Video: Meilensteine der Schweizer Geschichte: Prof. Christoph Mörgeli über das Benediktinerinnen-Kloster St. Johann, romanische Perle im Val Müstair
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«Gerröte miteinander, ich begrüsse Sie ganz herzlich zu einer weiteren Ausgabe von Weltwoche Daily, spezial Meilensteine der Schweizer Geschichte. Mein Name ist Roman Zeller und neben mir bereits steht schon Professor Christoph Mörgli. Wir sind weit gereist, weit in ein Tal, das fernab von den grossen Städten der Schweiz liegt. Es ist das Val Müschtäier. Eine beeindruckende Kulisse um uns herum, ein beeindruckender Zugang zu diesem Tal, eine Strasse, die sich durch ein Tal schlängelt und eben hierher führt ins, ja, hinterste und letzte Tal, könnte man fast meinen. Lieber Christoph, was machen wir hier? Grüezi miteinander. Hinterst und letzt würde ich nicht sagen. Es ist ja ausserordentlich reizvoll, was sich hier als Kulisse vor unseren fast Ungläubigen... Wir stehen inmitten unberührter Natur auf einer grossen Wiese und hinter uns steht ebenso praktisch unberührt eines der bedeutendsten mittelalterlichen romanischen Kunstwerke der Kunstgeschichte überhaupt, nämlich das Kloster Müsteir, das Kloster Sankt Johann hier im romanischsprachigen Münstertal. Seit wann gibt es dieses Kloster St. Johann? Wer hat das gebaut und in welchem Jahrhundert, in welchem Jahr konkret? Die Legende will wissen, dass Kaiser Karl der Grosse, als er zum König der Langobarden gekrönt wurde, über den Umbreilpass zurückkehrte, in ein fürchterliches Wetter geriet und versprochen haben soll, er wolle ein Kloster stiften. Er hat dieses Wetter überlebt. hat dieses Kloster auch gestiftet und möglicherweise ist die Geschichte mehr als nur eine Legende, denn gewisse wissenschaftliche Untersuchungen von Holzbestandteilen haben das Jahr 775 ergeben, was also durchaus für diese Gründung durch Karl den Grossen sprechen könnte. Wofür hat er es gestiftet? Was war Sinn und Zweck ursprünglich? Es war... eine Gründung für Benediktinermönche vorerst. Später sollten dann über Jahrhunderte hinweg Benediktinerinnen dieses Kloster beleben. Er hatte mehrere Gründe, dieses Kloster zu gründen. Da war einmal das wirtschaftliche Interesse, diese wichtigen Handelswege auch ins Südtirol, dann aber auch ins Engadin, in die Lombardei. Das war ausserordentlich entscheidend und er wollte hier, dass die Handeltreibenden eine gewisse Herberge finden, verpflegt werden. Dann war es natürlich geistliches Zentrum der Christianisierung. Auch das war entscheidend und macht politischer Stützpunkt selbstverständlich auch für den Herrschaftsanspruch des römisch-deutschen Kaisers. Wie lange dauerte es, bis diese Vision realisiert werden konnte? Wir wissen nicht ganz genau, wie am Anfang wie viel gebaut wurde, das ist recht schwer zu sagen, aber wir wissen, dass die Mauerwerke außerordentlich alt sind und wirklich in die romanische Zeit zurückgehen. Und es war dann ja von Benediktinern belebt als Kloster. Es ging dann... Zum Teil sehr gut mit 40 Mönchen, andererseits gab es dann auch wieder Krisenzeiten, so dass der Bischof von Chur, der nach und nach dann die Kontrolle über dieses Kloster erhielt, entschieden hat im Jahr 1163, dass es ein Benediktinerinnenkloster werden soll. Die Nonnen lebten, arbeiteten, beteten nach den Regeln des heiligen Benedikt. Ora et labora, bete und arbeite. Und sie haben das bis heute getan, kontinuierlich, ohne Unterbruch. Weiss man, warum der Bischof von Chur hier ausschliesslich Frauen beherbergen wollte? Es geht letztlich darum, dass das Kloster für Männer offensichtlich an Attraktivität Es waren ursprünglich vor allem adlige Mönche, die hier eingetreten sind, später auch adlige Frauen. Aber es war schon so, dass aus verschiedensten Gründen, politisch, auch religiös, das Interesse nicht mehr so da war am männlichen Nachwuchs. Hingegen bei den Frauen nach wie vor. Und so hat der Bischof so entschieden. Erhab' hat dann dieses Kloster auch immer über Jahrhunderte als Sommersitz benutzt und ist gerne im Sommer hierher gezogen. War das ein guter Entscheid? Florierte dieses Kloster in der darauffolgenden Zeit? Das war sicher ein guter Entscheid, denn die Nonnen haben sich ausserordentliche Mühe gegeben. Es hat unglaubliche Kunstwerke im Innern dieses Klosters, die übrigens noch nicht allzu lange wiederentdeckt wurden. Die sind zum Teil schon in der Männerzeit entstanden, zum Teil aber dann eben auch unter der Herrschaft von Benediktinerinnen. Wir sehen auch den berühmten Plantaturm, einen Wehrturm, benannt nach einer Äbtissin. Das ist offensichtlich der älteste bewohnte Wehrturm im Alpenraum. Also auch das ein wahnsinnig interessantes Ensemble, das zu dieser Kirche St. Johann und zum Klosterbereich dazukommt. Gibt es eine Blütephase dieses Klosters, eine Hochzeit sozusagen? Die Hochzeit war sicher in den Anfangszeiten hier und es wurde dann zum Teil auch wieder etwas stiller. Vor allem war eben die Lage hier ausserordentlich exponiert. Beispielsweise im Schwabenkrieg von 1499, als die Bündner gegen den Habsburger Kaiser Maximilian ins Feld zogen. Da haben die Österreicher dieses Kloster wirklich massivst zerstört und haben schwere Verunstaltungen verantwortet. Es wurde aber dann durch die Hartnäckigkeit der Nonnen wieder neu aufgebaut, was 1499 zerstört wurde. Und eine weitere grosse Herausforderung war dann die Reformation. Das obere Münstertal wurde reformiert, das ganze Engadin wurde reformiert und hier war gewissermassen eine katholische Enklave, die auch immer wieder unter Druck kam und es wurde dann im Laufe der Neuzeit zu einem Eherab. stillen Kloster, also nicht mehr gewissermaßen Mittelpunkt der aupenländischen Welt, sondern diese Nonnen haben unter Führung, Anleitung des Bischofs von Chur einigermaßen dann doch ihre Zeit hier verbracht und haben auch dieses Kloster in seinem Betrieb in erstaunlicher Weise weitergeführt. und ohne Unterbruch bis in die heutige Zeit gebracht. Vielleicht muss man frühe Schenkungen erwähnen, was den Höhepunkt betrifft. Da gab es Schenkungen der verschiedenen Bischöfe von Chur, da gab es aber auch Schenkungen der Herren von Tarasp oder eben auch der Grafen aus dem Tirol im Mittelalter, sodass dieses Kloster Besitzungen hatte an verschiedenen Orten im Südtirol beispielsweise, sogar im Ötztal noch und hier im Münstertal ohnehin. Wie konnte der Kontakt zum Bischof von Chur aufrechterhalten werden? Ich meine, wir haben diese Strasse abgefahren, sie ist ein weiter Weg nach Chur, ein beschwerlicher Weg, wenn man an die Zeit damals zurückdenkt. Wie war das überhaupt möglich, dass dieses Tal, währenddem sich alles andere reformiert hat? eben nicht reformiert hat? Ja, es war tatsächlich schwierig, hierher zu gelangen. Das waren tagelange Reisen, die man auf sich nahm. Das waren sehr beschwerliche Reisen. Und man blieb dann natürlich auch... Nicht ein, zwei Tage, sondern hat dann doch einige Wochen, wenn nicht Monate hier verbracht, bevor man wieder zurückging, der ganze bischöfliche Hofstaat, jedenfalls alle, die mitkamen. Aber wir müssen von beschwerlichsten verkehrstechnischen Verkehrswegen ausgehen. Das war sicher eine außerordentlich aufwendige Geschichte. Und ab dem 16. Jahrhundert, was lief da? wurde das Tal sukzessive belebt, auch besiedelt. Wie lief das da ab? Das Tal war schon besiedelt, aber es war immer dünn besiedelt. Es war dann eigentlich nicht eine blühende Talschaft, sondern es war wirklich recht abgelegen, obwohl die Passstrassen hier eine Bedeutung hatten. Es gab auch entsprechende Herbergen. Es gab einen gewissen Verdienst, aber die Münstertaler waren Mathe- und Wissenschaftler. Also nicht auf Rosen gebettet, das war nicht ganz einfach in diesem Tal, wenn eben nicht der Transithandel gewesen wäre, der eine gewisse Bedeutung erlangte. Und die Nonnen führten, wie ich gesagt habe, ein doch recht stilles Leben und das Kloster kam dann etwas aus dem öffentlichen Interesse, bis um etwa 1900 die Kunsthistoriker sensationelle Entdeckungen machten. Wollte ich gerade fragen, was ist die Schaffenskraft dieses Klosters? Gibt es da irgendetwas, das besonders heraussticht, Bemerkenswertes? Bemerkenswert ist vor allem, dass man offensichtlich zum Glück die Mittel und das Geld nicht hatte, hier aufwendigst zu bauen. Man hat das Kloster nicht barockisiert, man ist nicht zu einer Neugotik übergegangen oder gar zu moderneren Geschmacksrichtungen des 19. Jahrhunderts und so weiter. Also das Kloster ist in seinem Bestand so geblieben, nicht zuletzt eben, weil diese Nonnen sehr einfach gelebt haben. Sie haben sich mit Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt gestaltet und sie hatten wirklich nichts zu viel. Und das hat sich im Nachhinein als grosses Glück erwiesen, denn aus um 1900 Kunsthistoriker sich... für diesen Bau zu interessieren begannen, hatte man auch das Glück, dass die alten Malereien verdeckt waren durch weissen Putz, und zwar über lange Zeit. Und so war eben diese Malerei noch immer dann vorhanden. Man konnte sie wieder freilegen. Sie wurde auch neu entdeckt durch. gewisse perspektivische Einfälle und Lichteinfälle, sodass diese Forscher um 1900 hell begeistert waren über das, was sie sahen, nämlich Fresken, Abbildungen, Illustrationen zur heiligen Geschichte aus der Zeit von Karl dem Großen. Das war natürlich etwas ganz Ausserordentliches, wenn man hier aus dem 8. und 9. Jahrhundert solche Fresken sieht. Es gibt auch spätere. die sehr bedeutend sind. Und das hat natürlich die Forschung wirklich beflügelt, dann vor allem im 20. Jahrhundert. Inwiefern hat das Wellen geschlagen? Gab es auch Schlagzeilen bis über die Landesgrenzen hinaus? Wurden Auszeichnungen verliehen, besondere Schutzstaty für dieses Kloster? Ja, vor allem ein wichtiges Jahr, 1983, noch nicht so lange her, Da wurde das Kloster als Ensemble, als Gesamtes ins Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen. Das war ein wichtiger Meilenstein. Selbstverständlich untersteht das Kloster jedem möglichen Schutz, dem eidgenössischen, dem kantonalen und so weiter. Da darf also nur mit strengsten Auflagen irgendetwas verändert werden. Und es sind noch immer einige Nonnen hier, Benediktinerinnen. etwa im Alter von 60 bis 90 Jahren. Es sind, glaube ich, noch acht. Und sie bemühen sich sehr, dieses Kloster auch attraktiv für Besucher zu halten. Es kommen Zehntausende von Besuchern jedes Jahr. Sie dürfen ein Museum erleben. Es wird alles wunderbar erklärt. Es ist alles ausgezeichnet, ausgeleuchtet, beschriftet und beschrieben. Es lohnt sich wirklich ein Besuch in diesem Kloster St. Johann in dieser Beziehung und in jeder Beziehung, denn einen Bau, der auf Karl den Großen zurückgeht, findet man nicht so schnell. Was ist das? Die religiöse, die katholische Bedeutung dieses Klosters, gibt es sie überhaupt heute immer noch? Selbstverständlich, das Kloster ist Messeort, hier wird Messe gefeiert, hier kommen regelmässig Geistliche und Predigen auch hier sind auch natürlich zuständig als geistliche Betreuer der Nonnen, der Benediktinerinnen und der Ort hier ist katholisch geblieben. als Ort in diesem sonst zumeist reformierten Münstertal. Also die geistlich-spirituelle Bedeutung dieses Klosters ist nach wie vor vorhanden und es ist eben auch ein einzigartiger Kultur- Knotenpunkt, könnte man mal sagen, ein Kultur- Highlight, das man in dieser abgeschiedenen Gegend sonst wahrscheinlich kaum je findet und so ist das natürlich auch sehr wichtig für den Tourismus, der auch eine Rolle spielt hier im Münstertal. Neben Sport aller Art kann man eben hier auch geistig, religiös und kulturell dem Genuss frönen, vor allem eben, was in und um dieses Kloster St. Johann herumgeht. Kannst du vielleicht noch etwas über das Val Mistaier sagen? Ist ja, glaube ich, fast direkt oder direkt an der italienischen Grenze, geht dann weg Richtung... Bozen habe ich gesehen unterwegs. Was kann man sonst über das Val Mustaier noch sagen? Ja, das Val Mustaier grenzt dann hier, wo bald schon die Grenze kommt nach dieser Gemeinde, ans Südtirol und ist also italienisch. Das war nicht immer so. Südtirol war ja bis 1918 Bestandteil von Österreich. Ungarn gehörte also zu. Aber es ist also kein Sprachschnitt, beziehungsweise wenn man von der deutschen Schweiz herkommt, wird auf der anderen Seite wieder Deutsch gesprochen, was ja hier im Münstertal nicht der Fall ist. Hier ist das Romanisch eigentlich die Sprache, auch wenn praktisch alle mittlerweile natürlich Deutsch sprechen, viele auch Italienisch. Auch die Münstertaler sind sehr, sehr sprachbegabt. müssen sie auch, wenn sie sich mit vielen Menschen unterhalten wollen. Was gibt es sonst noch zu sagen über das Kloster, das Wallmüsteier, vielleicht sogar generell über den Kanton Graubünden und die Bedeutung des Klossers für Kanton, Schweiz, Eidgenossenschaft? Ich finde es bemerkenswert, dass der Kanton Graubünden über ein solches Kulturdenkmal verfügt, eines der allerwichtigsten vielleicht sogar. Das Wichtigste würde ich mal behaupten, ich habe einen ETH-Professor, einen Mittelalter-Archeologen noch kennenlernen dürfen. Er lebt noch hochbetagt. Hans Rudolf Sennhauser, der hat jahrzehntelang hier an diesem Kloster geforscht. Das hat ihn unglaublich fasziniert, er hat auch sehr viel Wertvolles herausgefunden. und ich habe mich oft mit ihm unterhalten über seine Erkenntnisse. Also es ist auch ein... erstklassiger Forschungsplatz mit den üblichen Problemen, dass halt manchmal das Geld fehlt, um wirklich dann genügend in die Tiefe zu gehen und wirklich alles abzuklären, was man gerne abklären möchte. Lieber Christoph, ganz herzlichen Dank für diese Ausführungen. Ihnen danken wir ganz herzlich für die Aufmerksamkeit, wünschen Ihnen ein wunderschönes Wochenende, einen schönen Samstag. Bis zum nächsten Mal bei Weltwoche Daily Spezial und vor allem bis zum nächsten Mal bei den Meilensteinen der Schweizer Geschichte. Vielen herzlichen Dank.

Meilensteine der Schweizer Geschichte: Prof. Christoph Mörgeli über das Benediktinerinnen-Kloster St. Johann, romanische Perle im Val Müstair

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Meilensteine der Schweizer Geschichte: Prof. Christoph Mörgeli über das Benediktinerinnen-Kloster St. Johann, romanische Perle im Val Müstair
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Kapitel

  1. Begrüssung und Einleitung
  2. Beschreibung des Val Müschtäier
  3. Geschichte des Klosters Sankt Johann
  4. Entwicklung des Klosters über die Jahrhunderte
  5. Kontakt zum Bischof von Chur
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