Zwei junge Männer aus Berlin, 28 und 32 Jahre alt, reisen extra in die Schweiz. Ihr Ziel: eine Veranstaltung zur Neutralitätsinitiative im «Thurgauerhof» in Weinfelden. Am Ende des Abends kommen sie zu mir – mit offenem Mund, völlig fassungslos. Sie haben gerade erlebt, wie Schweizer Politiker auf Augenhöhe mit ganz gewöhnlichen Bürgern debattieren. Ohne Absperrgitter, ohne Leibwächter, die das Volk auf Distanz halten. Jeder durfte fragen, jeder durfte kritisieren. Die beiden Berliner schüttelten nur den Kopf und sagten: «So etwas wäre bei uns in Deutschland absolut undenkbar.»
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Für uns Schweizer ist das kein Grund zur Aufregung. Es ist unser Alltag. Wir sind es gewohnt, dass Bundesräte mit dem Zug zur Arbeit fahren und Nationalräte nach der Debatte im selben Wirtshaus sitzen wie der Handwerker und die Bäuerin. Unsere Politiker sind keine abgehobene Kaste, die sich in Elfenbeintürmen vor den Menschen versteckt. Sie sind Bürger wie du und ich, die auf Zeit ein Mandat verwalten. Das ist die direkte Demokratie in ihrer reinsten Form.
Doch genau hier liegt unsere grosse Schwäche: Weil diese Bürgernähe für uns so normal ist, würdigen wir sie überhaupt nicht mehr. Wir nehmen sie als gottgegeben hin. Wir haben verlernt, zu staunen über das, was unser Land im Kern zusammenhält. Die beiden Berliner müssen uns erst den Spiegel vorhalten, damit wir wieder merken, welchen Schatz wir da eigentlich hüten.
Wir schimpfen schnell über unsere Schweiz und vergessen dabei, wie beneidenswert unsere politische Kultur ist. Die direkte Demokratie lebt nicht von Paragrafen, sondern von diesem unkomplizierten, offenen Miteinander auf Augenhöhe. Wenn Spitzenpolitiker die Fragen des Volkes fürchten, ist die Freiheit in Gefahr.
Wer die Nähe zum Volk verliert, hat in einer echten Demokratie nichts verloren.