Jahrzehntelang galt der Rüstungssektor als ethisch fragwürdig. Aus nachhaltigen Portfolios ausgeschlossen, von Stiftungen gemieden, als Reputationsrisiko behandelt. Der russische Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 hat diese Debatte grundlegend verändert. Heute ist klar: Europa muss massiv in seine eigene Verteidigungsfähigkeit investieren, um einen modernen Hochintensitätskrieg abschrecken und gegebenenfalls führen zu können. Ob Verteidigungsinvestitionen mit den eigenen Werten vereinbar sind, bleibt eine persönliche Entscheidung. Wer sie ablehnt, hat nachvollziehbare Gründe, die respektiert werden sollten. Doch für jene, die sich mit dem Sektor anfreunden können, war das strukturelle Argument selten stärker als heute.
Rows of shiny golden bullets with dark tips are neatly arranged, symbolizing military power, defense, and the arms industry. The ammunition is ready for use.
Vom Versprechen zur Lieferkette
Europas Verteidigungsausgaben stiegen von 343 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf 381 Milliarden Euro im Jahr 2025. Das EU-Programm «ReArm Europe / Readiness 2030» zielt darauf ab, bis 2030 insgesamt 800 Milliarden Euro zu mobilisieren. Auch die Schweiz beteiligt sich: Ab 2028 sind zusätzliche 31 Milliarden Franken für die Landesverteidigung vorgesehen, finanziert durch eine Mehrwertsteuererhöhung über zehn Jahre. Das entscheidende Bild für Investoren skizziert Ruben Dalfovo, Investmentstratege bei Saxo: Budgets führen zu Ausschreibungen, Ausschreibungen zu Verträgen, Verträge füllen die Auftragsbücher, Auftragsbücher werden zu Lieferungen und Lieferungen zu Einnahmen. Die Märkte haben den ersten Schritt bereits positiv aufgenommen. Die eigentliche Frage lautet nun: Wer liefert am Ende zuverlässig? Für Schweizer Privatanleger gilt: In der Schweiz gibt es derzeit keine börsenkotierten Unternehmen im Rüstungssektor, die direkt zugänglich sind. Wer in diesen Bereich investieren möchte, ist auf ausländische Titel und Fonds angewiesen, was jedoch über eine gut aufgestellte Depotbank problemlos möglich ist. Die nachfolgend genannten Unternehmen dienen der Veranschaulichung und stellen keine Anlageempfehlung dar. Investitionen in Wertpapiere sind mit Risiken verbunden. Unter den etablierten europäischen Rüstungskonzernen sticht Rheinmetall (Deutschland) besonders hervor: Als führender Anbieter von Landfahrzeugen, Munition und Flugabwehrsystemen verzeichnete das Unternehmen 2025 einen Kursanstieg von über 150 Prozent. BAE Systems (Grossbritannien) ist mit einem Auftragsbestand von über 77 Milliarden Pfund der grösste europäische Rüstungskonzern nach Umsatz. Thales (Frankreich) deckt Radar, Cybersicherheit und elektronische Kriegsführung ab, Saab (Schweden) profitiert vom Nato-Beitritt und der nordischen Aufrüstung, und Safran (Frankreich) versorgt als oft übersehener Schlüsselspieler praktisch alle westlichen Militärplattformen mit Triebwerken und Systemkomponenten. Neben den bekannten Konzernen existiert eine zweite Reihe weniger sichtbarer, aber ebenso unverzichtbarer Unternehmen. Hensoldt (Deutschland) spezialisiert sich auf Radar- und Sensortechnologie. Denn in einem modernen Konflikt gilt: Man kann nicht treffen, was man nicht sehen kann. Babcock International (Grossbritannien) wartet Flotten und bildet Personal aus. Mit steigenden Militärkapazitäten wächst auch der Wartungsbedarf. Renk Group (Deutschland) liefert Antriebssysteme für gepanzerte Fahrzeuge und profitiert damit direkt von der europäischen Landrüstung. OHB SE (Deutschland) entwickelt KI-gestützte Bildanalyse für die Bundeswehr und hat eine Drohnentechnologie demonstriert, die vollständig autonom mit weniger als einem Watt Leistung operiert – potenziell wegweisend für künftige Drohnenschwärme. Für Anleger, die breit diversifiziert einsteigen möchten, bieten Fonds eine unkomplizierte Alternative. Der iShares Future of Defence UCITS ETF (Ticker: Nato) ist an der SIX Swiss Exchange kotiert und damit für Schweizer Anleger besonders leicht zugänglich. Der VanEck Defense ETF (DFNS) deckt zusätzlich grosse Anbieter im Bereich Cybersicherheit ab.
Was Anleger im Blick behalten sollten
Der Sektor birgt Risiken, die nicht unterschätzt werden sollten. Die Bewertungen der einzelnen Unternehmen unterscheiden sich erheblich. Wer selektiv vorgeht, kann Vorteile gegenüber einer rein passiven Allokation haben. Volle Auftragsbücher sind zunächst ein Versprechen, keine Garantie. Entscheidend ist, ob Unternehmen ihre Projekte effizient umsetzen und Barmittel generieren. Ein dauerhafter Waffenstillstand in der Ukraine könnte kurzfristig zu Kurskorrekturen führen, auch wenn die strukturellen Verteidigungsbudgets langfristig stabilisierend wirken. Und bei neuen Börsengängen ist Vorsicht geboten: Fragen zur Unternehmensführung und Margenbeständigkeit verlangen sorgfältige Prüfung.