Der Ukraine fehlen zunehmend Abwehrraketen für ihre Patriot-Systeme. Bei zwei russischen Angriffswellen auf Kiew Anfang August blieben die Abschussvorrichtungen teilweise leer, wie die Financial Times unter Berufung auf ukrainische Regierungsvertreter berichtet. Patriot gilt als das einzige der Ukraine zur Verfügung stehende System, das russische ballistische Raketen abfangen kann.
Efrem Lukatsky/AP/Keystone
Als Hinweis auf die angespannte Lage führt die Financial Times die Angriffe Anfang August an. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe griff Russland Kiew am 5. August mit 24 ballistischen Raketen, vier weiteren Raketen und 115 Drohnen an. 98 Drohnen wurden abgeschossen, von den Raketen dagegen keine einzige. Drei Tage später trafen sechs weitere ballistische Raketen Ziele in der Hauptstadt. Dabei kamen nach ukrainischen Angaben drei Menschen ums Leben.
Der Mangel sei inzwischen so gross, dass die ukrainische Luftwaffe nicht mehr regelmässig veröffentlicht, wie viele Raketen Russland abfeuert. Ukrainische Regierungsvertreter sagten der Financial Times, man wolle damit vermeiden, offenzulegen, wie viele davon nicht abgefangen werden. Die Entscheidung sei aus Sicherheitsgründen gefallen, solle aber auch dazu beitragen, die öffentliche Moral aufrechtzuerhalten.
Gleichzeitig steigert Russland Produktion und Einsatz ballistischer Raketen. Nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes setzte Moskau im Juli 198 ballistische Raketen und Hyperschallraketen ein – so viele wie noch nie in einem Monat. Russland produziert demnach rund 60 ballistische Raketen monatlich.
Präsident Wolodymyr Selenskyj drängt deshalb die Verbündeten auf weitere Lieferungen. Besonders Spanien und Griechenland verfügen laut Financial Times über grössere Patriot-Bestände. Doch auch bei westlichen Staaten werden die Vorräte knapper. Der Krieg mit dem Iran habe amerikanische und arabische Bestände an Abfangraketen zusätzlich reduziert. Bei Selenskyjs Treffen mit Donald Trump Ende Juli sagte der US-Präsident keine weiteren Patriot-Raketen für die kommenden Monate zu. Eine endgültige Absage erteilte er allerdings ebenfalls nicht.
Die Zeit drängt vor allem mit Blick auf den Winter: Kiew rechnet erneut mit schweren russischen Angriffen auf die Strom-, Gas- und Wasserversorgung und schätzt, mindestens 300 zusätzliche Patriot-Abfangraketen zu benötigen. Ohne weitere Lieferungen wächst damit das Risiko, dass die ukrainische Luftabwehr zentrale Infrastruktur nicht ausreichend gegen die erwartete russische Winteroffensive schützen kann.