Die amerikanische Country-Legende Dolly Parton ist im Alter von achtzig Jahren gestorben. Über sechs Jahrzehnte prägte sie die Country- und Popmusik mit Welthits wie «Jolene», «9 to 5» und «I Will Always Love You». Zugleich war sie Schauspielerin, Unternehmerin und eine Meisterin der Selbstinszenierung, die ihr unverwechselbares Image mit Geschäftssinn und Selbstironie verband. Zu ihrem Tod veröffentlichen wir einen Artikel aus unserem Archiv. Thomas Wördehoff porträtiert darin Partons Weg aus der Armut in Tennessee zum Weltstar und die Kunstfigur Dolly Parton. Der Artikel erschien erstmals am 1. März 2012.
John Russell/Keystone
Krasser könnte der Unterschied nicht sein. Zum einen die grosse Arie. Mit allem, was das Herz begehrt – dramatische Oktavsprünge, donnerndes Schlagzeug und eine Stimme, die mit unerschütterlicher Zuversicht über allen Fährnissen schwebt. Vermutlich war das das Geheimnis von Whitney Houstons Aufnahme: Sie sang von einem Abschied und gab gleichzeitig ein rückhaltloses Versprechen ab. Deshalb konnte «I Will Always Love You» auch im Abspann von «The Bodyguard» laufen. Die letzten Meter des Films zeigten den trüb-traurigen Blick des zurückgelassenen Kevin Costner, aber der Song schien sicher zu sein: Das wird schon wieder mit den beiden. Ein Happy End – nur von einer Stimme in Aussicht gestellt.
Und dann das Original. Das gleiche Lied war knapp zwanzig Jahre zuvor allenfalls eine rührende Girlie-Fantasie vom Erwachsenwerden. Ein fast kindliches Stimmchen singt ernst von «bittersweet memories», dazu jaulen mitfühlend gesetzte Akkorde einer Pedal-Steel-Gitarre – das Mädchen nimmt tapfer Abschied: «So goodbye, please don’t cry. We both know I’m not what you need.» Ein vernünftiges Mädchen. Der Mann, den sie verlässt, ist wahrscheinlich sowieso ein Tunichtgut. Deckel zu.
Es sei eines der schönsten Lieder, die «Miss Dolly» jemals geschrieben hat, kündigte Porter Wagoner 1974 in seiner «Porter Wagoner Show» den Song an, der später mit Whitney Houston zu einer der erfolgreichsten Balladen aller Zeiten werden sollte. Und da war sie auch schon, die grazile Miss Dolly Parton, kaum 1,60 Meter hoch, eigentlich zierlich, blond – ein ziemlich seltsamer «Mädchentraum vom Hübschsein» (The Guardian). Viele Jahre waren sie und Porter ein singendes Country-Paar mit vielen herzzerreissenden Hits, aber irgendwann dann waren sie der gemeinsamen Sache überdrüssig und starteten Solokarrieren. Dolly schrieb ihm ein harmloses Liebeslied hinterher; keiner war wohl damals auf die versteckte Goldader in dem Song gestossen.
Ihr Leben ist eine Goldader
Kein Problem für Dolly Parton. Denn – da war sie sich schon damals sicher – ihr Leben ist eine einzige Goldader. Und Dolly konnte warten. Als ihr Elvis Presley anbot, «I Will Always Love You» zu singen, wenn sie ihm nur die Hälfte der Autorenrechte überlasse, lehnte sie ohne zu zögern ab.
Unterschätzt haben sie wohl viele. Ein Fehler, wie sich immer wieder herausstellt, aber zunächst ein durchaus nachvollziehbarer. Denn schaut man sich diese Frau an, mag man erst mal nicht glauben, was man da sieht. Eine Turmfrisur, so monströs, dass wohl jeder Blondinenwitz der letzten fünfzig Jahre bequem einen Nistplatz in ihr finden würde, krönt das zerbrechliche Persönchen. Fragil ist allerdings nur die Taille: Ihre gigantische Oberweite, deren Komponenten Dolly auch liebevoll als «Frontscheinwerfer» oder «Shock and Awe» (nach der US-Angriffsstrategie im Irakkrieg) bezeichnet, erreicht da in der Tat die beängstigende Dimension eines bevorstehenden Luftangriffs. Zusammen mit einem bedrohlich grellen Make-up, knallenger Garderobe (mit jeder Menge blitzendem Lamé) und selbstmörderisch steilen Stilettos addiert sich diese Körpercollage aus sexistischen Accessoires zu einer nachgerade frauenfeindlichen Karikatur. Blond – könnte sein. Blöd – mitnichten. Mit feinem walisischem Humor tauften die Wissenschaftler das geklonte Schaf, das sie 1996 zur Welt brachten, nach Miss Dolly Parton.
Immobilien, Perücken und Restaurants
Die mittlerweile 66-Jährige gehört zu den produktivsten, cleversten und sicher auch mysteriösesten Erscheinungen in der amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Dolly Parton hat seit 1967 42 Alben veröffentlicht und insgesamt 3000 Songs geschrieben («Nur drei davon taugen was», und es klingt durchaus kokett, wenn sie das sagt). Sie schreibt an einem Musical über ihr Leben und hat ihren ersten Broadway-Erfolg mit «9 to 5» (nach dem Film «Nine to Five» mit ihr und Jane Fonda) schon hinter sich. Parton tritt regelmässig in Hollywood-Produktionen auf, Filme wie «Steel Magnolias» (mit Shirley MacLaine und Julia Roberts) oder «The Best Little Whorehouse in Texas» (mit Burt Reynolds) konnte sie mit ihrem Stempel versehen.
Auch als Geschäftsfrau kann sich die Entertainerin aus Tennessee sehen lassen. Schon 1986 stieg sie bei einem Immobilienunternehmen ein, das sich anschickte, einen touristischen Themenpark in Tennessee zu übernehmen. Was lag näher, als das als «Silver Park City» eingeführte Vergnügungszentrum in «Dollywood» umzutaufen. Und die Dollywood Company koordiniert seitdem auch die mannigfaltigen Geschäfte der Mrs P. Dazu gehört – man ahnt es – Dollywood Splash County, ein «Water Adventure Park» für Familien mit Kindern und die «Dixie Stampede», eine äusserst profitable Dinner-Theater-Kette mit Ablegern in Tennessee, South Carolina und Missouri. Mit Sandollar Productions stieg sie noch ins Film- und Fernsehgeschäft ein, und nebenbei vertreibt sie über Revlon ihre signature line von Perücken («Dolly’s Own»), besitzt mehrere Immobilien und ein Restaurant in Honolulu. Ein Mädchentraum mit insgesamt immerhin 3000 Angestellten.
Und dann kann sie auch noch schreiben. Ihre äusserst lesenswerten Memoiren «My Life and Other Unfinished Business» sind eine aberwitzige Mischung aus Illustriertenroman, surrealem Bonanza und John Steinbeck auf Speed. «I always loved books», bekennt sie gleich zu Beginn, «I love to write stories.» Das tut sie dann – ob tatsächlich erlebt oder gut erfunden, spielt keine Rolle; ein erstaunliches Leben ist es allemal. Hart erarbeitet, voller Gestaltungswille: «Ich wurde die beste Dolly Parton, die ich werden konnte.» Pures blondes Gold.
Armut prägte das Elternhaus – Haus ist wohl übertrieben, Parton beschreibt es als Kabine, oder besser: als Verschlag. Der Vater ist Pächter eines bescheidenen Grundstücks, die Mutter gebiert ihm zwölf Kinder. Ihre Liebe zum Lesen erklärt sie mit der Wahl der Tapete: Die beiden Kammern sind mit alten Zeitungen tapeziert, in deren Geschichten sich Klein Dolly versenkt, wenn die Mutter kocht oder putzt. Ohnehin war sie meistens schwanger: «Sie hatte eins bei sich und eins in sich.» Das Leben ist karg, einmal erwischt man die dreijährige Dolly Rebecca dabei, wie sie sich in friedlicher Eintracht mit ein paar Ferkeln an den Zitzen einer Sau gütlich tut.
Drei Leidenschaften führt die Parton an, die ihr Leben bestimmen: Gott, Musik und Sex. In dieser Reihenfolge. Es sei jedoch eine Reihenfolge, die sich «ohne Vorwarnung» ändern könne: «In der Tiefe meines Herzens wusste ich immer, dass Gott an erster Stelle steht. Doch in der Tiefe meines Körpers gibt es Triebe, die absolut unwiderstehlich sind.» In einer verlassenen Kirchenruine in der Nähe ihres Weilers findet sie in einer erstaunlichen Szene den Dreiklang ihrer drei Eminenzen Gott, Musik, Sex.
Erstaunlicherweise war ausgerechnet diese alte Kirche «ein Ort für alle Arten von Sünde und Laster» geworden. Liebespaare konnten sich hier zurückziehen; es fanden aber auch Prügeleien statt, einmal sogar eine Messerstecherei. An den Wänden hinter dem ehemaligen Altar fanden sich erotische Kritzeleien, «Zeugnisse jugendlicher Sexualität», die zum Studium und zur Vervollständigung einluden. Und dann gab es ein zerschmettertes Klavier, das Dollys grosse Neugier erregte.
Sie baute sich aus den Sopransaiten und einer alten Mandoline ein neues Instrument und fand zu sich: «Ich sang also eine Zeitlang Kirchenlieder, dann schaute ich mir eine Zeitlang die schmutzigen Bilder an, und dann betete ich eine Zeitlang.» Eines Tages, als sie wieder betete, kam es dann über sie: «Ich brach durch eine Art spirituelle Mauer – und fand Gott. Und Dolly Parton. Und ich liebte sie beide.»
Doch was sich zu einer Art bigottem Kitsch-und-Country-Oratorium aufzwirbeln könnte, nimmt – Gott und Dolly sei Dank – einen durchaus gesunden Verlauf. Zum Allerhöchsten baut sie ein freundschaftliches und «angstfreies» Verhältnis auf, «on a one-to-one basis». Ärger bekommt sie wegen ihrer bodenständigen Gottesnähe später höchstens mal mit ein paar Vertretern des Ku-Klux-Klan, die gelegentlich gegen die jährliche, von ihr zugelassene Schwulenparade im Dollywood aufbegehren.
Ansonsten pflegt sie ein zwar sozial bewusstes, aber auch gesundes Verhältnis zu Gott und Mitmensch. Legendär ist das Engagement ihrer Dollywood Foundation, die durch «Dolly Parton’s Imagination Library» etwa 2,5 Millionen Bücher pro Jahr an Kinder verteilt. Zu ihrem Reichtum hat sie generell ein eher unverkrampftes Verhältnis. Dass sie beispielsweise Geld an ihrem Buch verdiene, findet sie O. K., denn man werde ja schliesslich gut unterhalten. Ausserdem brauche sie das Geld, denn: «It costs a lot to make a person look this cheap.»
Überleben als Maske
Lady Gaga oder Madonna formatieren sich mehr oder weniger auf theatralisch-ironische Weise zu künstlichen Figuren im Popkommerz. Zwar hat Dolly Partons Auftritt immer auch selbstironische Züge, doch die Besessenheit ihrer Stilisierung und ihr Ernst sind zu ihrem grössten Geheimnis geworden. Wie kann sich eine Frau von diesem Format so offensichtlich am Allerweltsprofil einer Prostituierten orientieren? Schon zu Schulzeiten kursierten «Gerüchte meiner Hurereien und machten mich bei den Jungs sehr beliebt – allerdings weniger beliebt bei den Mädchen».
Es sei eine Art von Sucht gewesen. Sehr früh schon habe sie in einer sehr schmerzhaften Prozedur die Desinfektionsmittel Thiomersal oder Mercuchrom aufgetragen – der Schmerz auf den Lippen muss höllisch gewesen sein, aber die Lippen wurden rot. Später dann, als sie ihre ohnehin üppige Brust in einer Woolworth-Umkleidekabine nach oben schob und fand, das sei noch nicht genug, schob sie sich schliesslich Schulterpolster aus Grossmutters Mantel dazu und erfand in ihrer seltsamen Not eine Art prähistorischen push-up bra. Später halfen Dutzende von Schönheits-OPs nach. «Schliesslich will ich nicht aussehen wie ein alter Hund.»
Als ihre Kollegin Tammy Wynette vor einiger Zeit ihre letzten Tage im Krankenhaus verbrachte, besuchte Dolly Parton die Sterbende und machte ihr ein letztes grosses Geschenk: Sie schminkte die befreundete Sängerin für den Tod. Das hat schon mythologisches Format: Wie schön ist es, als Maske zu überleben.
Man nennt es auch Showbusiness.