Estland verlegt seine wichtigsten Kampftruppen dauerhaft näher an die russische Grenze und beschafft Raketen mit bis zu 300 Kilometern Reichweite. Das Verteidigungsministerium in Tallinn begründet die neue Strategie der «aktiven Verteidigung» gegenüber der Financial Times mit dem Ziel, einen möglichen Angriff bereits an der Grenze abzuwehren und Ziele tief auf russischem Gebiet treffen zu können.
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«Eine glaubwürdige Abschreckung erfordert, dass wir einen Angriff auf uns undenkbar machen. Unser Ziel ist klar: Wir wollen den Feind und die Zerstörungen des Krieges von estnischem Territorium fernhalten», erklärte das Ministerium. Die militärische Führung rechnet zwar in den kommenden zwei Jahren nicht mit einem russischen Grossangriff auf die Nato. Sie fürchtet jedoch eine begrenzte Operation, mit der Moskau die Beistandsbereitschaft des Bündnisses testen könnte.
Die Erste Brigade soll deshalb von Tapa nach Jewe verlegt werden, rund fünfzig Kilometer von Russland entfernt. Auch in der Grenzstadt Narva entsteht ein Stützpunkt für bis zu 1000 Soldaten. «Wir müssen an der Grenze beginnen und bereits die ersten Gefechte gewinnen», sagte Brigadekommandeur Tarmo Kundla.
Parallel baut Tallinn seine Feuerkraft aus. Estland hat neun amerikanische Himars-Systeme samt M57-Raketen sowie neun südkoreanische Chunmoo-Raketenwerfer bestellt. Beide Systeme können Ziele in bis zu 300 Kilometern Entfernung erreichen. Sankt Petersburg liegt rund 260 Kilometer von Estland entfernt. Auch britische Truppen übten zuletzt mit Angriffsdrohnen ähnlicher Reichweite.
Estland erhöht seine Verteidigungsausgaben in diesem Jahr nach offiziellen Angaben um 42 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro oder 5,4 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die bisherige Doktrin, russische Truppen nach einem Einmarsch durch bewegliche Verteidigung zu zermürben, gilt nach den Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg als unzureichend.
Besonders im Blick der Militärplaner steht Narva. Estnische Sicherheitsvertreter halten eine begrenzte russische Aktion gegen die mehrheitlich russischsprachige Grenzstadt für ein denkbares Szenario, um die Nato politisch unter Druck zu setzen. Als entscheidenden Unsicherheitsfaktor bezeichnet Tallinn den Ukraine-Krieg: Enden dort die Kämpfe, könnten russische Truppen an die baltische Grenze verlegt werden. Ein hochrangiger Geheimdienstvertreter sagte: «Früher hatten wir Angst vor dem Krieg in der Ukraine. Jetzt haben wir Angst vor dem Ende des Krieges.»