Die Hamas plante laut einer Anklageschrift der deutschen Bundesanwaltschaft koordinierte Terroranschläge in Berlin und Wien rund um den zweiten Jahrestag des Massakers vom 7. Oktober 2023. Als mögliche Ziele nennt die 214 Seiten umfassende Anklage israelische Diplomaten, jüdische Gemeindezentren und pro-israelische Demonstrationen. Die Anschläge sollten am oder um den 7. Oktober 2025 gleichzeitig oder kurz hintereinander stattfinden.
Philipp von Ditfurth/DPA/Keystone
Für die Anschläge soll die Gruppe über Monate Waffen und Munition beschafft haben. Dabei liefen zwei getrennte Lieferketten. Über die erste gelangten fünf Pistolen aus Kopenhagen zunächst nach Berlin und anschliessend nach Wien, wo sie zusammen mit Munition und Kleidung in einem gemieteten Lager deponiert wurden. Über eine zweite Route wurden ein vollautomatisches Sturmgewehr, acht Glock-Pistolen und mehr als 600 Schuss Munition nach Berlin gebracht. Ein Teil der Beschaffung soll von einem Hamas-Kader im Libanon gesteuert worden sein.
Die Ermittler griffen am 1. Oktober 2025 ein – sechs Tage vor dem Jahrestag. Bei einer Waffenübergabe in einem Hinterhof in Berlin-Moabit nahmen Spezialkräfte drei Verdächtige fest und stellten das Sturmgewehr, die acht Pistolen sowie die Munition sicher. Bereits zuvor waren die Behörden der Gruppe auf der Spur. Polizeitaucher hatten im September 50 Patronen aus der Spree geborgen, die einer der Beschuldigten dort aus Angst vor einer Entdeckung entsorgt haben soll.
Eine besondere Rolle spielt in der Anklage Mohammad S. Er soll für die Gruppe 100 Schuss Ersatzmunition beschafft haben, nachdem eine frühere Lieferung verloren gegangen war. Gleichzeitig arbeitete er damals als Informant für das Bundesamt für Verfassungsschutz. Den Ermittlungsakten zufolge berichtete er regelmässig an seinen Kontaktmann beim Geheimdienst, verschwieg oder verharmloste dabei aber seine eigene Beteiligung an der Munitionsbeschaffung. Als der Verfassungsschutz davon erfuhr, reagierte er laut Welt mit Rücksicht auf die bereits laufenden Ermittlungen gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt.
Die Bundesanwaltschaft sieht hinter dem Fall einen Strategiewechsel der Hamas in Europa. Nach Erkenntnissen von Verfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst bestanden bereits vor dem 7. Oktober 2023 Pläne, von einer Basis in der Türkei aus operative Zellen in Europa aufzubauen und Anschläge aus dem Ausland zu steuern. Einer der Angeklagten soll im August 2025 in Wien bereits ein Bekennervideo aufgenommen und im Namen der Al-Kassam-Brigaden Vergeltungsaktionen in Europa angekündigt haben. Über die Vorwürfe soll nun der Staatsschutzsenat des Berliner Kammergerichts verhandeln.