Grossbritanniens wohl bekannteste Verfechterin strenger Schulerziehung rechnet mit der modernen westlichen Erziehung ab. Eltern setzten zu wenig Grenzen, Schulen verlangten zu wenig Leistung, soziale Medien schwächten die Aufmerksamkeit der Kinder, sagt Katharine Birbalsingh im Gespräch mit der NZZ. Die Leiterin der Michaela Community School in London warnt besonders vor den Folgen für die Generation Alpha: «Wir hinterlassen eine beschädigte Generation, ständig ängstlich, mit Depressionen. Es wird ein Albtraum.»
Christian Beutler/Keystone
Für Birbalsingh beginnt die Entwicklung im Elternhaus. Viele Eltern wollten heute eher Freunde ihrer Kinder sein, statt ihnen Grenzen zu setzen. Strenge werde mit Lieblosigkeit verwechselt. Dabei bedeute sie, «dass man sein Kind genug liebt, um die eigenen Massstäbe hochzuhalten». Ihr Bild dafür ist bewusst einfach: «Wir geben unseren Kindern seit Jahrzehnten den Keks – und ernten jetzt die Folgen.»
Diese Haltung habe längst die Schulen erreicht. An die Stelle von Eigenverantwortung, Leistung und Pflichten sei zunehmend die Vorstellung getreten, Kinder vor Schwierigkeiten schützen zu müssen. Birbalsingh spricht von einer «Opferhierarchie», in der Herkunft, Geschlecht oder psychische Belastungen darüber bestimmten, wer als benachteiligt gelte. Früher sei bewundert worden, wer Hindernisse überwinde, heute dagegen, «wer das grösste Opfer ist».
Auch beim Unterricht fordert sie eine Rückkehr zu Wissen und Leistung. Die Vorstellung, Kreativität entstehe vor allem durch Freiheit, hält sie für falsch. «Kreativ kann man nur mit dem sein, über das man auch etwas weiss.» Wissen sei «wie Kleiderhaken im Kopf: Je mehr man hat, desto mehr kann man daran aufhängen». Ihre eigene Schule setzt deshalb auf Disziplin, klassischen Unterricht und die Autorität der Lehrperson.
Zur Erziehung gehört für Birbalsingh auch ein gemeinsames nationales Selbstverständnis. Gerade in einer multikulturellen Schule brauche es Patriotismus: «Wenn nicht das Land alle zusammenhält, muss etwas anderes diese Rolle übernehmen.» Vor ihrer Schule weht die britische Flagge, die Schüler singen «God Save the King» und «Jerusalem». Ohne Zugehörigkeit zum eigenen Land suchten Jugendliche Gemeinschaft womöglich in Gangs oder politischen Bewegungen.
Auch religiösen Sonderregeln setzt Birbalsingh Grenzen. Rund 60 Prozent ihrer Schüler sind inzwischen Muslime, einen muslimischen Gebetsraum gibt es dennoch nicht. Eine Mutter klagte dagegen erfolglos. Ein gemeinsames Gebet würde nach Birbalsinghs Ansicht eine Trennung der Kinder erforderlich machen und damit den Grundsätzen der Schule widersprechen. Kopftücher sind dagegen erlaubt.
Ihr Gegenmodell ist damit klar umrissen: Erwachsene setzen Regeln, Lehrer vermitteln Wissen, für alle Kinder gelten grundsätzlich dieselben Erwartungen. Birbalsingh sieht darin nicht Härte um ihrer selbst willen, sondern eine Voraussetzung dafür, Kinder auf ein selbständiges Leben vorzubereiten. Ihre Michaela Community School verweist dabei auf die eigenen Ergebnisse: Nach Angaben der Schulleiterin erzielen ihre Schüler die besten Testresultate in ganz London.