Die EU geht mit ungewöhnlich niedrigen Gasreserven auf den Winter zu – ausgerechnet während sie ab Januar 2027 kein russisches Flüssiggas mehr importieren will. Wie die Welt berichtet, warnt Timm Kehler, Chef des deutschen Branchenverbands Gas- und Wasserstoffwirtschaft, vor dem Zeitpunkt des Embargos: «Die Sanktionen sind geopolitisch nachvollziehbar, allerdings ist Europa unvorbereitet, und die Sanktionen wirken zu einem ungünstigen Zeitpunkt.»
Hauke-Christian Dittrich/DPA/Keystone
Die Zahlen zeigen das Problem: Zuletzt waren die europäischen Gasspeicher nur zu 58 Prozent gefüllt, in Deutschland sogar bloss zu 47 Prozent. Zu dieser Jahreszeit wären hierzulande im Durchschnitt 68 Prozent üblich. Um bis Anfang November einen europäischen Füllstand von 80 Prozent zu erreichen, müssten sich die LNG-Importe nach Berechnungen des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität Köln mehr als verdoppeln.
Grund für die schleppende Befüllung sind die derzeit hohen Gaspreise infolge des Iran-Kriegs. Händler kaufen deshalb kaum Gas für den Winter ein. Sie fürchten Verluste, falls die Strasse von Hormus wieder vollständig für LNG-Tanker geöffnet wird und die Weltmarktpreise anschliessend fallen.
Gleichzeitig bezieht Europa weiterhin erhebliche Mengen aus Russland. Rund 15 Prozent des europäischen Gasbedarfs kommen laut Kehler derzeit von dort, etwa zur Hälfte als LNG und zur Hälfte über die Turkstream-Pipeline. Gemessen an sämtlichen Gasimporten der EU macht russisches LNG allerdings nur rund 7 Prozent aus.
Experten bewerten das Risiko deshalb unterschiedlich. Ben McWilliams von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel verweist gegenüber der Welt darauf, dass Europas Gasverbrauch strukturell um rund 20 Prozent gesunken sei. Er hält einen Speicherstand von 80 Prozent bis zum Winter weiterhin für erreichbar und das Ende der russischen LNG-Importe grundsätzlich für verkraftbar.