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«Gruetze mitenand» Ich begrüsse Sie ganz herzlich zu einer weiteren Ausgabe von Weltwoche Daily Spezial Meilensteine der Schweizer Geschichte, heute aus totaler Wildnis. Mein Name ist Roman Zeller und neben mir bereits jetzt schon Professor Christoph Mörgeli. Lieber Christoph, wo sind wir heute und was ist das Thema der heutigen Sendung? «Gruetze mitenand» Wir befinden uns auf dem Ofenpass auf 1250 Meter über Meer. Das ist eine West-Ost-Verbindung aus dem Inntal, aus Zernetz, dann Richtung Münstertal. Andere Ortschaft ist Tschierf, als erste im Münstertal. Das Thema von heute ist aber der Schweizerische Nationalpark, seine Gründung und seine bisherige Geschichte. Was gibt es Grosses über diesen Nationalpark zu erzählen? Seit wann gibt es ihn vielleicht und seit wann ist er der Nationalpark der Schweiz? Der Nationalpark hat eine faszinierende Geschichte. Als man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts realisierte, auch in der Schweiz, dass die Industrialisierung und die intensive landwirtschaftliche Bewirtschaftung doch grosse Wunden schlägt in die überkommene Natur. Wurde man diesbezüglich sensibilisiert? Ein Anstoss bot sicher auch 1872 die Gründung eines ersten Nationalparks, des Yellowstone Parks, in den Vereinigten Staaten. Allerdings hat sich hier der Nationalpark-Gedanke ganz anders entwickelt, indem man nicht viel Betrieb und Publikum am Anfang anziehen wollte und da gewissermassen Events durchführen. und eben auch einigen Tamtam veranstaltete, wie es halt so amerikanisch ist, sondern man wollte die Natur so weit wie möglich sich selber überlassen. Und wie hat man das gemacht? Es kam im Schosse der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft zu den ersten Ideen der Gründung eines solchen Nationalparks. Da war vor allem ein Basler Botaniker namens Paul Sarrazin. Dann auch der Zürcher Geologe Albert Heim. Es gab dann auch heimische, bündnerische Alpinisten, Botaniker usw., die hier die Idee weitergesponnen haben. Man hat Gespräche geführt mit den Gemeinden hier, um entsprechend Land zu pachten. Da hat man sich umgeschaut zuvor in der Schweiz, wo ist das noch möglich und ist dann auf diese Gegend hier im Un... Unterengadin, auch hin zum Münstertal gekommen, weil hier einerseits sehr schwach besiedelt war, weil auch durch die intensive Holznutzung und frühere Erznutzung die Bestände doch einigermassen da niederlagen und man hier einen guten Wiederaufwuchs beobachten konnte. Kurz, es hat sich hier angeboten, entsprechend Land zu pachten. Man hat dann mit den Gemeinden verhandelt und ist handelseinig geworden mit der Zeit. Man hat das Geld nicht so einfach gehabt. Der Bund wollte einfach nicht bezahlen, so einfach viel Geld hier hinlegen. Und so hat dann im Schosse dieser Gesellschaft, der Naturforschungsgesellschaft, eine Sammlung eingesetzt. Man hat Mitgliederbeiträge verwendet, später dann die berühmten Schokitaler. Verkäufe, um diesen Nationalpark zu realisieren. Also es gab eine richtige Aufbruchstimmung und die hat dann gemündet am 1. August 1914, also unmittelbar beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs in einem Bundesgesetz über den Nationalpark. Gab es auch eine Eröffnungsfeier zum 1. August zum ja zum Für diesen neuen Nationalpark? Wenn ich recht informiert bin, war das durch die politischen Ereignisse damals nicht möglich, aber doch immerhin symbolkräftig das Datum 1. August, also Nationalfeiertag 1914. Das passte zur Gründung eines solchen weit überregionalen, eben nationalen Naturparks. Und haben sich die Schweizer gefreut? pilgerten viele Oder pilgerte man rege hierhin oder war trotz der politischen Grosswetterlage die Stimmung eher getrübt und es wurde gar nicht gross zur Kenntnis genommen? Der Erste Weltkrieg hat natürlich manches überschattet und es ist auch so, dass die Gründer und deren Gedanken eigentlich noch gar nicht so dahin gingen, möglichst viel Publikum anzuziehen. Im Gegenteil, man wollte die Natur sich selber überlassen. Man wollte schauen, was man tun kann. Wie entwickelt sich die Natur, wenn sie nicht intensiv landwirtschaftlich genutzt wird, wenn die Wiesen nicht mit Fee bestossen werden? Wie entwickelt sich die Natur, wenn kein Holzabbau erfolgt, wenn das tote Holz nicht abgeschleppt wird, sondern eben liegen gelassen wird? Das war von Anfang an der Grundgedanke, die Natur soll vollständig sich selber überlassen bleiben. die umgekippt werden. Wälder, Bäume bleiben liegen und es werden auch sogar Feuersprünste nicht eingedämmt. Das gehöre eben zur Natur und ihrem Lauf. Wie hat das geklappt über die Jahre, über die ersten Jahre und über die weiteren Jahre? Das hat durchaus geklappt und es war faszinierend, dann hier zu sehen, wie sich das alles entwickelt. Man hat den Schweizerischen Naturschutzbund gegründet, der dann eben auch zuständig war für die... Wissenschaftliche Beaufsichtigung dieses Parks. Der Bund, die Eidgenossenschaft hat die Pacht übernommen, die Pachtzahlungen und so war das eine Arbeitsteilung und der Nationalpark hat sich doch erfreulich entwickelt. Man konnte sehr vieles beobachten. Die vorher bedrohte Fauna und Flora hat sich gut entwickelt. Es zeigte sich eben auch, dass sich der Nationalpark eignete. als Rückzugsgebiet für das Wild. Die Hirsche beispielsweise waren hier praktisch vollständig ausgestorben und es gab dann wieder sehr, sehr stattliche Hirschpopulationen. Es kam der Steinbock dazu, neuere Arten. Dann, anfangs der 1990er Jahre, wurde der Bartgeier hier wieder angesiedelt. Also eine wirklich faszinierende Fauna. Und eben auch die Pflanzenwelt hat sich wirklich erfreulich entwickelt. Gibt es über die Pflanzen etwas Spezielles zu sagen, was es hier besonders viel gibt, was es vielleicht auch Exotisches gibt? Es gibt verschiedene geschützte Arten hier, die wachsen. Es gibt eine ganze Reihe von wirklich seltenen und schönen Alpenpflanzen, die man hier beobachten kann. Auch natürlich der Baumbestand ist interessant und wird genauestens beobachtet. Hier ist also die Natur. wirklich sich selber überlassen und man kann beobachten, was passiert, wenn der Mensch nicht eingreift. Wird das auch befugt? Ist da wirklich niemand verantwortlich? Gab es da nie Zwischenfälle über die Jahre? Das gab es durchaus. Zum Ersten wurde sehr streng gehandhabt, dass sich die Besucher dieses Nationalparks und man wollte natürlich auch Besucher, das war auch eine gewisse Verpflichtung gegenüber der Bevölkerung, dass die... nur auf ausgeschilderten Wanderwegen sich bewegen dürfen. Es war also absolut verboten, diese Wege zu verlassen, zu campieren oder weiss nicht was für Festlichkeiten hier abzuhalten. Hier hat man strenge Regeln durchgesetzt. In den 1950er Jahren aber kam es zu heftigen Diskussionen, weil dann eben die doch stromhungrige Wirtschaft wollte, dass hier der Fluss Spöl entsprechend durch die Wasserenergie auch genutzt wird. Und das gab grosse Diskussionen zwischen den Naturschützern und eben natürlich den Wirtschaftsvertretern der Politik. Und es kam dann auch zu einem Einschnitt des ursprünglichen Gedankens, zu einer Rückführung vielleicht, der oder die nicht mit dem ursprünglichen Nationalparkgedanken übereinstimmte, indem man tatsächlich einen Stausee... legte der allerdings ausserhalb des Nationalparkgebietes, das etwa 170 Quadratkilometer umfasst, auf italienischem Grund und Boden. Aber die Spöhl war natürlich dann durchaus beeinträchtigt, indem hier eben das Wasser nicht mehr natürlich abfloss. Und mittlerweile lässt man von Zeit zu Zeit hier wieder Wasser los und kann dann sehen, dass einerseits das Flussbett von Schlamm gereinigt wird und andererseits... man wieder simulieren kann, wie ein normaler Bach- und Flussverlauf funktionieren würde. Andererseits hat man nach diesem, sagen wir mal, kleinen Sündenfall doch geschaut, dass sich so etwas nicht wiederholt und dass man den Nationalparkgedanken nicht einfach immer weiter einschränkt und abbröckeln lässt, sondern man hat Verschiedenes noch dann in der Folge etwas verschärft. Beispielsweise, was hat man noch verschärft? Man hat beispielsweise geschaut, dass nochmals einige Gebiete dazugekommen sind, nicht sehr gewaltige, aber es sind Gebiete noch zusätzlich zum Nationalpark hinzugekommen. Man hat an den bisherigen Regeln eben strikte festgehalten, dass hier nicht der Mensch sonst zusätzlich, abgesehen von der Energiewirtschaft, eingreift. Und das hat dann durchaus auch so funktioniert. Die Verbindungsstrasse, wurde die mit der Zeit gebaut? War die schon von Anfang an da und hat man dann das Naturschutzgebiet belassen? Musste da Wald gerodet werden? Die Strasse war schon einige Zeit da. Die wurde schon im Wesentlichen realisiert vor dem Nationalpark. Das war dann schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dass es hier eine Pferdestärkenstrasse gab. Kut. Kutschenstrasse, damit der Verkehr auch ins Münstertal erfolgen konnte und dass hier die Kontinuität und eben auch dieser äusserste Zipfel der Schweiz dennoch nicht den Anschluss an die Eidgenossenschaft verliert. Dieser Verbindungsstrang, dieser Weg, diese Strasse war eigentlich nie infrage gestellt, sonst hätte man ja das ganze Münstertal gewissermassen abgeschnitten. Wie sieht es aus mit Naturkatastrophen? Ich erinnere etwa an den Lothar-Sturm. Hat da der Nationalpark auch gelitten über die Jahre? Gab es da besondere Vorfälle, die zu Beeinträchtigungen geführt haben? Das gab es immer wieder. Es gab Stürme, es gab natürlich auch Feuer und Ähnliches. Das hat man halt so gut wie immer möglich so belassen. Das war der Grundgedanke, dass sich dieses Holz natürlich abbaut und dass man hier nicht eingreift. Das war durchaus vorgesehen von Anfang an. dass der Mensch hier eben nur beobachtend tätig ist und nicht in die Naturvorgänge eingreift. Und da habe ich das richtig verstanden. Die Schokitaler, die haben ursprünglich, das war der Grundgedanke, damit hat man diesen Naturpark quasi finanziert. Das war die Grundidee des Schokitalers. Das kann man so sagen, ja. Der Schweizerische Naturschutzbund hat diese Schokitaler erfunden, diesen Verkauf, hat dann die Differenz, weil die Schokolade nicht so viel kostete, diesem schönen Zweck des Nationalparks zuführen können. Was gibt es sonst noch Interessantes, Bemerkenswertes über diesen Nationalpark der Schweiz zu sagen? Ausdehnungen, die immer wieder diskutiert wurden, sogenannte Vorparks oder einigermassen Vorgelände, das ebenfalls Restriktionen unterliegt, war immer umstritten. denn die Ansprüche der Landwirtschaft waren natürlich vorhanden und auch die Jäger wollten natürlich sich nicht das Handwerk ganz legen lassen. Hier ist im Nationalpark selbstverständlich absolutes Jagdverbot und in neuerer Zeit gibt es zu diskutieren. Die Ansiedlung von Grossraubtieren, Stichwort Wolf, Luchs, auch die Bären sind gesichtet worden. Das ist einerseits erfreulich für den Nationalparkgedanken, natürlich eine schöne Ergänzung, auch sehr interessant für Tierbeobachter. Andererseits gibt es auch da natürlich durch die angrenzende Landwirtschaft, durch die Schafhalter, auch durch die Jäger dann grosse Diskussionen. Was ist so aktuell der Stand bezüglich Bären? Wolf, Luchs, gibt es sie? Wenn ja, wie viele? Und was macht man mit ihnen? Ich bin der Meinung, es gibt sie. Die Bären sporadisch ebenfalls auftauchend. Wölfe, Luchse ebenfalls hier vorhanden. Und natürlich wäre das Problem für Bauern und Jäger nicht, wenn sie sich hier stationär dann aufhalten würden und nicht ständig den Ort... wechseln würden, aber das ist natürlich nicht der Fall. Diese Tiere kennen keine Grenzen des Nationalparks, kennen keine Nationalitätengrenzen, die sind unterwegs und das wird immer wieder zu gewissen Spannungen führen. Gibt es da besondere Vorkommnisse in letzter Zeit? Ist das ein reales Problem, das hier im Tal, vielleicht sogar im Münstertal, diskutiert wird? Das wird schon diskutiert. Die Jäger sind natürlich auch gut. gut organisiert und haben auch ihre Interessen. Sie haben auch ihre Funktion, muss man betonen, denn ohne Jäger würde hier das Wild nicht reguliert. Es hat eine gewisse Rückzugsmöglichkeit hier im Nationalpark, kann sich hier auch vermehren. Auch das ist durchaus im Interesse der Jäger unter Umständen. Also man muss hier einen Ausgleich finden und in der Regel sind alle Parteien auch vernünftig genug, um einen solchen Kompromiss zu erreichen. Warum ist dieser Nationalpark ein Meilenstein der Schweizer Geschichte? Was macht seine Bedeutung für die Schweiz aus? Es ist ja im Prinzip der einzige Nationalpark. Natürlich gibt es auch andere Naturparks in der Schweiz, aber es ist ein Park von erheblicher Grösse, der eigentlich zur Schweiz mittlerweile gehört, auf den die Schweiz auch stolz ist. Und es hat sich vielleicht auch ein Stück weit ein Umdenken ergeben, was das Publikum betrifft. betrifft. Seit den 90er Jahren will man eigentlich das Publikum in diesen Nationalpark führen. Man will zeigen, wie so etwas funktioniert. Es ist nicht mehr so, dass man möglichst niemanden hier haben will, sondern die Schulklassen, die Besucher, die Touristen und so weiter werden durchaus angelockt, seit 1908 auch mit einem sehr, sehr schönen. und modern ausgestalteten Besucherzentrum in Zernetz. Da kann man sich orientieren über alle Bereiche dieses Nationalparks. Und das ist schon mit der Grundidee verbunden, dass die Menschen kommen sollen. Haben wir noch etwas vergessen? Gibt es einen Aspekt, den wir den Zuschauern mit auf den Weg geben sollen? Man könnte noch sagen, dass im Jahr 1980 das neue Nationalparkgesetz in Kraft getreten ist. ist, dass nach wie vor der Bund eigentlich schaut für die Pachtzinse, die hier entrichtet werden, auch für das Gros der Stellen, soweit ich informiert bin, und dass sich der Bund durchaus etwas kosten lässt, diesen Gedanken des Nationalparks. Und es gibt auch eine Nationalparkkommission, die das beaufsichtigt, dann natürlich dann die Geschäftsleitung und die doch relativ vielen Angestellten, die hier zum Rechten schauen, sodass der Nationalpark weiterhin auch sicher seine Funktion behalten wird. Eine neue Funktion wohl auch im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung. Man kann hier auch gewisse Dinge vielleicht voraussehen, berechnen, simulieren usw. Also weil eben eine gewisse Erwärmung stattfindet. kann das sich auch und wird sich das auch im Nationalpark abbilden und die Wissenschaftler können von daher gute Erkenntnisse daraus ableiten. Lieber Christoph, ganz herzlichen Dank für deine Ausführungen und mit diesen wirklich atemberaubenden Bildern aus dem schweizerischen Schweizer Nationalpark. Gehen wir zurück. Vielen herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit. Wir wünschen Ihnen einen wunderschönen Samstag, ein schönes Wochenende und bis zum nächsten Mal bei Weltwoche Daily Spezial und vor allem bis zum nächsten Mal bei den Meilensteinen der Schweizer Geschichte. Vielen herzlichen Dank.

Meilensteine der Schweizer Geschichte: Prof. Christoph Mörgeli über die sich selber überlassene Natur im Schweizer Nationalpark

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Meilensteine der Schweizer Geschichte: Prof. Christoph Mörgeli über die sich selber überlassene Natur im Schweizer Nationalpark
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