«Gruetze mitenand» Ich begrüsse Sie ganz herzlich zu einer weiteren Ausgabe von Weltwoche Daily, speziell Meilensteine der Schweizer Geschichte. Mein Name ist Roman Zeller und neben mir bereits schon Professor Christoph Mörgeli. Wir sind oberhalb von Chur, dem Kanton Graubünden. Lieber Christoph, was ist das Thema der heutigen Sendung? «Gruetze mitenand» Wir sehen hinter uns tatsächlich die Dächer von Chur, dahinter der Churhausberg, Brambrüesch. Und wir möchten über diese Stadt sprechen, die übrigens die älteste kontinuierlich bewohnte Stadt der Schweiz ist. Was ist da das Bemerkenswerte? Seit wann gibt es Chur vielleicht, wenn wir dann die Ursprünge zurückgehen? Was ist... Ja, seit wann gibt es Chur? Es gibt älteste Funde bereits aus der Altsteinzeit, aus der Jungsteinzeit. Das wurde gefunden beim sogenannten Welschdörfli. Und das zeigt doch, dass Chur schon sehr, sehr lange besiedelt wurde. Es kamen dann auch die Römer im Jahr 15 vor Christus. Warum? Ganz wichtig war eben Chur als Verbindungsort vom süddeutschen Rhein. Hier durchs Rheintal zu den Alpenpässen San Bernardino, Julier oder auch andere wichtige Pässe, die hier eben Richtung Süden führen. Und so gesehen war das wirklich ein Ort, der eine Zukunft hatte und der sich dann auch entsprechend entwickeln sollte. Wie, in welcher Art, in welcher Blüte? In der Blütezeit, die dann noch kommen wird. ist Chur ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, könnte man sagen, auch ein Handelsplatz, ein Umladeplatz, aber vor allem auch eben bekannt als Bischofssitz. Im Jahr 451 n. Chr. wird der Chur-Bischof erstmals erwähnt und damit ist Chur das älteste Bistum nördlich der Alpen. Das ist doch auch bemerkenswert. Dieses Bistum wurde reichstens beschenkt durch die jeweiligen Kaiser, vor allem durch Otto I. Das Bistum hat über sehr grosse Gebiete im heutigen Bündnerland und auch andernorts geherrscht. Der Bischof war ein Fürst, ein wirklich wichtiger Mann im römisch-deutschen Reich, das Bistum bis heute bestehend. Warum hier? Warum gab es schon so früh? Ein Bistum in Chur? Weil Chur natürlich wirklich eine wichtige Station war, schon in römischer Zeit, war der Hauptort der Provinz Räzia und so war Chur doch auch als geistlicher Mittelpunkt entscheidend zur Christianisierung, hier auch nördlich der Alpen. Und das Bistum sollte wirklich eine grosse Macht entfalten im Mittelalter, bis dann im späten Mitteleuropa. sich die Bürger zu Wort meldeten und nach und nach dem Bischof zumindest die weltliche Macht entrissen haben. Welche Bischöfe sind besonders erwähnenswert? Welche waren besonders tonangebend hier in Chur? Es ist noch schwer, da eine besondere Persönlichkeit herauszuheben. Wir kennen natürlich vor allem die neueren Bischöfe. Die haben sich eigentlich einen Ruf erworben als Umstrittene. geistliche bei ihrem Kirchenvolk und auch darüber hinaus, denn die Kurerbischöfe galten, wenigstens bis vor kurzem, als ausserordentlich konservativ. Es gab hier und gibt immer noch ein Priesterseminar, eine theologische Hochschule, aber der heutige Bischof Bonnemann, heisst er, ist durchaus nicht mehr auf dieser Linie, ist also sogenannt aufgeschlossen und nicht mehr im konservativen Lager. Sind die Churer besonders katholisch? Die Churer sind überhaupt nicht katholisch-historisch, denn in Chur hat sich noch einiges verändert, indem die Zünfte im 15. Jahrhundert die Macht ergriffen haben. Schon bei der Gründung des Gotteshausbundes war Chur führend. Das ist einer der drei Bündner Bünde. Und dieser Gotteshaus Der Bund hatte doch auch den Zweck, die Macht des Bischofs zurückzudämmen. Es gibt dann hier fünf Zünfte, die den Ton angeben. Kur wird eigentlich Zunftstadt in dem Sinne, im Prinzip reichsunmittelbar, reichsfrei. Und 1523 erfolgt hier die Reformation. Der Reformator heisst Johannes Commander, der hier eben diese Reformation eingeführt hat. Und dann herrschte über Jahrhunderte in Chur der eigenartige Zustand, dass eigentlich der obere Hof im Bischofssitz ist, so gesehen eine Stadt in der Stadt als katholischer Teil, während die unteren Städte reformiert waren. Die Bürgerschaft hat sich also zur Reformation bekannt. Das gab natürlich auch entsprechende Spannungen. Die reformierte Stadtkirche ist Sankt Martin gewidmet. Da gibt es viele Sachen, die mich interessieren. Was ist eine Zunftstadt, die Chur ja einmal war? Eine Zunftstadt heisst, dass die Zünfte, die jeweiligen Handwerke, Ratsmitglieder, das heisst die regierenden Stellen. Man kann nicht einfach von aussen kommen und hier Regierungsansprüche stellen oder meinen, man sei gleichberechtigt in politischen Fragestellungen. Und hier in Chur waren es die Zünfte Rehbläute, dann auch Schneider, Schmieden, es gab die Bäcker, also die Pfister, die hier herrschten, also die Zunftstadt. hat eine wichtige Rolle bis dann zum ausgehenden alten Eidgenossenschaftszeitpunkt, das wäre dann 1798, wo die Zünfte ihre Macht verlieren. Die Zünfte können auch schauen, dass im umgebenden Land nicht jeder das Handwerk ausübt, das ihnen gerade passt. Also hier sind strenge Bestimmungen. Eine solche Handwerksordnung, Chur ist ja nicht die einzige Zunftstadt, da gibt es Zürich, da kennen wir Schaffhausen, da kennen wir andere Städte, während sich dann Städte wie Bern, Freiburg aristokratisch entwickelt haben und keine Zunftstädte waren. Und wie lief die Reformation hier in Chur ab? War das umkämpft, sogar blutig oder lief das einigermassen gesittet ab? Es war nicht ein grosses Blutvergießen. Man hat natürlich die Kirchen gestürmt, man hat die Kirchen gesäubert, hat aber den Bischof im Wesentlichen in Ruhe gelassen. Also das kam zu einer Art eigentlich Zusammenleben, dann mal etwas spannungsreicher, mal etwas entspannter. Das ist ganz ähnlich in St. Gallen so geschehen, wo ja auch ein Bischofssitz herrschte und herrscht. Also da ist ebenfalls die Stadt. hat reformiert geworden, hat aber einen grossen Klosterbezirk, der katholisch geblieben ist. Was läuft hier in Chur ab 1798, Beginn der moderneren Eidgenossenschaft? Man müsste vielleicht noch erwähnen, die Bündner wären im 17. Jahrhundert. Der Dreissigjährige Krieg ist eine schwierige Zeit für Graubünden und auch für Chur, denn da sind die Alpenpässe sehr umstritten durch die Österreicher, die Spanier, die Franzosen, auch die Venezianer erheben hier Ansprüche und es kommt wirklich zu Plünderungen, auch in Chur. Chur ist erobert worden, es gab einen Pestausbruch und in Chur ist auch im Jahr 1639 der berühmte Jörg Jenatsch ermordet worden. Also dieser Freiheitskämpfer oder wie immer man ihn benennen will, jedenfalls einer, der sich für Graubünden... eingesetzt hat damals und dieses 17. Jahrhundert war wirklich schwierig durch diese kriegerischen Ereignisse. 1798 sind dann eben die Franzosen eingefallen, haben auch hier im Bündnerland im Wesentlichen das Sagen gehabt, aber 1803 kommt es dann zur Gründung des Kantons Graubünden und im 19. Jahrhundert entwickelt sich natürlich dann Chur. sehr rasant. 1830 hat man die Stadtmauern niedergerissen, um eine Entwicklung dieser Stadt zu ermöglichen. Die Altstadt blieb aber erstaunlich gut erhalten bis heute. Das ist sehr erfreulich, wie diese Altstadthäuser gepflegt und sich eben präsentieren noch immer, auch wenn manche vielleicht den Abriss der Mauern und Türme bedauern mögen. Und dann wird eben der Kanton Graubünden zu einem voll wert. Mitglied der Eidgenossenschaft, übrigens der grösste Kanton der Schweiz. Seit wann ist Chur unabhängig? Chur ist unabhängig eigentlich seit dem 15. Jahrhundert in dem Sinne. Eine Stadt, die durch die Bürger, durch die Zünfte regiert wird. Aber Chur hat sich dann natürlich im 19. Jahrhundert ganz anders in die Moderne entwickelt. es kommt. Und dann auch zu einer gemeinsamen Stadtbildung, allerdings erst in den 1850er Jahren, dass eben auch der Bischof und der obere Hof einbezogen wird ins Stadtgebiet. Heute hat Chur 42.000 Einwohner, ist also eine recht ansehnliche Stadt und hat sich vor allem dann gegen das Rheintal modern entwickelt. der Seefiele. Dienstleistungen auch, dann ist Chur eben natürlich Kantonshauptort geworden, schon 1803, und hat entsprechende Verwaltungseinrichtungen, die Dienstleistungen sind gekommen, sehr viele Sitze von Firmen auch, natürlich ist die Kantonalbank hier niedergelassen, es gibt das Kantonsspital, das hier ist, es gibt Kantonsschulen, höhere Fachschulen, Fachhochschulen, Also, Kur hat sich wirklich sehr entwickelt. Was ist das? Dass es herauszustreichen gilt bei Chur, was ist das Faszinierende, das besonders Bemerkenswerte? Ich finde halt sehr schön, wie Chur in dieser Berglandschaft eingebettet ist, mit einer sehr, sehr langen und sehr stolzen Geschichte, auf welche die Churer auch stolz sein dürfen. Es ist der Hauptort von Graubünden und so gesehen natürlich auch ein Zentrum, eine Art Metropole. wo vieles läuft, für die grössere Region auch wichtig, denn man ist hier doch relativ abgeschieden von den ganz grossen Zentren, die sind nicht ganz so nah. Aber es gibt natürlich in Graubünden generell auch eine grosse Abwanderung in andere Kantone, ins Mittelland, in die Zentrenregion Zürich, wo die Bündner eine ganz grosse Minderheit darstellen, seit Jahrzehnten kann man sagen, seit längerer Zeit. Aber Kur... ist eine lebendige Stadt, ein lebendiges Zentrum geblieben, wo auch viele Junge ihre Ausbildung absolvieren können. Was bedeutet Chur für Graubünden? Chur ist die unbestrittene Hauptstadt, ist die grösste Stadt selbstverständlich. Chur stimmt auch immer etwas progressiver, etwas linker ab, natürlich auch durch die vielen Staatsstellen, die hier geschaffen wurden. Im Laufe der Zeit, aber Chur ist auch sehr, sehr wichtig als Kulturmetropole, hat wunderbare Museen. Einerseits natürlich vom Bistum her sind sehr schöne Museen, das Domuseum beispielsweise zu besichtigen, dann aber auch das historische Museum, das Kunstmuseum, das Naturmuseum. Also hier ist eine ganz grosse Landschaft entstanden, die eben die Kultur des Kantons Graubünden belebt. Poli. Wie hat sich Chur oder Graubünden generell in die Eidgenossenschaft eingefügt? Chur hat sich gut in die Eidgenossenschaft eingefügt, Graubünden generell und diese Stadt ebenfalls. Es fand auch schon früh ein eidgenössisches Schützenfest hier statt. Überhaupt ist auch der Waffenplatz wichtig. So haben auch viele Restschweizer Chur und Graubünden kennengelernt. Und es kommt dann natürlich auch zur verkehrsmässigen Erschliessung. Ganz, ganz wichtig ist da eben, dass ein Anschluss gefunden wurde an das schweizerische Schienenverkehrsnetz. 1858 wurde Chur hier angeschlossen und Ende der 1880er-Jahre kommt dazu dann die Rätische Bahn. Hier ist der Knotenpunkt und die Rätische Bahn führte jetzt der... das Publikum und die Bündner in alle möglichen Bergtäler und ist mit fantastischen Bauwerken, Viadukten usw. ausgestattet, die wirklich sensationell anmuten heute noch, wie man eben in diese schwierige Landschaft auch den Schienenstrang gesetzt hat. Ein unglaubliches Meisterwerk, der auch wahrscheinlich tourismusfördernd ist. Was bedeutet der Tourismus? Für Graubünden, für Chur, weisst du da näheres, wie wichtig dieser Wirtschaftszweig ist? Nicht für Chur speziell, wo ja viele andere Arbeitsmöglichkeiten geschaffen worden sind, aber für den Restkanton ist der Tourismus ganz, ganz enorm wichtig. Er ist unbestritten ein wichtiger Erwerbszweig für viele Bündner. Natürlich sind es manchmal fast zu viele Touristen und sind auch nicht alle gleich willkommen, vielleicht auch nicht ganz immer. den richtigen Ton treffen oder anständig. Man müsste hier mit der einheimischen Bevölkerung durchaus einen angenehmen Ton treffen können, wenn man schon von aussen kommt. Aber sehr viele Schweizer, sehr viele Menschen aus dem internationalen Umfeld kommen natürlich in die Graubündner Berge, um hier ihre Ferien und ihre Freizeit zu geniessen. Welchen Aspekt von Chur, vom Bistum vielleicht auch? Diese wirklich noch schönen Altstadt haben wir bis jetzt vergessen? Man müsste vielleicht auch noch von der übrigen Verkehrsanbindung sprechen. Da ist natürlich auch die Autobahnanbindung sehr, sehr wichtig, die dann weiterführt, vor allem auf den San Bernardino, dann Richtung Süden, Richtung Tessin. Das ist ausserordentlich wichtig. Oder dann eben in Sengadin, in den Julier oder ins Brett. Etigau, Inns, Schanfick, überall sind hier Möglichkeiten. Und Chur bildet eigentlich das Zentrum, wo dann gewissermassen das Spinnennetz in alle Täler hinausläuft. Lieber Christoph, ganz herzlichen Dank für diese Ausführungen. Ihnen danken wir ganz herzlich für die Aufmerksamkeit. Ich wünsche Ihnen ein wunderschönes Wochenende, einen schönen Samstag. Und bis zum nächsten Mal bei Weltwoche Daily Spezial. Und bis zum nächsten Mal vor allem bei den Meilensteinen der Schweizer Geschichte. Vielen Dank. Untertitelung des ZDF, 2020