem Bergdoktor, zu diesem Médecin des Alpes, wie man auch sagte, Personen aus Frankreich, aus England, aus St. Petersburg in Russland natürlich, aus Deutschland, sogar mal aus Ägypten. Und was die Personen betrifft, so war beispielsweise der berühmte Peters Pfarrer und Physiognome. Johann Caspar Laffater hier zu Besuch 1777 und noch berühmter dann 1779 der Besuch von Johann Wolfgang Goethe zusammen mit seinem Herzog von Weimar Eisenach, nämlich mit Karl August. Die haben ihn besucht. Sie haben allerdings den Michael Schüppach in etwas schlechter Laune angetroffen. Es war ihm körperlich nicht ganz wohl und seine Frau hat ihm gefehlt. Die war irgendwie abwesend. Das war eine Frau Flückiger, die erste ist ihm gestorben. Er hat eine Tochter hinterlassen, ein Söhnchen ist auch früh verstorben. Und diese Marie Flückiger war eigentlich seine Praxishilfe und vor allem sehr... wichtig, weil sie Französisch konnte und dann mit französischsprachigen Patienten auch den Austausch pflegte, was eben Micheli Schüppach nicht konnte. Aber Goethe hat doch gesagt, er hat scharfe, helle Augen, er hat gemerkt, dass Micheli Schüppach doch Fähigkeiten hat. Er hat sich aber auch gewundert, wie dick dieser Micheli Schüppach war. Er hatte tatsächlich einen ziemlichen Wanst und hat seine Patienten in sitzender Stellung empfangen. Vielleicht hat er nicht ganz so gesund gelebt, wie er es seinen Patienten empfohlen hat. Er war ein überregionaler Star sozusagen. Das kann man sagen. Er war ein Star. Er war eine Kapazität. Man hat ihn besucht, man wollte ihn sehen, man wollte wissen, was hinter diesem Geheimnis steckt. Und manche natürlich, die von Arzt zu Arzt gerannt sind und unheilbar waren, haben als letzte Instanz auch noch hier den Micheli Schüppach auf. gesucht. Er hat natürlich auch eine Apotheke betrieben, wie damals üblich, eine Geheimapotheke mit verschiedensten geheimen Mixturen, denen er allerdings sehr originelle, lustige berndeutsche Namen gab. Man wusste nicht so ganz genau, was dahinter steckt, aber er hat sich auch mit Chemie und mit Pharmazie beschäftigt. Hat er auch irgendwelche Lehrlinge ausgebildet, die sein... Ruf oder sein Lebenswerk fortführen konnten? Er hat Lehrlinge ausgebildet und hat sie natürlich im Sinne der damals herrschenden Humoralpathologie ausgebildet. Also der Mensch besteht grundsätzlich aus vier Säften, helle und dunkle, Galle, Blut und Schleim. Und solange diese Säfte im Gleichgewicht sind, ist der Mensch gesund. Und das zeigt sich dann in der Beschaffenheit des Harns, wie diese Säfte sich zusammensetzen. Und die Therapie ist auch klar, man muss ablassen, man lässt zur Ader, man schröpft. Den Schleim hat man hier im Nacken mit einem Haarseil bekommen, indem man eben eine gut eiternde Wunde unterhielt, um eben die bösen Säfte abzuleiten. Das war so damals der Kenntnisstand und bei der Schulmedizin war dieser Kenntnisstand eben nicht sehr viel höher. Lebensabend, wie hat er den verbracht, Michael Schüppach? Er hat ein stattliches Alter erreicht von beinahe 80 Jahren und hat bis zuletzt praktiziert. Er hat auch ein Journal geführt, wie wir wissen. Also seit den späten 1760er Jahren ist dieses Tagebuch, könnte man vielleicht sagen, bei ihm aktuell. Und wir wissen, wie er wen behandelt hat. Teilweise sind diese auch hier ausgestellt im Regionalmuseum Langnau. Und wir können sehen, wie also Michael Schüppach seine Patienten behandelt hat und wie er eben diese Behandlungen schriftlich festgehalten hat, zu einer Zeit, da sicher viele angeblich modernere Ärzte solche Journale nicht geführt haben. Was müssen wir sonst noch über Micheli Schüppach wissen? Was ist weiter bemerkenswert, faszinierend, interessant? Er war auch dem Neuen durchaus aufgeschlossen. Micheli Schüppach hat beispielsweise eine Elektrisiermaschine angeschafft. Das war damals die ganz grosse Mode zur Behandlung verschiedenster Leiden. Also er war nicht rückständig, sondern hat versucht, doch mit der Zeit zu gehen. und hat offensichtlich einen grossen, einen dankbaren Patientenstamm fast zeitlebens halten können und sich eines vorzüglichen Rufs erfreut, wenn auch natürlich die Neider und Spötter nicht weit waren und er nie ganz unangefochten blieb. Wie ist er heute in Erinnerung oder wo gedenkt man ihm? Du hast etwas gesagt von einem Museum, glaube ich. Wie präsent ist Michael Schüppach heute? Hier in Langnau ist er schon noch wichtig, man kennt ihn. Er ist vor allem dann auch überliefert worden in einem Volksschauspiel, in einem Drama. Ernst Balzli hat Scherer Micheli gewissermassen als Theater dann auf die Bühne gebracht. Das wird heute noch gespielt, in Sommerfestspielen, auch in Freilichttheatern. Also hier in der Region ist Micheli Schüpp. Bekannt auch im Kanton Bern. Übrigens eine Wappenscheibe von ihm ist im Historischen Museum in Bern untergebracht. Also man kennt ihn, aber es gibt natürlich auch anderes von Langnau, das wichtig ist. Beispielsweise eben die Töpferei, dann die Leinenweberei und vor allem der Käse. Und heute ist es vielleicht eher das Eishockey. Leo Christoph, ganz herzlichen Dank für diese faszinierenden... Aussagen und Ausführungen zu Michael Schüppach. Ihnen danken wir ganz herzlich für die Aufmerksamkeit, wünschen Ihnen ein wunderschönes Wochenende und bis zum nächsten Mal bei Weltwoche Daily Spezial und vor allem bis zum nächsten Mal bei den Meilensteinen der Schweizer Geschichte. Vielen herzlichen Dank.

Meilensteine der Schweizer Geschichte: Prof. Christoph Mörgeli über den Wunderdoktor Michael Schüppach, der sogar Johann Wolfgang von Goethe ins Emmental lockte 

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Meilensteine der Schweizer Geschichte: Prof. Christoph Mörgeli über den Wunderdoktor Michael Schüppach, der sogar Johann Wolfgang von Goethe ins Emmental lockte 
Meilensteine der Schweizer Geschichte: Prof. Christoph Mörgeli über den Wunderdoktor Michael Schüppach, der sogar Johann Wolfgang von Goethe ins Emmental lockte 
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Kapitel

  1. Einleitung und Begrüssung
  2. Vorstellung des Gasthauses Bären
  3. Hintergrund von Michael Schüppach
  4. Ausbildung und Karrierebeginn
  5. Schüppachs Praxis im Gasthaus
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