Ein Schweizer Journalist im direkten Gespräch mit Wladimir Putin: Weltwoche-Chefredaktor Roger Köppel nahm an der diesjährigen Waldai-Konferenz in Moskau teil und erhielt dort die Gelegenheit, dem russischen Präsidenten persönlich Fragen zu stellen. Köppel sprach mit Putin unter anderem über die Schweiz, ihre Neutralität und die Rolle kleiner Staaten in einer von Grossmachtkonflikten geprägten Welt. Die Weltwoche veröffentlichte den Austausch anschliessend in voller Länge.
Montage der Weltwoche
Der Auftritt sorgte auch in der Schweizer Medienlandschaft für Aufmerksamkeit. Tamedia-Journalistin Denise Jeitziner befragte Köppel für die «Sonntagszeitung» zu seiner Begegnung mit Putin, seinem Auftritt in Moskau und seinem Verständnis journalistischer Neutralität. Der daraus entstandene Artikel erschien erstmals am 3. Oktober auf den Onlineportalen von Tamedia. Im Folgenden dokumentiert die Weltwoche die vollständigen und ungekürzten Antworten ihres Chefredaktors auf den Fragenkatalog der «Sonntagseitung».
Sonntagszeitung: Wie kam es zu Ihrer Teilnahme im «Valdai Discussion Club», und auf welchem Weg sind Sie nach Moskau gereist?
Roger Köppel: Ich habe mich angemeldet und bin nach Moskau geflogen.
Mussten Sie Ihre Frage oder das Themenfeld im Vorfeld beim Kreml oder bei den Organisatoren einreichen oder absegnen lassen?
Nein.
Sie konnten sich fast 8 Minuten mit Putin unterhalten. Haben Sie damit gerechnet, darauf gehofft? Was bedeutet dieser Auftritt für Sie persönlich? Putin wirkte durchaus angetan von Ihren Ausführungen.
Präsident Putin würdigte in seiner Rede den deutschen Staatsmann und Ostpolitiker Egon Bahr, einen der Giganten der Nachkriegszeit und Architekten der deutsch-russischen Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Bahrs wichtigste und bis heute gültige Botschaft lautet: Frieden in Europa kann es nur mit, nicht gegen Russland geben. Putin hat Bahr nie persönlich kennengelernt. Ich aber kannte Bahr, weil ich ihn für ein Weltwoche-Podium nach Zürich einlud, und war von Bahr sehr beeindruckt. Dass sich Putin dermassen begeistert für Egon Bahr interessiert, sollten die Deutschen als Handreichung deuten und mit den Russen wieder in sachliche Gespräche einsteigen.
Sie haben Putin nach Tipps für die demokratische Schweiz gefragt. Warum? Was genau wollten Sie damit erreichen? Was wollten Sie insgesamt mit Ihrem Auftritt erreichen?
Ich habe Putin nicht nach «Tipps» gefragt. Ich habe ihn gefragt, wie er die Schweiz heute sieht, warum er Nestlé bestraft, obschon Nestlé in Russland geblieben ist trotz massiver Kritik, und ich habe ihn gefragt, was er Kleinstaaten rät, um in der von ihm geschilderten gefährlichen Welt der Grossmachtkonflikte zu überleben. Putin sagte, die Schweiz habe wegen Preisgabe von Bankkundengeheimnis und Neutralität an Attraktivität verloren. Den Kleinstaaten riet er, für ihre Souveränität und Handlungsfreiheit zu kämpfen und sich aus Konflikten der Grossen rauszuhalten. Warum ich das fragte? Ich finde es relevant, was der Präsident Russlands über die Schweiz denkt und was er sagt, wenn ihn ein Schweizer wegen Nestlé öffentlich kritisiert.
Sie haben sich als Chefredaktor der «neutralsten Zeitung der Schweiz» vorgestellt. Allerdings treten Sie vor allem als einer jener Journalisten in Erscheinung, der Verständnis für Putin und damit auch seine völkerrechtswidrige Politik zeigt. Inwiefern bewahren Sie sich in Zusammenhang mit Putin Ihre journalistische Neutralität?
Die Weltwoche ist die neutralste Zeitung der Schweiz, weil sie als weit und breit einzige Zeitung nicht nur die ukrainische, sondern auch die russische Seite unvoreingenommen zu Wort kommen lässt. Alle Schweizer Zeitungen ausser der Weltwoche stehen in diesem unnötigen Krieg recht aggressiv auf der Seite der Ukraine. Die Weltwoche steht weder auf der Seite Russlands noch auf der Seite der Ukraine. Sie steht auf der Seite der Schweiz und ihrer Neutralität. Sie haben recht, dass Russland unter Verletzung des Völkerrechts die Ukraine angegriffen hat – wie etwa die USA/Nato Jugoslawien, Iran oder Venezuela. Das ist zu verurteilen, aber das ist nicht der Beginn und auch nicht die Ursache dieses Krieges. Die Ursache dieses Krieges ist die in die 1990er Jahre zurückreichende Nato-Osterweiterung und schliesslich der Versuch der Amerikaner, die Ukraine als strategische Waffe zur Schwächung des erstarkenden Rivalen Russland einzusetzen. Dagegen wehren sich die Russen, zum Schaden der Ukraine und Europas. Wenn wir diesen Krieg beenden wollen, müssen wir alle Seiten verstehen und die Hintergründe kennen. Hier eine vermittelnde Rolle zu spielen, wäre eine riesige Chance für die Schweiz. Leider hat unser Bundesrat die Schweizer Neutralität teilweise preisgegeben und vor der Propaganda, der Rhetorik und der Kriegspolitik insbesondere der EU kapituliert.
Manche sehen in Ihren Auftritten auch einen Beitrag zur Kreml-Propaganda. Putin konnte im Gespräch mit Ihnen die Haltung der Schweiz zu den EU-Sanktionen kritisieren. Was halten Sie davon, womöglich als Werkzeug missbraucht zu werden?
Dieser Gefahr sollte man sich als Journalist bewusst sein, und gerade im Krieg betreiben alle Seiten Propaganda. Genau darum muss man sich möglichst unvoreingenommen alle Seiten anhören und das Visier offenhalten. Ich war als einziger Schweizer Journalist während dieses Kriegs in der Ukraine und in Russland. Ich spreche mit Offiziellen und Exponenten auf beiden Seiten. Und ich stelle mich mit meinen persönlichen Meinungen als einer der wenigen Medienvertreter in öffentlichen Streitgesprächen der Debatte. Wenn alle Medien in die gleiche Richtung marschieren wie wieder bei diesem Thema, gilt für die Weltwoche der gute alte Satz: audiatur et altera pars.
Wenn Sie ein Interview mit Putin bekämen: Welche kritischen Fragen würden Sie ihm stellen? Bitte nennen Sie ein konkretes Beispiel: Gibt es eine spezifische Handlung Putins, bei der auch für Sie jedes Verständnis und jede Relativierung endet?
Verstehen und verzeihen sind zweierlei. Ich versuche, für alles möglichst viel Verständnis aufzubringen, was nicht heisst, dass ich allem zustimme oder es richtig finde. Über Putins Politik habe ich mich schon oft kritisch geäussert, gerade in Moskau und übrigens auch direkt in öffentlichen Debatten mit russischen Journalisten oder Regierungsvertretern. Putin ist mitverantwortlich für eine extrem gefährliche Weltlage, aus der wir mit einseitigen Schuldzuweisungen aber nicht herauskommen. Ich wünschte mir, dass zum Beispiel der Tages-Anzeiger, in dessen Chefredaktion ich einmal sass, sich kritischer mit der Ukraine-Politik des Bundesrats, der EU und der Nato befasste. Die Schweiz sollte sich hüten, noch näher an die Nato und an die EU heranzurücken.
Haben Sie weitere Pläne/Gespräche in Moskau?
Klar.
Das ganze Gespräch zwischen Roger Köppel und Wladimir Putin finden Sie hier im Videoformat.
Persönliche Eindrücke vom russischen Staatschef schildert der Weltwoche-Chefredaktor zudem in einer neuen Spezialfolge von «Weltwoche Daily».