Der Blick durch die breite Fensterfront aus Benjamin Giezendanners grossem Büro erfasst vorbeifahrende Lastwagen, im Asphalt eingelassene Schienen, Lastkräne und grosse Tankcontainer, die teilweise wie Legosteine sauber aufeinandergestapelt werden. Wir befinden uns auf einem grossen Industriegelände in der Aargauer Gemeinde Rothrist, in der Mitte der Schweiz gelegen, von wo aus man schnell auf der Autobahn A1 in alle Richtungen gelangt, und auch die Anbindung an das Schienennetz ist gegeben.
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Benjamin Giezendanner, erst 44 Jahre alt, ist schon seit 2017 Chef der Giezendanner Transport AG, die davor lange Jahre von seinem Vater Ueli geführt wurde und seit 1943 besteht. Das Unternehmen ist immer noch, oder vielmehr: wieder, mehrheitlich in Familienbesitz, nachdem man es von Investoren zurückgekauft hat. Der Vater hält 10, die beiden Brüder Benjamin und Stefan je 40 Prozent. Und alle sind oder waren in der Politik tätig. Zum Ärger vieler weit grösserer Konkurrenten hatte sich Ueli Giezendanner den Ehrentitel «Fuhrhalter der Nation» verdient, sein Sohn Benjamin hält diesen Begriff für «veraltet».
Aus «Versehen» gewählt
2001 wurde Benjamin Giezendanner in den Grossen Rat des Kantons Aargau gewählt – «ein Versehen», sagt er rückblickend. Seit 2019 ist er dennoch Nationalrat und beschäftigt sich unter anderem mit Fragen der Ökonomie und Energie: «Als Transporteur merkt man sehr schnell, wie es der Wirtschaft geht», findet er. Giezendanner wirkt wie ein bilderbuchmässiger Milizpolitiker, dessen unternehmerische Tätigkeit ihm politische Hinweise gibt und der in der Vielfalt der Aufgaben Erfüllung findet. «Nach fünf Stunden Beratungen in Bern wird es mir langweilig», sagt er und findet Abwechslung auf dem Industriegelände im Mittelland. Sein beruflich-politisches Leben auf zwei Spuren bringe ihm nicht zuletzt Unabhängigkeit. Als Politiker müssen man sich schliesslich leisten können, abgewählt zu werden, sagt er mit Blick auf die immer mehr werdenden Ratskollegen, die schon jung ausschliesslich auf die Karte Politik gesetzt haben.
Der jugendlich wirkende Unternehmer trägt einen Erfahrungsrucksack von ansehnlichem Volumen, wozu ein Studium in Wirtschaftsrecht an der HSG St. Gallen gehört oder ein Sprachaufenthalt in Amerika, aber auch die simple Leidenschaft für grosse Fahrzeuge. «Ich bin schon immer gerne Lastwagen gefahren», sagt er und fügt an, dass er dennoch eigentlich nicht in den Familienbetrieb einsteigen wollte. Giezendanner hat auf einer Bank gearbeitet, «aber irgendwie hat mich der Transport dann doch fasziniert». Wenn er Schulklassen durchs Bundeshaus führe, rate er den jungen Leuten immer, «zuerst in die Welt hinauszugehen», bevor man sich der eigenen Karriere widme.
«Als Transporteur merktman sehr schnell, wie es der Wirtschaft geht.»Und der Vater von vier Töchtern im Alter zwischen einem und zehn Jahren hat die Giezendanner AG strategisch klug positioniert und vergrössert. «Mein Ziel war immer, hundert Lastwagen zu haben, das habe ich geschafft, Tausend Container sind mein nächstes Ziel», sagt er lachend. Genau gesagt, sind es sogar 170 Lastwagen mit dem gestreiften Giezendanner-Schriftzug und 270 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Mit seinem Bruder, der seit 2020 im Grossen Rat politisiert und im Verwaltungsrat der Firma sitzt, telefoniert Benjamin Giezendanner jeden Morgen um 6.30 Uhr. Anfänglich wollten die beiden das Unternehmen gemeinsam führen, «aber das hat nicht funktioniert». ›››
Er wolle den Betrieb zukunftssicher machen, sagt Benjamin Giezendanner, und dazu gehöre die Spezialisierung: «Wir sind nicht der typische Stückguttransporteur, sondern transportieren Chlorgas und Lösungsmittel in der Schweiz und betreiben Containerverkehr im alten Europa», beschreibt er sein Geschäftsfeld. Bei der strategischen Ausrichtung habe er sich entscheiden müssen – klein und fein in der Schweiz oder gross und international. So gehören zum Gelände nicht nur Lastwagen, Container und schmucklose Bürobauten. Benjamin Giezendanner nimmt uns mit auf die andere Strassenseite, wo in einem weiteren Gebäude die Spezialität der Firma besichtigt werden kann. Oder zumindest kann beim Gang durch die Räume und Hallen eine Ahnung davon entstehen, worum es hier geht.
«Die Anreize des Staats zwingen Unternehmer dazu, zu konsolidieren statt zu wachsen.»Die Chemikalien, die die Transportfirma in grossen Tanks befördert, seien meist «rieselförmig oder flüssig, und alles ist sehr gefährlich», sagt Geschäftsführer Giezendanner. Die Rede ist von Javelwasser, Säurenlaugen, Aceton, Ethanol, Motorenöl oder Epoxidharz. Weil der Umgang mit diesen Stoffen Sorgfalt und Genauigkeit erfordert, sieht es in den Räumen, durch die uns Benjamin Giezendanner jetzt führt, auch nicht aus wie in einem üblichen Lager eines Transporteurs, sondern eher wie in einem Labor mit Reagenzgläsern, Schläuchen und Präzisionswaagen. «Indem wir Laborarbeiten übernehmen, können wir in der Logistik eine höhere Wertschöpfung schaffen. Ausserdem ist das interessanter als bloss Waren von A nach B zu schaffen», erklärt er. Rund drei Jahre Entwicklungszeit habe dieser neue Bereich gebraucht. Und der Unterhalt der Tanks für den Transport der zu 80 Prozent flüssigen Ware sei mit viel Handarbeit verbunden. Es brauche Mechaniker, Schweisser und Metallbauschlosser, um die Transportgefässe in einem perfekten Zustand zu halten.
Der «Netto-null-Fahrplan»
Das Thema, mit dem sich Benjamin Giezendanner und die ganze Transportbranche beschäftigen müssen, ist der «Netto-null-Fahrplan», wie er sagt. Wer bis zum Jahr 2050 als Betrieb nicht CO2-neutral arbeite, bezahle viel Geld. Dabei setze der Staat Anreize, die Unternehmer dazu zwingen, zu «konsolidieren statt zu wachsen». Giezendanner macht ein konkretes Beispiel: Er müsse für sein Fabrikareal in eine Grundwasserheizung für über eine Million Franken investieren, um seinen CO2-Ausstoss zu senken. Dabei würde die bestehende Ölheizung «noch zwanzig Jahre laufen». Als Drahtseiltänzer zwischen Politik und Wirtschaft sieht er «viele Fehlanreize durch CO2-Abgaben und Subventionen».
Die angestrebte Elektrifizierung des Verkehrs und die dafür notwendigen Investitionen als Firma seien ebenfalls mit enormen Kosten verbunden. «Weil fast alles auf staatlicher Förderung basiert, müssen das aber auch alle bezahlen.» Er sei zwar durchaus begeistert von der Elektromobilität, aber der Weg dahin sei lang und teuer. Heute fahren acht von 170 Giezendanner-Lastwagen elektrisch. «Ich werde irgendwann hundert Lastwagen laden können, aber dafür muss ich so viel investieren, dass unsere Firma kleiner wird. Im grossen Massstab heisst das: Wachstum wird gebremst», fasst er den Effekt der staatlichen Marschrichtung in der Wirtschaft zusammen.
Investitionen für die elektrische Zukunft
Benjamin Giezendanner befasst sich zurzeit mit der Planung eines grossen Ladeparks mit zwölf Ladestationen im Megawattbereich, PV-Anlage und einer 2-MWh-Batterie, die 2000 Kilowattstunden Energie speichern kann. Zum Vergleich: E-Lastwagen, die im Fernverkehr eingesetzt werden können, haben Batteriekapazitäten von 500 bis 900 kWh. Rund 4,5 Millionen Franken will Giezendanner in die künftige Energieversorgung seiner Transportfahrzeuge investieren. Damit das langfristig aufgeht, muss es bei der geplanten Befreiung der Elektro-LKW von der Schwerverkehrsabgabe (LSVA) bleiben, die eigentlich bis 2030 geplant war. Weil der Bundesrat nun aber diese indirekte Förderung streichen will, um Einnahmeausfälle zu kompensieren, werde das «Businessmodell nicht mehr funktionieren», sagt Giezendanner.
Ein enormer Kostentreiber seien dazu die notorischen Staus – 14 Prozent teurer im Durchschnitt werde der Transport, weil der Verkehr stocke statt fliesse. «Ich fände es sogar in Ordnung, wenn wir mehr Mineralölsteuer bezahlen müssten, wenn dafür endlich Strassen ausgebaut würden», sagt Benjamin Giezendanner. Um eine Tagestour im gesetzlich vorgeschriebenen Rahmen absolvieren zu können, müsse ein Chauffeur morgens um 5 Uhr losfahren, um bis 15 Uhr zurück zu sein. «Fährt er später los, verliert er schnell zwei Stunden», so der Unternehmer.
«Ich muss so viel in die Elektrifizierung investieren, dass unsere Firma kleiner wird.»Während er sich heute leidenschaftlich und umsichtig mit dem Geschäft und den Zukunftsaussichten für sein Gewerbe befasst, kann sich Benjamin Giezendanner gleichzeitig vorstellen, «irgendwann noch etwas anderes zu machen». Eine Verwaltung zu führen, zum Beispiel als Regierungsrat, fände der Ökonom eine «interessante Aufgabe», wie er sagt. Aber, fügt er mit einem Lächeln an, «frühestens mit 55 Jahren». Dann verabschiedet sich Benjamin Giezendanner auf der Strasse zwischen seinen Chemielabors und dem Werksgelände und geht zurück in sein Büro, wo es darum geht, alles in die richtige Richtung zu lenken.