Grosse Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. In diesem Fall in Form von Fahrradträgern. Und den zugehörigen Trägerfahrzeugen, vom PW über den SUV bis zum Kleinbus. Es ist Slow-up-Saison. Schon etliche Kilometer vor dem eigentlichen Start ist jede mögliche und mehr oder weniger unmögliche Parkgelegenheit zugestellt. Das gemeinsame Ziel ist zum Beispiel der Albulapass, der an diesem schönen Septembersonntag für den motorisierten Verkehr gesperrt ist. Oder genauer: Gesperrt ist er für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Denn vergessen geht, dass E-Bikes keine Fahrräder sind, sondern Elektrotöffli. Zwar leise, aber motorgetrieben.
© slowUp Mountain Albula / www.slowUp.ch
Den schnittigen Rennrädern sieht man den Hilfsmotor kaum an. Ob mit oder ohne Hilfsantrieb, die Fahrer sind in bemerkenswert guter Form, und sie erklimmen flott die 1300 Höhenmeter bis zum Übergang ins Oberengadin. Auf dem Rückweg fallen nochmals 600 Meter an.
Entschleunigt wie ein Ameisenhaufen
Der Strassenevent nennt sich «Slow-up Albula». Slow-ups finden an neunzehn Orten in der ganzen Schweiz statt. So am 14. September am Klausenpass, «Slow-up Zürichsee» ist am 28. September. Das Rezept heisst: Man nehme breite Strassen in einer attraktiven Landschaft, sperre sie einen Tag für den motorisierten Verkehr und sorge für ein vielseitiges Rahmenprogramm entlang der Strecke.
Der Kunstbegriff «Slow-up» leitet sich ab von «Slow down – pleasure up» und soll so viel bedeuten wie «Alltagshektik ablegen – Beflügelndes erleben.» Das «bewusste Entschleunigen» stehe im Vordergrund. Die landschaftlichen Reize sind allerliebst und zweifellos beflügelnd. Beflügelt scheinen die Passfahrer jedoch eher vom Ehrgeiz denn von der Landschaft. Davon, dass Hektik abgelegt wird, ist wenig zu spüren. Im Gegenteil. Der Pass scheint so entschleunigt wie ein Ameisenhaufen.
8000 Strassenbegeisterte sind zum Albula angereist – zur Massenausfahrt. Die Autonummern verraten die Herkunft: Aargau, Zürich, St. Gallen. Vorarlberg, Allgäu, Stuttgart. Viel zu sportlich sind die Radler, um sich Musik, Verpflegungs- und Informationsständen zu widmen. Das Rahmenprogramm wirkt denn auch etwas verhalten. Der durchgestylte Stand des Pflichtunfallversicherers Suva erfährt wenig Beachtung. Es wird dort «korrektes Linksabbiegen» gelehrt.
Nicht nur Eisenwaden treten in die Pedalen. Was sich sonst nie auf der Bergstrasse zeigt, ist heute da: Lastenfahrräder und Veloanhänger. Da riecht die Luft gleich richtig urban. Unwillkürlich kommen Bilder von autofreien Quartieren und entschleunigten Wohlfühloasen hoch. Weit gefehlt. Heute wird ein Festival ausgetragen. Eine grosse Grüner-Lifestyle-Party. Mehrverkehr statt Langsamverkehr. Der Stau auf der Autobahn wird noch etwas länger. Statt Konsumverzicht noch mehr Konsum. Die Bündner Berge könnten den Gästen Ruhe und Ausgeglichenheit mitgeben. Das Gegenteil ist der Fall. Sie werden mit Stress und Eile geflutet.
Kühe als Verkehrsberuhigung
Bis vor wenigen Jahren hatten die Kühe die Albulapassstrasse entschleunigt. Die Strasse führt durch Alpweiden und war damals nicht ausgezäunt. Ob rutschiger Kuhfladen oder Rinderversammlung auf offener Strasse, der Verkehr musste Rücksicht nehmen. Verkehrsberuhigung auf Bündnerisch.
Die Bündner waren über lange Zeit echte Automuffel. Bis vor exakt 100 Jahren war Graubünden autofrei. Nachdem das Automobil Ende des 19. Jahrhunderts aufgekommen war, hatte der Kanton im Jahr 1900 ein Fahrverbot erlassen. Den «Gestank und Lärm» wollten die Bündner nicht haben. Wer mit dem Auto den Kanton durchquerte, musste es von einem Pferd ziehen lassen. Erst 1925 wurde das Verbot aufgehoben.
Nur dreizehn Jahre später hatte der Schweizerische Heimatschutz vom Bundesrat gefordert, am eidgenössischen Bettag ein Autofahrverbot zu verhängen. Ohne Erfolg. Unfreiwillig war das Anliegen im November 1973 umgesetzt worden. Konflikte im Nahen Osten hatten zu einer Ölkrise geführt, und es wurden drei autofreie Sonntage verfügt. Ausser für Notärzte und Ähnliches waren sämtliche Strassen für den motorisierten Verkehr gesperrt. Die Bevölkerung machte daraus ein Volksfest: Die Strassen wurden zu Fahrrad- und Rollschuhbahnen, Spaziergänger flanierten auf Autobahnen, Reiter und Pferdefuhrwerke waren unterwegs. Es mögen die Bilder von damals gewesen sein, welche die Initiatoren des Slow-ups inspirierten. Gutgemeint, das Gegenteil erreicht.
Den ursprünglichen Gedanken haben jüngst die Glarner aufgenommen. An schönen Wochenenden ist der Klöntalersee komplett überlaufen. Ab 2026 gibts im Sommer drei autofreie Sonntage. Nicht, um ein neues Spassevent zu generieren. Der malerische See soll etwas Ruhe und Natürlichkeit zurückbekommen.