Der Krieg im Iran ist für viele Protagonisten in Politik und Medien Anlass für die etwas vorschnell gefundene Bestätigung dafür, dass die Abhängigkeit von Erdöl fatal sei – weil Preise für Benzin und Diesel steigen oder Lieferketten unter Druck geraten. Tatsächlich ist, trotz geopolitischen Krisen und auch wenn es auf den ersten Blick widersinnig klingt, das Gegenteil wahr: Diesel und andere fossile Treibstoffe bleiben für die individuelle Mobilität die eigentliche Lebensversicherung. Sie sind leicht zu transportieren, lange lagerbar und funktionieren zuverlässig – zum Beispiel, wenn das Stromnetz wegen des steigenden Anteils an volatilen Energiequellen wie Sonne und Wind unberechenbarer wird, wie das Blackout in Spanien und Portugal im Frühling 2025 demonstriert hat. Ein Brandanschlag in Berlin im Januar 2026 hat ausserdem gezeigt, wie Angriffe von aussen die elektrische Energieversorgung empfindlich treffen können.
©-2022 Markus A. Jegerlehner
46 Prozent des Energiebedarfs
Aktuelle Zahlen des Branchenverbands Avenergy Suisse, des Verbands der Mineralölimporteure, geben der Wichtigkeit fossiler Energie eine konkrete Dimension. Der Schweizer Inlandsabsatz von Erdölprodukten belief sich 2024 auf 8 977 483 Tonnen. Allein Benzin und Diesel kamen auf 4 776 425 Tonnen, Heizöle auf 1 946 849 Tonnen. Die Inlandraffinerie in Cressier NE lieferte 25,8 Prozent der verbrauchten Produkte, 35,2 Prozent der Importe kamen über Pipelines, und 2,6 Millionen Tonnen wurden über den Rhein transportiert.
Insgesamt decken Erdölprodukte nach wie vor rund 46 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs der Schweiz. Die Bevölkerung schätzt diesen Anteil erstaunlicherweise auf bloss 26 Prozent – was wiederum zeigt, wie sehr die reale Bedeutung fossiler Energieträger unterschätzt wird.
In einer repräsentativen Umfrage von Sotomo im Auftrag von Avenergy Suisse sind 66 Prozent der Befragten überzeugt davon, dass das öffentliche Leben ohne fossile Energien heute weitgehend stillstehen würde. 85 Prozent halten ausserdem das Netto-null-Ziel bis 2050 für unrealistisch, obwohl gleichzeitig 61 Prozent am Ziel an sich festhalten wollen. «Die Bevölkerung hält das vollständige Erreichen des Netto-null-Ziels nicht für realistisch. Entsprechend kommt sie zum ehrlichen Schluss, dass fossile Brenn- und Treibstoffe auch 2050 eine wichtige Rolle spielen werden», lässt sich Sotomo-Geschäftsführer Michael Herrmann im Rahmen der Studie zitieren. 56 Prozent sehen fossile Energien heute noch nicht vollständig durch Erneuerbare ersetzbar.
Treibstoff ist praktisch
Der entscheidende Vorteil fossiler Treibstoffe liegt in ihrer praktischen Handhabbarkeit. Ein voller Dieseltank reicht für Hunderte Kilometer, Reservekanister oder Grosslager sorgen für Puffer. Dank Raffinerien, Grosstanklagern, Rheinhäfen und Bahninfrastruktur kann die Versorgung auch im Fall von Krisen und Konflikten aufrechterhalten werden. Der diversifizierte und liquide Mineralölmarkt hat das bereits 2022 beim russischen Angriff auf die Ukraine bewiesen: Während die Gasversorgung kollabierte, blieb der Ölmarkt stabil. Importe aus Russland wurden rasch durch andere Quellen ersetzt – ohne dass Autofahrer oder Wirtschaft nennenswert eingeschränkt wurden.
Der mit Diesel oder Benzin betriebene Pkw rollt auch bei einem Stromausfall weiter. Aber auch Notstromaggregate in Spitälern, Fahrzeuge von Feuerwehren und Blaulichtorganisationen laufen mit fossiler Energie. Schwere Lastwagen, landwirtschaftliche Maschinen, Baustellenfahrzeuge und Busse sind ohne fossile Treibstoffe in vielen Fällen nicht mobil, auch wenn die Elektrifizierung voranschreitet. Laut dem VSE (Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen) wird der Stromverbrauch von derzeit rund 57 TWh (Terawattstunden; Stand 2024) bis 2050 auf etwa 90 TWh pro Jahr ansteigen.
Je grösser die Abhängigkeit vom Stromnetz wird, desto wichtiger wird es, gleichzeitig eine Alternative zu haben – und nicht umgekehrt. Roland Bilang, Geschäftsführer von Avenergy Suisse, bringt es auf den Punkt: «Flüssige Energieträger sind quasi die Lebensversicherung der Energieversorgung, nicht nur in der Schweiz, sondern überall da, wo die Elektrifizierung vorangetrieben wird.»
Ein voller Tank reicht für Hunderte Kilometer; Reservekanister oder Grosslager sorgen für Puffer.Zudem gilt die unbequeme Wahrheit, dass ein steigender Anteil von Wind- und Solarstrom am Energiemix die Stromversorgung immer unzuverlässiger macht. Die Sonne scheint nicht rund um die Uhr, der Wind weht nicht immer. In der Schweiz fehlen noch immer ausreichende Speicher und Reservekapazitäten für windstille, kalte Wintertage. Die Folge: Blackouts werden wahrscheinlicher. Die Energiewende dürfe nicht zur Versorgungswende werden, sagt Bilang. Fossile Treibstoffe dienen als unverzichtbares Backup für Strom und Gas. «Energietransition» sei daher der präzisere Begriff.
Die Sotomo-Umfrage zeigt, dass die Schweizer Bevölkerung diese Risiken klar erkennt. 71 Prozent unterstützen zwar den Ausbau erneuerbarer Energien, doch nur, wenn die Versorgungssicherheit nicht darunter leidet. 50 Prozent befürchten negative Auswirkungen der Energiewende auf den Wohlstand. Historisch gesehen hat es noch nie einen kompletten Ausstieg aus einer etablierten Energieform gegeben. Neue Quellen ergänzen die alten. Erdöl wird auch dann noch eine Rolle spielen, wenn die Ära der fossilen Brennstoffe offiziell als beendet gilt.
Fossile Treibstoffe ergänzen die Erneuerbaren und schaffen Raum für innovative Lösungen.Der Energiewende nützt ein Versorgungsunterbruch mit Erdöl nichts – im Gegenteil, dies würde sogar die Versorgungssicherheit gefährden. Stattdessen braucht es kluge Investitionen in die bestehende Mineralölinfrastruktur. Es braucht Raffineriekapazitäten in der Schweiz und Europa mit den dazugehörenden Pipelines, Tanklagern und der notwendigen Logistik. Nur so bleibt das System resilient. Die Internationale Energieagentur (IEA) zeigt in ihren Szenarien auf, dass selbst auf dem Weg zu netto null weiterhin Investitionen in Produktion, Handel und Vertrieb von Mineralölprodukten notwendig sind – sonst drohen Angebotslücken und exorbitante Preise.
Notwendige Power-to-X-Anlagen
Fossile Brenn- und Treibstoffe ergänzen die Erneuerbaren und schaffen Raum für innovative Lösungen wie biogene und synthetische Treibstoffe (Power-to-X), heisst es dazu bei Avenergy Suisse. Forscher wie Christian Bach von der Empa und Markus Friedl von der Ostschweizer Fachhochschule OST halten flüssige Energieträger auch in einer klimaneutralen Zukunft für unverzichtbar – gerade weil sie speicher- und transportierbar sind. «Wir werden nicht darum herumkommen, Grossanlagen in Wüstenregionen aufzubauen», lässt sich Bach im Jahresbericht von Avenergy zitieren. Und Friedl ergänzt: «Ohne eigene Power-to-X-Anlagen in der Schweiz können wir Power-to-X-Technologien nicht entwickeln und exportieren.» Bei Power-to-X geht es darum, überschüssigen Strom aus erneuerbaren Energien in chemische Energieträger, Brennstoffe oder Rohstoffe umzuwandeln.
In der Geschichte der Energieversorgung gab es noch nie einen kompletten Ausstieg aus einer etablierten Energieform. Neue Quellen kommen vielmehr ergänzend zu den bestehenden hinzu. Es brauche deshalb einen strukturierten Dialog zwischen Politik und Energiebranche, sagt Roland Bilang von Avenergy Suisse: «Es ist an der Zeit, dass die Politik die tragende Rolle des Energieträgers Mineralöl anerkennt, anstatt blind und konzeptlos an der raschen Dekarbonisierung festzuhalten. Benzin, Diesel, Heizöl und Kerosin werden noch auf Jahrzehnte hinaus eine tragende Rolle im Schweizer Energiemix spielen – der Gang in die Zukunft kann nur gemeinsam und nicht gegeneinander gelingen.» Die Versorgungssicherheit müsse oberste Priorität haben.
Aus der Sotomo-Umfrage lässt sich eine klare Erkenntnis ableiten: Die Schweizer wollen Klimaschutz, ohne dafür die individuelle Mobilität und ein Gefühl von Sicherheit aufgeben zu müssen. Fossile Treibstoffe sind kein Relikt der Vergangenheit, sondern die Brücke in eine nachhaltigere Zukunft.