Manche Länder entsprechen genau den Bildern, die man sich lange vor der Reise von ihnen macht. Bei Argentinien, beispielsweise, denkt man an die endlose Weite, flirrende Hitze, Rinder- und Pferdefarmen, die scheinbar kein Ende nehmen in der ungezähmten Landschaft – und natürlich auch an Wein, den kräftigen und dunklen Malbec. Doch selten nur denkt man bei Argentinien an Schaumwein im Stil der grossen europäischen Häuser. Und doch hat sich am Fuss der Anden, genauer: in Tupungato bei Mendoza, ein von der Champagne geprägter Produzent niedergelassen.
Eigentlich mitten in der Wüste: Arbeiter der Bodegas Chandon in der Provinz Mendoza im Westen von Argentinien.
Eigentlich befinden wir uns hier mitten in der Wüste, nur ein kleiner Teil der Landschaft ist kultiviert. Doch dieser hat es in sich: Rund 70 Prozent aller Weine Argentiniens stammen aus dieser Ecke. Dass ausgerechnet das Haus Chandon hier seinen Platz gefunden hat, ist also kein Zufall. Robert-Jean de Vogüé war 1959 getrieben von seiner Überzeugung, hochwertige Schaumweine ausserhalb von Frankreich herzustellen. Anstatt Flaschen zu exportieren, wollte der damalige Leiter des Champagnerhauses Moët & Chandon französisches Savoir-faire nach Südamerika exportieren und dort eine eigene Produktion aufbauen. Schliesslich war die Produktion von Champagner streng limitiert. De Vogüé dachte grösser und fand in Mendoza das ideale Umfeld: eine hochgelegene Halbwüste mit intensiver Sonneneinstrahlung, kühlen Nächten und mineralreichen Böden. Anders ausgedrückt: perfekte Bedingungen für elegante, fruchtbetonte Schaumweine nach traditioneller Methode.
Argentinien gehörte damals schon zu den wenigen Ländern ausserhalb Europas, die eine etablierte Weinkultur vorzuweisen hatten. Insbesondere Einwanderer aus Spanien und Frankreich prägten den lokalen Weinbau. Es sollte sich zeigen, dass die Argentinier nicht nach dem Heiligen Gral fragten, dem Champagner, sondern nach Getränken für jeden Tag. Nach Produkten, die geteilt werden können und – dies ist womöglich der wichtigste Punkt – geschmackvoll sind. Der Spritz war geboren.
Wo Geschmack beginnt
Wer an Spritz denkt, denkt unweigerlich an Orange und damit an Bitterkeit, jene feine, herbe Spannung, die einen Drink erst richtig interessant macht. In Argentinien gehören solche bitteren Aromen längst zum Alltag: Mate, das Nationalgetränk, gewonnen aus dem gleichnamigen Teestrauch, kommt ohne Zucker aus und lebt genau von dieser leicht herben Note. Sie funktioniert in der oft sehr fleisch- und fetthaltigen Landesküche als Gegenpol. Sie sorgt für Balance. Die Frage, warum sich der Spritz in Argentinien einer derart grossen Beliebtheit erfreut, wäre damit fast schon beantwortet. Grund genug für das Haus Chandon, die bestehende Linie weiterzuentwickeln: Neben dem bereits bekannten «Orange Peel & Spices», der ein neues Design erhielt, ergänzen die Varianten «Berries & Hibiscus» und «Lemon & Verbena» das Spritz-Sortiment. Alle drei Produkte interpretieren den Spritz anders – einmal bitter-würzig, einmal fruchtig-opulent, einmal reich an Zitrusaromen und klar –, und doch basieren alle auf den Weinreben von Cepas del Plata.

Spritz-Kollektion: Die Schaumweine «Orange Peel & Spices», «Berries & Hibiscus» und «Lemon & Verbena» sind servereit und enthalten natürliche Mazerate aus Zitrusfrüchten, Kräutern, Beeren und Gewürzen. chandon.com.ar
Gelesen wird hier in einer Höhe von rund 1.500 Metern bewusst etwas später als in der klassischen Schaumweinproduktion. Denn schon wenige Tage vermögen den Charakter der Chardonnay-Traube spürbar zu verändern: «Wenn man ein paar Tage länger wartet, entstehen ganz andere Aromen mit Pfirsich oder Aprikose, und der Wein wird deutlich runder», sagt Hervé Birnie-Scott, Estate Director von Chandon in Argentinien. Die Trauben gelangten unmittelbar nach der Lese in die Presse. «Genau das macht den Geschmack so pur.» Stets ein Auge auf den gesamten Prozess hat Kellermeisterin Ana Paula Bartolucci. Die junge Önologin übersetzt die Idee von Chandon in konkrete Cuvées. Ihre Aufgabe dabei ist es weniger, Kontrolle auszuüben, als vielmehr Interpretationen zu finden: Welche Parzelle bringt Spannung, welche Rundheit, welche Struktur für das finale Gleichgewicht im Glas? Gepaart wird der Schaumwein dann mit einem von drei neu entwickelten Mazeraten, die den einzelnen Spritz-Varianten Tiefe geben. Diese entstehen aus natürlichen, langsam extrahierten frischen oder getrockneten Zutaten: Orangenschalen aus Tucumán, Hibiskus und Beeren aus Patagonien, Eisenkraut aus den Höhenlagen von Catamarca. Hinzu kommen Gewürze wie Kardamom, Ingwer oder ein Hauch von weissem Pfeffer.

Kein Zufall: Die Bodegas Chandon bepflanzt über 540 Hektar ihres Bodens mit Reben.
Entscheidend für die Herstellung der Mazerate war die Zusammenarbeit mit der renommierten Mixologin Inés de los Santos aus Buenos Aires, die dem Projekt eine neue sensorische Richtung gab – weg vom reinen Weinverständnis, hin zu einer intuitiven, von der Cocktail-Welt geprägten Aromensprache. De los Santos brachte dabei Zutaten ins Spiel, die man im klassischen Weinbau selten antrifft. «Die Artischocke war eine der grössten Überraschungen», sagt Bartolucci. «Man erwartet sie nicht in einem Getränk, aber sie bringt etwas wirklich Einzigartiges.» Ihr feines Gespür für Balance und sensorische Überraschungen hat sich de los Santos, deren Namen man in der internationalen Barszene gut kennt, lange vor der Zusammenarbeit mit Chandon angeeignet. In Buenos Aires führt sie mit dem «Cochinchina» eine der prägendsten Bars der Stadt. Zeit, etwas tiefer in dieses Geflecht mit seinen rund 16 Millionen Einwohnern einzutauchen.
Fragmente einer Metropole
Aus dem Fenster des Flugzeugs präsentiert sich Buenos Aires als endloses Raster aus Strassen und Dächern. Kein klarer Stadtkern lässt sich erkennen, nur Häuser, Block an Block, bis zum Horizont. Als Orientierungspunkt dient der Río de la Plata. Der Fluss, der Argentinien und Uruguay trennt, ist Einfallstor, Verbindung und Grenze der Metropole in einem. Über ihn kam alles in die Stadt: Menschen, Waren, Geschichten. Am Aeroparque Jorge Newbery, dem Stadtflughafen direkt am Wasser, setzt das Flugzeug fast mitten im urbanen Gefüge auf. Es ist nur ein kurzer Weg hinein in die Stadt, ein paar Minuten Fahrt, und plötzlich ist man mittendrin, in Recoleta, einem der elegantesten Viertel von Buenos Aires, das geprägt ist von breiten Alleen, alten Palästen, schicken Hotels wie dem «Four Seasons» und einer ruhigen, fast europäischen Atmosphäre. Zwischen Cafés, Museen und dem berühmten Friedhof gibt sich die Metropole hier als äusserst klassische, kultivierte Stadt.
Was sofort überrascht: Buenos Aires ist überraschend grün. Parks, botanische Gärten und Seen brechen die Dichte der Strassen immer wieder auf. Im Süden liegen Viertel wie San Telmo und La Boca – die Atmosphäre dort ist rauer, dichter, historisch aufgeladen. La Boca war einst der erste Hafen der Stadt. Hier kamen die Einwanderer an, blieben, bauten weiter, sorgten für eine Durchmischung ihrer Sprachen und Lebensweisen. Aus diesem Neben- und Miteinander entstand Ende des 19. Jahrhunderts auch der Tango, eine Kombination aus europäischen Tänzen, afrikanischen Rhythmen und lateinamerikanischen Einflüssen.
Ein Land in seiner radikalsten Form
Im Norden und Westen verändert sich das Bild der Stadt. Palermo und seine Unterviertel wirken offener, moderner und kreativer. Kaum ein Weg führt an «Don Julio» vorbei: Hier trifft sich die Stadt am Grill und geniesst das vielleicht beste Steak Argentiniens, vielleicht sogar des ganzen Kontinents. Wer weiterflaniert in Richtung Palermo Soho trifft auf ein labyrinthartiges Netzwerk aus kleinen Strassen, Cafés, Galerien und Bars – auch das erwähnte «Cochinchina» von Inés de los Santos liegt hier. Dringend zu empfehlen ist der «Jazmín Shanghai» mit Chivas-Mizunara-Whiskey, Ume – ein Pflaumenlikör – und Jasmintee. Ansonsten aber lässt man sich in dieser Stadt einfach treiben, bewundert dabei Tangotänzer am Strassenrand oder wirft sogar einen Blick in die Tanzschulen, die abends gerne zu Klubs umfunktioniert werden. Das passiert auch mal an einem Montagabend bis in die frühen Morgenstunden.

Nationalpark Torres del Paine: Gletscher, Seen, schroffe Gipfel, seltene Tiere und eine fast unwirkliche Weite – hier, im chilenischen Teil Patagoniens, zeigt sich Südamerika von seiner dramatischsten Seite. conaf.cl
Wer nach einem Aufenthalt im pulsierenden Buenos Aires Stille und Weite sucht, findet beides nur wenige Stunden ausserhalb der Stadt in der endlosen Landschaft der Pampa. Hier beginnt ein anderes Argentinien. Und hier begegnet man den Gauchos, den traditionellen Reitern und Viehhirten des Landes. Sie sind so etwas wie die südamerikanischen Cowboys, tief verwurzelt in der argentinischen Identität. Ihr Alltag ist geprägt von Pferden, Rindern, Mate und einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit im Umgang mit der Wildnis. Kilometerweit ziehen sich die Pferdeweiden der estancias in dieser Region; diese historischen Ranches waren einst die landwirtschaftlichen Zentren der grossen Landgüter und dienen heute oft als Rückzugsorte. So wie die «Estancia La Bandada», nur knappe zwei Stunden von der Hauptstadt entfernt. Dort verändert sich das Tempo schlagartig. Ausritte durch offene Felder und lange Nachmittage, die mit dem Beobachten heimischer Vogelarten zugebracht werden, prägen die Tage. Hier steht man auch kurzerhand selbst am Feuer und richtet das asado, das argentinische Barbecue. Das Fleisch stammt selbstverständlich von den eigenen Rindern, die Beilagen aus dem hauseigenen Biogarten.

Mittags oder abends lohnt sich ein Abstecher zu «Don Julio Parrilla». Hier gibt es das beste Steak mindestens der Stadt, vielleicht sogar des Kontinents. parrilladonjulio.com
Wen es noch weiter ins Land hinauszieht, den erwartet pures Abenteuer. Im Norden Argentiniens, rund um die Ortschaft Salta, öffnen sich spektakuläre Hochlandlandschaften mit ihren roten Felsen, unzähligen Kakteen und endlosen Weiten. Adressen wie das «House of Jasmines», gelegen zwischen Anden und Himmel, verbinden Eleganz aus der Kolonialzeit mit wilder Natur. Noch intensiver wird das Gefühl von Abgeschiedenheit schliesslich in Patagonien, in der «Ranquilco Lodge». Hier lebt man fernab jeder Zivilisation, umgeben von Bergen, Flüssen und unberührter Wildnis, die auch viele kulinarische Schätze hütet. In der hier kühlen, reinen Luft gedeihen die intensiven Aromen, die später den Weg in die Mazerate von Chandon finden. Wilde Himbeeren, schwarze Johannisbeeren, Erdbeeren und zarte Holunderblüten werden hier im Süden geerntet.
Ebenso eindrücklich zeigt sich der Süden rund um Patagonien mit seinen Gletschern, steilen Bergmassiven und dieser fast surrealen Leere. Wer hier übernachtet, etwa im «EOLO Patagonia's Spirit Hotel» oder nahe dem chilenischen Nationalpark Torres del Paine, der erlebt Argentinien in seiner radikalsten Form: reduziert auf Wind, Weite und das Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein. Es ist der perfekte Ort, um innezuhalten und das Glas zu heben.
Dieser Text erschien im WW Magazin vom 24. Juni 2026.