Der frühere Aussenminister Joschka Fischer rechnet mit dem Ende der Nato in ihrer bisherigen Form und fordert Europa auf, sich militärisch stärker von den USA unabhängig zu machen. «Ich gehe nicht davon aus, dass die Nato überlebt», sagte der frühere Grünen-Politiker der Zeit. Die bisherige Ordnung, in der Washington Europas Sicherheit weitgehend garantiert habe, sei vorbei. «Wir müssen in der Lage sein, uns selbst zu verteidigen.»
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Fischer erwartet auch nach Donald Trump keine Rückkehr zum früheren Verhältnis zwischen Europa und den USA. «Wenn Vertrauen einmal verloren ist, ist es weg.» Europa solle zwar an der Partnerschaft mit Washington festhalten, müsse dafür aber militärisch und machtpolitisch stärker werden. Denkbar sei weiterhin ein europäisches Militärbündnis auf Grundlage der Nato, möglicherweise gemeinsam mit Grossbritannien und Kanada. Die Nato als transatlantisches Sicherheitsbündnis werde dagegen «nicht bestehen bleiben, fürchte ich».
Diese Veränderungen verbindet Fischer mit der politischen Entwicklung in Deutschland. Das Land befinde sich seit dem Ende des Kalten Krieges in einer Umbruchphase und habe lange gebraucht, sich wieder auf militärische und machtpolitische Fragen einzustellen. Angela Merkel wirft er vor, beides weitgehend gemieden zu haben. Sie habe gewusst, dass die Deutschen weder Krieg noch Wirtschaftsreformen wollten, und deshalb entsprechende Entscheidungen vermieden.
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz kritisiert Fischer. Deutschland habe einen Kanzler, der «Schwierigkeiten hat, Kontakt zu seinem Volk im positiven Sinne zu finden – um es milde zu formulieren». Wie Merz oder die anderen Parteien konkret auf die AfD reagieren sollten, lässt Fischer allerdings offen. Auf entsprechende Fragen nach einer Wahlkampfstrategie will er sich nicht einlassen.
Beim Aufstieg der AfD wird Fischer grundsätzlicher. «In Sachsen-Anhalt wird es jetzt vor allem um unsere Identität gehen.» Er stellt die Frage, ob Deutschland ein «europäisches, westorientiertes Land» und eine offene Demokratie bleibe oder sich von diesem Kurs entferne. Die AfD sei für ihn «mehr als eine politische Herausforderung – das ist eine emotionale Herausforderung». Fischer erinnert dabei an das Deutschland seiner Jugend und warnt vor einer Rückkehr zu einem von ihm als «kalt, eng, rassistisch, nationalistisch» beschriebenen Land. Den politischen Konflikt um die künftige Ausrichtung bezeichnet er als «Kampf um die Seele Deutschlands».