Ukrainische Journalisten erhöhen den Druck auf Präsident Wolodymyr Selenskyj und fordern nach mehr als anderthalb Jahren wieder eine grosse Pressekonferenz, die auch kritischen Medien offensteht. In einem gemeinsamen Video stellen Reporter verschiedener Redaktionen Fragen, die Selenskyj aus ihrer Sicht bislang nicht beantwortet hat – vor allem zu Korruptionsskandalen und seiner persönlichen politischen Verantwortung.
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«Wolodymyr Selenskyj hat die Unterhaltung mit der Gesellschaft schon vor längerer Zeit verlassen. Er kommuniziert in Monologform», kritisiert Investigativjournalist Danylo Mokryk. «Aber wir brauchen einen Dialog.» Selenskyj wendet sich zwar fast jeden Abend per Videobotschaft an die Bevölkerung, doch direkte Fragen unabhängiger Journalisten seien nur eingeschränkt möglich.
Als Beispiel nennt Mokryk den Rücktritt des damals beliebten Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow im Juli. Selenskyj habe die Entscheidung nicht ausreichend erklärt und auch auf anschliessende Proteste nicht reagiert. «Er hat keinem ukrainischen Medium ein Interview gegeben», sagt Mokryk. Gleichzeitig habe der Präsident während der Proteste Interviews mit der amerikanischen Bloggerin Laura Loomer und dem britischen Sender Sky News geführt.
Inzwischen haben knapp 22.000 Menschen eine Petition auf der Internetseite des Präsidenten unterschrieben, die eine offene Pressekonferenz verlangt. Bei 25.000 Unterstützern muss Selenskyj die Forderung zumindest berücksichtigen.
Das Präsidialamt verweist auf andere Möglichkeiten für Journalisten, Fragen zu stellen. Dazu gehört ein WhatsApp-Kanal mit derzeit 534 Medienschaffenden. Kritiker halten das nicht für ausreichend, weil Selenskyj und seine Mitarbeiter selbst entscheiden könnten, welche Fragen sie beantworten. Zudem erhalten einzelne ukrainische Medien wie die einflussreiche Ukrainska Prawda seit längerem keine Einladungen zu Hintergrundgesprächen.
«Er schadet den ukrainischen Bürgern, die keine Antworten auf wichtige Fragen bekommen», sagt Ukrainska Prawda-Journalist Mychajlo Tkatsch über Selenskyjs Umgang mit kritischen Medien. Mokryk fordert deshalb eine Rückkehr zum offenen Austausch: «Die Gesellschaft ist traumatisiert, sie ist emotional, sie braucht Kontakt und Dialog.»