Nach den tödlichen Schüssen beim Aarauer Rave läuft die Fahndung am Montagmorgen weiter – und noch immer ist unklar, wie viele Täter auf die Besucher der Technoparty schossen und welches Motiv sie hatten. Polizeikommandant Michael Leupold sprach am Sonntagabend von einer «nationalen Fahndungslage». Die Ermittler befänden sich weiterhin in der «Phase der Gefahrenabwehr», solange der oder die Schützen nicht gefasst seien. Leupold wohnt selbst unweit des Tatorts. «Ich selber wurde durch die Schüsse wach», sagte er nach rund fünfzehn Stunden im Einsatz.
Michael Buholzer/Keystone
Die Schüsse waren in der Nacht auf Sonntag gefallen. Um 2.33 Uhr erreichte die Polizei der erste Notruf, innerhalb weniger Minuten folgten weitere. Zu diesem Zeitpunkt ging der Rave an der Aarauer Pferderennbahn gerade zu Ende. Rund 2500 überwiegend junge Besucher waren zu der Veranstaltung mit neun DJs erwartet worden. Nach bisherigen Erkenntnissen wurde an mindestens zwei Stellen geschossen: auf einem Parkplatz und im Bereich einer Zufahrt zum Gelände. Ob die Täter aus einem Fahrzeug feuerten, ist weiterhin offen.
Getötet wurde eine 22-jährige Italienerin, die in der Schweiz lebte. Medien identifizierten sie als Maria S. aus den Abruzzen. Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni erinnerte öffentlich an die 22-Jährige. Fünf weitere Menschen wurden durch die Schüsse teils schwer verletzt.
Die Spurensicherung hat inzwischen Hinweise auf mindestens zwei unterschiedliche Waffentypen gefunden. Auf dem Parkplatz lagen Hülsen einer 9-Millimeter-Waffe, vermutlich einer Pistole. Ausserdem stellten die Ermittler «mehr als ein Dutzend» Hülsen des Kalibers 5,45 × 39 Millimeter sicher, wie es bei Sturmgewehren verwendet wird. Ob ein Täter mit mehreren Waffen schoss oder mehrere Personen feuerten, lässt sich daraus bislang nicht ableiten. Schweizer Medien berichten von zwei Tätern, manche Augenzeugen wollen dagegen bis zu vier Verdächtige gesehen haben. Wie die Gesuchten aussehen und wohin sie nach der Tat geflüchtet sind, ist nicht öffentlich bekannt.
Leupold nannte am Sonntag drei mögliche Szenarien: einen Terroranschlag, einen Amoklauf oder eine andere kriminelle Tat, etwa eine «Abrechnung im Milieu». Welche dieser Spuren die Ermittler für die wahrscheinlichste halten, sagten sie nicht. Wegen der Nähe Aaraus zu Deutschland und Frankreich wurden inzwischen auch Behörden beider Nachbarländer in die Ermittlungen einbezogen.
Wichtig für die Fahndung könnten nun Videos der Partygäste werden. Die Polizei fordert Augenzeugen auf, ihre Aufnahmen nicht ins Internet zu stellen, sondern direkt den Ermittlern zu übermitteln. Bis Sonntagabend waren dieser Aufforderung offenbar nur vergleichsweise wenige Menschen gefolgt. Das vorhandene Material sei «wohl bislang nicht ausreichend für eine Öffentlichkeitsfahndung», hiess es nach der Pressekonferenz. Mehr als hundert Feiernde waren noch in der Tatnacht in einer Sporthalle untergebracht und befragt worden. Viele mussten anschliessend psychologisch betreut werden.
In Aarau blieb die Polizeipräsenz am Sonntag massiv. Das Gelände an der Pferderennbahn wurde weiträumig abgesperrt, schwer bewaffnete Polizisten waren unter anderem am Bahnhof und rund um den Tatort zu sehen, zeitweise fuhr ein gepanzertes Fahrzeug durch die Stadt. Die Kantonspolizei erklärte zugleich, die «abstrakte Gefahr» für die Bevölkerung sei am Sonntag nicht höher gewesen als im übrigen Land.